Epilepsie - woanders schlimmer?

Hier geht es um Epilepsie und die Behandlung verschiedener Epilepsie-Formen mit Medikamenten.

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alexandra

Beitragvon alexandra » 09.08.2004, 12:17

hallo sabine,

ich frage deswegen, weil es eine gängige lehrmeinung in der epileptologie zu geben scheint, die lautet:viele anfälle =schlechte entwicklung, wenig anfälle = gute entwicklung. dazu gibt es wohl studien, die das gut zu belegen scheinen. und ich kenne auch kinder, für die das laut angaben der eltern zutrifft, die dann nach dem anfall sehr müde sind etc. aber ich kann das bei joana so nicht nachvollziehen und einige mütter in meinem umfeld sehen das ähnlich wie ich. ich würde mich sehr über weitere meinungen bezüglich eurer erfahrungen freuen.

viele grüße, alexandra

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Beitragvon Kathrin Vortmann » 10.08.2004, 13:15

Hallo Alexandra. Paula hat viele Anfälle und heftige Anfälle gehabt und hat sich trotzdem weiterentwickelt. Nicht so, wie "normale" Kinder, aber immerhin weiter. Liegt es jetzt an den Grundproblemen, oder an den Anfällen, wer mag das entscheiden?
Liebe Grüsse
Katty
2 Kinder, Luis gesund, Paula Hydrocephalus und Epilepsie,

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Julia
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Beitragvon Julia » 10.08.2004, 15:58

Hallo Alexandra!
Ich denke, dass damit einfach nur zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass ein Krampfanfall dem Gehirn schadet (und wie sehr).
Natürlich bedeuten dann viele Krämpfe auf lang gesehen einen schlechtere Entwicklung, als mit weniger Anfällen bei ein und dem selben Menschen(Komparativ logisch).

Natürlich gibt es Epileptiker, die trotzdem eine "bessere" Entwicklung durchlebt haben, als ein Nicht-Epileptiker, da man eine Entwicklung nicht nur der Epilepsie wegen beurteilen/einschränken kann, man muss natürlich alles andere auch noch berücksichtigen.

Das Lennox-Syndrom (eines der schwersten Epilepsiesyndrome im Kindesalter) z.B., zieht die Folge des stetigen (geistigen) Abbaus mit sich.

MfG,
Julia

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Beitragvon Tobias » 10.08.2004, 23:29

Hallo,

die Frage nach der Hirnschädigung ist eine weitverbereitete! Es wird auch oft verunsichert, zumal man sich wirklich an Experten wenden sollte, wenn das Kind krampft!

Bedenkt man, dass jeder Mensch (egal ob gesund oder behindert) eine gewisse "Krampfbereitschaft" hat, so kann man sagen, dass jeder von uns zu jeder Zeit einen Krampfanfall haben kann. Soviel zu den Voraussetzungen...

Die Frage, in wieweit ein Gehirn geschädigt ist, ist schwer zu beantworten. FAKT ist, dass Kinder und Erwachsene mit starker Hirnschädigung sicherlich eine erhöhte Krampfbereitschaft haben. Ich habe aber auch Kinder in der Praxis gehabt, die ein Gehirn wie ein "Schweizer Käse" hatten, und bisher noch nie auch nur einen einzigen Krampfanfall hatten. Umgekehrt habe ich CT-unauffällige Kinder, die ständig so genannte "Absencen" haben und somit eine deutlich erhöhte Krampfbereitschaft zeigen, ohne nach außen auch nur in irgendeiner Form aufzufallen.

zur Frage der Schädigung kann man nur sagen, dass ein Gehirn immer dann Gefahr läuft geschädigt zu werden, wenn es zu einem Grand Mal Anfall kommt und DAZU eine Sauerstoffminderversorgung eintritt. Ansonsten ist die Gefahr einer Schädigung nicht sehr groß, was die bleibenden Schäden angeht (außer die unten aufgeführten Krankheiten...). In der Neurologie ist das zumindest die gängige Meinung. Gehirnzellen "sterben nicht einfach nur durch einen Krampf ab", dazu gehört eben im Wesentlichen der O2-Mangel.

Fakt ist aber, dass die Kinder, die sich schlecht entwickeln oft mit schwierigeren Grunderkrankungen zu tun haben (siehe BNS-Krämpfe/West-Syndrom/Lennox-Syndrom (selten)) oder andere Entwicklungsstörungen. Dabei fällt dann eben oft die mangelnde Entwicklung auf und dies wird dann oft als Retardiert bezeichnet...
und bei diesen schweren Formen sind oft weniger als 10% geistig normal...

