wie steht der Islam zum Thema Behinderung?

Hier könnt ihr Diskussionen bezüglich religiöser Fragen und Meinungen führen - oder auch einfach über religiöse Feste wie Taufen, Konfirmationen etc. brichten. Für Familien mit besonderen Kindern haben religiöse Sitten und Gebräuche schließlich auch einen besonderen Charakter.

Moderator: Moderatorengruppe

Estel
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 242
Registriert: 22.12.2005, 14:22
Wohnort: Zethau

wie steht der Islam zum Thema Behinderung?

Beitragvon Estel » 28.08.2006, 12:15

ich habe aus gegebenen anlass eine frage:

wie steht eigentlich der islam zum thema behinderung ?!

ich frage nur, weil ich demnächst den papa unseres pflegesohnes raik kennenlerne. er will ihn nach 1,5 jahren wieder mal sehen – aber nur auf neutralen boden, also beim jugendamt und im beisein von unserer sozialarbeiterin.

ich weiß ja nicht, was dem guten mann so durch den kopf geht und ich mag ja auch nicht unbedingt ins berühmte fettnäpfchen treten. mir bleibt auch nichts erspart, aber das besuchsrecht hat er ja nun mal...

ines
Raik (* 03.01.2004 - Pflegekind) Cytomegalie, gehörlos, entwickl.-verz., cerebrale Bewegungsstörung, freies Laufen seit 31.07.06 (KG nach Voita), Cochlea Implantat seit 08.08.06

Mika Daniel ( * 03.02.2006 ) Di George Syndrom, wurde am 27.04. 06 am Herz operiert (Truncus arteriosus Typ 1), Reflux

Werbung
 
Estel
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 242
Registriert: 22.12.2005, 14:22
Wohnort: Zethau

Beitragvon Estel » 28.08.2006, 12:19

pss. er ist iraker und moslem, habe ich ganz vergessen zu erwähnen...
Raik (* 03.01.2004 - Pflegekind) Cytomegalie, gehörlos, entwickl.-verz., cerebrale Bewegungsstörung, freies Laufen seit 31.07.06 (KG nach Voita), Cochlea Implantat seit 08.08.06

Mika Daniel ( * 03.02.2006 ) Di George Syndrom, wurde am 27.04. 06 am Herz operiert (Truncus arteriosus Typ 1), Reflux

Benutzeravatar
Sabine
Moderator
Moderator
Beiträge: 20414
Registriert: 20.03.2004, 17:14
Wohnort: Menden-Lendringsen
Kontaktdaten:

Beitragvon Sabine » 28.08.2006, 12:32

Hallo Ines,

in Jan-Pauls Gruppe sind und waren immer mal wieder schwer mehrfach behinderte muslimische Kinder. Im KH habe ich vor einigen Jahren auch türkische und iranische Kinder kennen gelernt. Meine eigenen Eindrücke decken sich hier weitesgehend mit denen von Erzieherin und Therapeuten, wenn wir mal über das Thema gesprochen haben.
In vielen muslimischen Familien werden die behinderten Kinder sehr "unter Veschluss" gehalten. Sie werden zwar liebevoll umsorgt und im "Familienclan" herumgereicht, aber kaum "nach draußen" gebracht. Dem Kindergarten stehen diese Familien oft ablehnend gegenüber. Das Kind soll nach Möglichkeit in der Familie verbleiben und nicht so viel Kontakt mit "deutschen Einrichtungen" haben.
Dann gibt es noch das andere Extrem: Familien, in denen ein behindertes Kind unerwünscht ist und zum Beispiel aufgrund einer bereits hohen Geschwisterzahl die Eltern das Kind nicht bei sich behalten können oder wollen. Es wird dauerhaft im KH "geparkt", hin- und hergeschoben bis sich vielleicht endlich eine Pflegefamilie oder eine passende Einrichtung findet. Aber das hört man ja von deutschen behinderten Kindern auch oft genug... :roll:
Bei uns ist es so, dass die muslimischen Eltern kaum oder gar keinen Kontakt zu anderen Eltern wünschen. Die Mütter sind völlig aufs Haus und die Kinder fixiert, können meist kaum deutsch und wirken oft "verhuscht" und "eingeschüchtert".
Ich habe aber kürzlich erst den sehr netten, sehr sympathischen Vater eines Jungen aus JPs Gruppe kennengelernt, der gut deutsch sprach und Standpunkte vertrat, die ich teilen konnte.

LG
Sabine
Unsere Vorstellung? -> hier klicken
Jan-Paul (10/01), schwer mehrfachbehindert ohne Diagnose, Tim-Henrik (03/05), Lea-Kristin (01/11)
REHAkids - Das Forum für besondere Kinder
Bücher für Kinder und Jugendliche http://buch.blogon.de/

Stefan Schneider
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 7
Registriert: 24.08.2006, 17:46
Wohnort: Berlin

Beitragvon Stefan Schneider » 28.08.2006, 20:04

Hallo,

ich arbeite ja zur Zeit alss Praktikant an einer Behindertenschule und ich muss sagen das ich da auch schon einige Kinder mit muslimischen Hintergrund kennengelernt habe und die Eltern bisher keinesfalls ablendend aufgetreten sind. Eher holen sie jeden Tag ihr Kind ab und fragen ganz wissbegierig nach was heute den ganzen Tag gemacht worden ist und wie sie ihren Kindern zu Hause weiterhin unter die Arme greifen können.
Das habe ich persöhnlich von vielen Lehrern bisher gehört und auch selbst erfahren.

Da bleibt also fest zustellen das es wie immer auf beiden Seiten oder bei allen Religionen etc. schwarze Schafe geben kann. Dabei ist es halt wohl eine Art Verständnis für die Behinderung welche erlernt und akzeptiert werden muss.

mfg

lynette
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 126
Registriert: 25.03.2006, 17:03

Beitragvon lynette » 28.08.2006, 20:57

Hallo, mein Mann hat im KH eine heftige Story erlebt. Unsere Tochter war wegen der Epi da. Sie schlief schon und Männe wollte noch lesen und saß auf dem Flur. Eine offensichtlich muslimische Familie traf ein. Deren Kind musste UNBEDINGT ins KH. Warum hat er nicht mitbekommen. Naja, es war kein Zimmer mehr frei und der Junge sollte die Nacht zu einem behinderten Kind ins Zimmer.

Die Frau war wohl schwanger und die Familie hat sich geweigert, dort zu bleiben. Die vom KH haben mehrfach erklärt, es gebe keine andere Lösung.
Seine Frau sei schwanger und sie hätten Angst um ihr Baby, wenn die Frau mit so einem Kind in einem Zimmer schlafen würde....

Die haben unterschrieben und wollten nach Bremen in die Kinderklinik. In unserer Klinik wurden sie drauf hingewiesen, dass Bremen auch voll ist und nur OL aufnehmen kann, weil es sich um eine Klinik handelt, die aufnehmen MUSS. Bremen wohl net.

Ohne Rücksicht auf ihr schwer krankes Kind sind sie von dannen gezogen.

Mein Mann war völlig perplex und hat nur zu hören bekommen, dass sie dort öfter solche Probleme haben.

Ich persönlich denke nicht, dass es ein Glaubensproblem ist. Also dass es am Islam liegt, sondern eher an der Gesellschaft, die in den islamischen Ländern vorherrscht. Ich kann nur vermuten, aber ich denke, dass es eben dort nicht "angesehen" ist oder gar schlimmer, wenn man ein behindertes Kind hat.

Und wenn man mal überlegt, wieviele behinderte türkische, iranische, irakische Kinder man sieht..... eigentlich keine. Und nicht, weil es keine gibt- denn gesunde Kinder aus überwiegend islamischen Ländern gibt es ja auch sehr sehr viele hier.

GGLg, lyn,die das alles versucht hat, völlig wertfrei zu schreiben!
Unsere Tochter ist 8 und hat myoklonische Absenceepilepsie.
2 Söhne, 6 Jahre und gesund.

Renate63
Kinder-<br>krankenschwester
Kinder-<br>krankenschwester
Beiträge: 1856
Registriert: 20.05.2006, 17:52
Wohnort: NRW

Beitragvon Renate63 » 28.09.2006, 09:52

Hallo,

ich habe eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester gemacht und habe ja nun auch selbst 18 Jahre Erfahrung mit 3 besondren Kindern - daher eben viel KH Erfahrung. Aber auch Erf. mit anderen Einrichtungen.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Ablehnung eines behinderten Menschen in erster Linie mit der Herzensbildung und dann ggf. mit dem Bildungsniveau und zuallerletzt mit der Religion zusammenhängt.