Folgen der Epilepsie sind in der Regel starke Müdigkeit und große Erschöpfung.

Bei den "Anfällen" sieht die Verteilung z.B, so aus:
- Fieberkrämpfe: 2,5%aller Kinder
- 30% aller ICP haben ein Anfallsleiden
(davon Tetraparesen 41%/ Diparesen 33%/ Hemiparesen 25%/Athetosen 17%/etc.)
- Epilepsien 0,7% der Gesamtbevölkerung
- 4-5% aller Bundesbürger haben einmal im Leben gekrampft

Gruß, Tobias
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Beitragvon Julia » 13.08.2004, 01:22

Hallo zusammen!
Ergänzend möchte ich noch sagen:
Die Frage, ob und wie ein epileptischer Krampfanfall bleibende Schäden im Gehirn hinterlässt ist nicht geklärt, bei einem Status soll dies aber der Fall sein.
Bei zumindest einem Teil der Patienten ist nachgewiesen, dass sich die Mitochondrien aufblähen und somit Zellen zerstören. (Quelle: Prof. der Epileptologie Uni BN).
Ich kenne auch einen Neurologen, der sagt, dass es bei einzelnen Fällen nicht bekannt sei, dass Gehirnzellen vernichtet werden.

Julia.

P.S.: Was ich eigentlich sagen wollte :lol: , jetzt aber im post steht: Viele Kinder "verlernen" doch auch manches nach einem Krampf/Status...
Zuletzt geändert von Julia am 15.08.2004, 02:04, insgesamt 2-mal geändert.

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Beitragvon Beate » 13.08.2004, 14:30

Hallo,

Gott sei Dank war Sarah noch nie im Status. Doch zu Zeiten mit täglich mehreren Anfällen und unterschiedlichen Anfallsformen, hat sie sehr viel Erlerntes verlernt. Egal, was mir da Neurologen oder Studien erzählen - wir haben es erlebt! Diese Erfahrungen zu machen, tat ganz schön weh.

Alles, was Sarah vor den Anfallsserien konnte, hat sie wieder erlernt - aber sehr zögerlich.
Mir ist nicht wirklich klar, ob die Rückschritte durch die Anfälle oder durch die anschließende Müdigkeit/Trägheit kamen. Sarah hatte die `Anfallsserie´ über mehrere Monate. Zu der Zeit war mit ihr nicht viel anzufangen, da sie immer müde und abgeschlagen war. Das hemmt natürlich jede Lust Neues zu lernen.

Viele Grüße
Beate
Sarah *02.96 Lissenzephalie Typ I (läuft leider nicht mehr - spricht ca. 40 Worte - schwere Wahrnehmungsstörungen - globale Entwicklungsstörungen - resistente Epilepsie(inzw. fast anfallsfrei - Ataxien)
Sie ist glücklich und hat viel Spaß!

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Beitragvon Kathrin Vortmann » 13.08.2004, 19:57

Hey Tobias, was ist denn bitteschön "geistig normal". Das ist das typische Schubladendenken, was wir bei unseren Kindern doch wohl überhaupt nicht wollen.
Denn bitte, was ist schon NORMAL?
Gruß Katty
2 Kinder, Luis gesund, Paula Hydrocephalus und Epilepsie,

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Beitragvon Tobias » 13.08.2004, 21:34

Hallo Kathrin,

du hast Recht! Es ist eine Schublade. Aber eine die ich in dem Zusammenhang mit den schwersten Formen von epileptischen Erkrankungen genannt habe. Die dazugehörige Prozentangabe ist im Übrigen nicht von mir (woher auch?), aber aus einem Neurologischen Vortrag über Epilepsie, den ich vor kurzem gehört habe und dies im Zusammenhang mit den "geistigen" Faktoren, sprich: "ist das was oder ist da nix?"

Ich bin im Übrigen gestern in meiner Praxis von einer Mutter mit einem "Hydrozephalus-Kind" gefragt worden, ob das Kind später wohl mal "geistig normal sein" wird!

Uuuups, Schublade auf!

Ich habe ihr gesagt, dass ich das nicht wissen kann, und dass man dabei keine Prognose geben kann! Im Übrigen meinte ich zu Ihr, dass soetwas sicherlich nicht mit Intelligenz (IQ) gemessen werden kann und dass man Geduld haben muss...

Vielleicht hilft mein aktueller Kommentar zu der "geitigen Normalität" etwas weiter ?!?

Gruß, Tobias


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