Horrorgeschichten habe ich auch erlebt, aber die möchte ich hier nicht wiedergeben, weil das Bild einfach zu einseitig würde.
Ablehnung habe ich in muslimischen Familien erlebt, aber Ausgrenzung und Hass gg. besondere Kinder habe ich auch von Familien mit christlichem Hintergrund erfahren.

Gerade in der heutigen Islamismus-Diskussion möchte ich keine "Stammtischgeschichten" loswerden, die sich interessant lesen, aber in keinster Weise irgendeinen echten Beitrag zum Verständnis der Kulturen leisten würden.

Laß Dich einfach überraschen, wie der leibliche Vater reagiert, Ihr werdet ihn ja in einem geschützten Rahmen treffen. Es ist sicher für beide Seiten sehr schwierig, mit dem Problem umzugehen.

Viel Glück,

Anette

Madeleine

Beitragvon Madeleine » 28.09.2006, 12:20

Hallo,

wir können ja hier mal eine Umfrage machen, wieviele von uns alleinerziehend sind und wieviele Kinder darunter sind, um die sich der leibliche Vater wirklich bemüht und wieviele von uns Müttern uns voll unterstützt fühlen.

Gerade für Männer aus islamischen Familien ist es oft gang und gebe, das ein 2jähriges Kind eindeutig von der Mutter oder den Frauen der Familie versorgt wird.

Auch in Deutschland gab es Zeiten, wo behinderte einfach versteckt wurden und das es immer noch nicht selbstverständlich ist sieht man doch auch daran, wieviele Begegnungen wir haben, wo man nur mitleidig angeschaut wird. Wieviele Untersuchungen in Schwangerschaften gemacht werden, um dann gegebenenfalls abzutreiben usw.

Ich bin kein Fürsprecher des Islams aber auch kein Gegner - aber wenn ich z.B. meine zum Islam übergetretene Freundin besuche oder anrufe fragt diese sofort nach meinem Sohn, die Familie setzt sich zu uns und erkundigt sich (wir sind dann mit dem weiblichen Teil davon alleine) und ich erfahre dort so viel Hilfe und Zuwendung, wie von meiner eigenen nicht.

Da ist es mir doch egal, ob Allah gebeten wird sich meines Kindes anzunehmen.

Zusammenfassend: ich denke das Problem liegt ganz alleine darin, das behinderte aus der Norm fallen und uns als Eltern das ja auch irgendwie bewußt ist. Auch ich nehme mich da nicht aus, den auch ich behandle meinen Sohn nicht immer genauso wie seine Geschwister. Deswegen denke ich sollte man dem Vater Moslem oder nicht versuchen seine eventuellen Berührungsängste zu nehmen und daraufhin weisen inwieweit sich sein Kind noch weiterentwickeln kann, vielleicht sogar durch seine regelmäßige Mithilfe...

LG madeleine

Benutzeravatar
C.J.
Professional
Professional
Beiträge: 1282
Registriert: 22.01.2005, 19:56
Wohnort: London

Beitragvon C.J. » 28.09.2006, 12:51

Hallo,
Schreckensgeschichten gibt es doch in allen Religionen gegenueber Behinderten oder??
Als ich in Heidelberg praktiziert habe, gab es 2 muslimische Kinder (an die ich mich erinnere weil sie laenger da waren) auf der Station die beide sehr sehr lieb von ihren Eltern umsorgt wurden. Eines war blind und ihm fehlten mehrere Kopfknochen, das andere hatte eine ganze Reihe von Krankheiten. Die Eltern und auch Geschwister, Grosseltern etc... eben jeder der auf Station durfte waren staendig da, wollten Sachen wissen, riefen wenn si mal nicht gleich um 6 kommen konnten an um zu wissen wie die Nacht gewesen war, etc...

Natuerlich denke ich, dass manche muslimische Familien die Kinder nicht akzeptieren, aber das tun doch manche christliche, juedische und agnostische Familien auch, oder?

Gruss, C.J.
C.J., humangenetische Beraterin in Great Ormond Street Hospital for Children, London.

“Today you are You, that is truer than true. There is no one alive who is Youer than You.”
(Dr. Seuss)

jacki 92
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 23
Registriert: 10.10.2006, 20:54
Wohnort: Bergheim

Beitragvon jacki 92 » 03.11.2006, 18:32

Hallo Ines!

Ich glaube auch nicht, dass es an der Religion liegt.Ich kenne muslimische Väter die Votaj-KG machen,weil ihre Frauen die kleineren Geschwister betreuen.Oder die Väter die mit uns beim Elternabend sehr bemüht sind.Es gibt aber auch die,die nach der Geburt eines behinderten Kindes sagen,"Frau nix gut".Ich habe aber auch schon deutsche Männer gehört,die meinten, es lege wohl an ihrer Frau,denn sie seien normal.

Viele Grüße Jeanette
Jeanette(68) wegen geteilter Gebärmutter (Uterus Bicornis) drei Frühchen (32.ssw), Kevin(89)Tonus u. Koordinationstörung, Rechenschwäche(heute o.B). Joelle(92)Tonus und Koordinationsstörung, sprachbehindert(heute o.B). Jacqueline(92)sprachbehindert(heute o.B)Strabismus(OP06)Spastische Diplegie(läuft mit 2,5), lernbehindert

Werbung
 
leonsmama
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 142
Registriert: 07.12.2006, 11:20
Wohnort: Berlin-Kreuzberg

Beitragvon leonsmama » 11.12.2006, 12:53

hallo Ines,

Also ich denke, ich passe ganz gut zu Deiner Beschreibung.

Bsi vr kurzem lebten mein sohn und ich in einer deutsch-irakischen Patchwork-Familie mit 17 Jahren Altersunterschied, einem Kind mit ADHS und eben meinem über den ich schon schrieb.

Der Mann war ansonsten wunderbar.

Ich muss wohl erklären, dass ich 4 Jahre in Kreuzberg gewohnt habe, inmitten von Moslems, selbst keine Muslima bin, DEutsche ohne Konfession, aber versuche den Koran zu verstehn und zu erlernen.

ADHS wurde festgestellt, aber der Mann war nciht bereit sienem Sohn zu helfen, er sei "doch nciht krank im Kopf" oder "bescheuert". Das hat auch keiner egsagt, wir wollten es dem muslimischen deutsch-irakischen Mischlingsjungen alle nur leichter im Leben machen, indem man ihm gerecht werden konnte.

Wenn ejmand nervte, log sich der Vater raus.

Der Junge konnte Therapie bekommen, sogar Hippotherapie, medikamentenfrei, etc. . Trotz nachgewiesener starker Probleme in Konzentrationsfähigkeit, im schulischen Bereich, etc. ist der Vater uneinsichtig.

Seine Familie im Irak liebt den Junegn so, natürlich, man sieht ihm ja so nichts an, für die ist er halz "sehr aufgeweckt", "sehr aktiv"...
Der MAnn selbst hat nach sienen Aussagen über seine Kindeheit, dasselbe Problemm, so bekam ich das auch in den 3 1/2 jahren Kennen mit.

Allgemein habe ich es so kennengelernt, dass in muslimischen Familien Leute, egalb, ob Kinder oder Erwachsene, mit Behinderungen, gern abgegeben werden oer zumindest weitestgehend versteckt-teilweise sind sie das Schicksal-sie büßen für eine Sünde.

Meinem Sohn als I-Kind ist unterwegs mit seinen 10 muslimischen Kindern arabischer und türkischer HErkunft folgendes passiert:

Sie gingen am Kanal spazieren und sahen eine Gruppe schwer Körperbehinderter, die ebenfalls spazieren gingen.
Eines der Kinder fragte, was mit denen ist.
Ein anderes antwortete: "Alla hat sie für ihre Sünden bestraft"

ALLAAAH... ich sprach mit meinem derzeitigen Mann darüber, habe mich ergelrecht aufgeregt. Er war entsetzt.... er glaubt an Schicksal, die Abrechnung, das Paradies, aber eben auch, das Allah der Barmherzige ist, der Gerechte...
er perönlich scheint zu trennen zwischen sichtbarer udn nicht offensichtlich erkennbarer Behinderung.

Würde mich freuen zu erfahren, wie das Trefefn von Raik und seinem Dad gewesen ist.

Danke


Liebe Grüße und ebste Wünsche


Frauke
Leon (8), Epilepsie, Intentionstremor, globale Entwicklungsverzögerung, Sprachentwicklungsverzögerung, Dyslalie, motorische Retardierung, Muskelhypotonie, Koordinationsstörung, Neurodermitis, Allergien, früher Röhrchen und Beschneidung, zweifach Polypen entfernt, frühk. Reflexe (Reste), Tiefenwahrnehmungsstörung, AVWS, ...


Zurück zu „Religion/Spirituelles“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste