Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

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PaulaW
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Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon PaulaW » 11.09.2019, 07:58

Ihr Lieben,

wenn ich darf möchte ich Euch nochwas fragen. Es ist unbestritten, dass wir zwischendurch immer
wieder reizarme Pausen benötigen.
Nach der Schule braucht er diese dringender denn je.

Aber nachmittags zB möchte er sich immer öfter verabreden oder auch was Schönes unternehmen.
Kann man ja verstehen.
Von vielen dieser Unternehmungen weiss ich dass sie ihn überfordern und muss daher vieles
abschlagen.
Zumal sich die Klassensituation jetzt verschlechtert hat was ihn überfordert.

Wie schafft Ihr das ?
Wir gehen auch gerne in den Wald oder lesen mal ein Buch zusammen. Aber viele Sachen die er sich
wünscht, kann ich ihm nur in geringen Dosen erlauben.
Natürlich schlagen wir auch mal über die Stränge. :-)

Danke und
liebe Grüsse

Paula
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Alexandra2014
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Alexandra2014 » 11.09.2019, 09:14

Hallo Paula,

wir machen eigentlich alles, was Kind gerne machen würde (außer es geht wegen der Epilepsie nicht).
Wir stellen klare Regeln auf und machen feste Pausen, in denen gegessen und getrunken wird. Das wird sonst nämlich gerne mal „vergessen“ und macht es nicht besser.
Manche Ausflüge gestalten wir auch einfach kürzer. Also statt einem ganzen Tag Vergnügungspark, fahren wir erst mittags hin und wenn wir merken, dass Kind drüber ist, geht es nach Hause.

Gerade bei Dingen, die Kind gerne macht, funktioniert das auch bei uns.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

Michaela44
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Michaela44 » 11.09.2019, 10:55

Hallo,

ich würde, außer wenn es gar nicht anders geht, gewollte Unternehmungen nicht absagen sondern die Rahmenbedingungen modifizieren.

Stadtfest oder Schwimmbad nicht zu Stoßzeiten. Tierpark nicht gerade dann, wenn dort eine besondere Veranstaltung ist. Ohrschützer dabei haben. Verabredungen mit 1-2 Kindern und nicht mit einer ganzen Gruppe sowie eher in ruhiger Umgebung. Genügend Wegezeit und Zeit zwischen Aktivitäten/Schule/Essenszeiten/Terminen einplanen, damit es deswegen keinen zusätzlichen Stress gibt......

LG Michaela
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Regina Regenbogen
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Regina Regenbogen » 11.09.2019, 11:52

ich würde, außer wenn es gar nicht anders geht, gewollte Unternehmungen nicht absagen sondern die Rahmenbedingungen modifizieren.

Stadtfest oder Schwimmbad nicht zu Stoßzeiten. Tierpark nicht gerade dann, wenn dort eine besondere Veranstaltung ist. Ohrschützer dabei haben. Verabredungen mit 1-2 Kindern und nicht mit einer ganzen Gruppe sowie eher in ruhiger Umgebung. Genügend Wegezeit und Zeit zwischen Aktivitäten/Schule/Essenszeiten/Terminen einplanen, damit es deswegen keinen zusätzlichen Stress gibt......
Ja, genau so. Und zusätzlich immer bereit sein, die Aktivität zu beenden, sobald Anzeichen von Überforderung zu erkennen sind. Irgendwann merkt man auf einmal, dass die Zeitspannen immer größer werden.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
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PaulaW
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon PaulaW » 11.09.2019, 12:03

Herzlichen Dank ihr Lieben!
Das sind sehr wertvolle Hinweise für mich.
Hier schrieb mal jemand, dass man die Reiz Gewöhnung nicht üben kann. Ich habe hingegen auch den Eindruck, dass er es zunehmend länger gut aushält.
@Alex: ja, bei uns ist es auch so dass das Essen davon abhängt. Nicht nur was er isst (fast nur Knuspriges sehr wenige Lebensmittel überhaupt. Breiige Konsistenz and lösen Würgereiz aus alleine beim Anblick) sondern dass er überhaupt isst.
Wenn er überreizt ist, geht gar nichts rein und dann kommt irgendwann die Unterzuckerung.
(Spricht das für Autismus?)
Ja, bei uns hat es sich auch so entwickelt, dass wir antizyklisch unterwegs sind. Also z.b. Feste, wenn sie gerade beginnen.
Liebe Grüße Paula
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Regina Regenbogen » 11.09.2019, 12:24

Hier schrieb mal jemand, dass man die Reiz Gewöhnung nicht üben kann.
Natürlich kann man. Man muss eben nur nicht warten bis das Kind explodiert sondern es rechtzeitig bei den ersten Überforderungsanzeichen aus der Situation nehmen. Das gilt übrigens auch für die Schulzeiten, solltet ihr also einen Schulbegleiter haben, muss dieser dringend darauf achten.
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Michaela44 » 11.09.2019, 12:56

Hier schrieb mal jemand, dass man die Reiz Gewöhnung nicht üben kann.
Natürlich kann man. Man muss eben nur nicht warten bis das Kind explodiert sondern es rechtzeitig bei den ersten Überforderungsanzeichen aus der Situation nehmen. Das gilt übrigens auch für die Schulzeiten, solltet ihr also einen Schulbegleiter haben, muss dieser dringend darauf achten.
Ja, aber....

Zum Teil möchte ich hier vehement widersprechen.

Das mit bei Überforderung aus der Situation nehmen unterschreibe ich mit. Auch kann man den Stresslevel dadurch reduzieren, dass Situationen alltäglich und bekannter werde. Oder dadurch, dass das Kind lernt/erfährt, dass es keine Angst haben muss, dass es Dinge schafft und kann.

Aber: eine Reizgewöhnung gibt es nicht. Man gewöhnt sich vielleicht daran, Reize, die einen belasten, auszuhalten. Dies erzeugt aber einen erhöhten Stresslevel und akkumuliert sich auf Dauer und führt so womöglich zu späteren Erkrankungen wie Depressionen. Außerdem kann man nicht nur ein Gefühl unterdrücken, man unterdrückt dabei automatisch alle Gefühle und entfernt sich von sich selbst. Auch nicht gut.

Kanadische Wissenschaftler haben den Augenkontakt von Autisten und NTs untersucht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass ein bestimmtes Hirnareal beim Augenkontakt aktiv ist (ich habe vergessen, welches). Autisten erreichen mit ihrem sehr kurzen Augenkontakt die gleiche Hirnaktivität wie NTs mit ihrem deutlich längeren. Haben die Autisten den Augenkontakt auf ein Maß verlängert, wie es bei NTs üblich ist, wurde besagte Hirnregion überaktiv. Sie standen unter "Hochspannung" mit den üblichen Folgen: Stress, Kopfschmerzen, Überreizung,.... Diese Überaktivität ließ sich nicht wegtrainieren.

Insofern gibt es keine Reizgewöhnung.
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Regina Regenbogen » 11.09.2019, 13:08

Aber: eine Reizgewöhnung gibt es nicht. Man gewöhnt sich vielleicht daran, Reize, die einen belasten, auszuhalten. Dies erzeugt aber einen erhöhten Stresslevel und akkumuliert sich auf Dauer und führt so womöglich zu späteren Erkrankungen wie Depressionen. Außerdem kann man nicht nur ein Gefühl unterdrücken, man unterdrückt dabei automatisch alle Gefühle und entfernt sich von sich selbst. Auch nicht gut.
Das gilt jetzt für Erwachsene, sehe ich das richtig?
Kanadische Wissenschaftler haben den Augenkontakt von Autisten und NTs untersucht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass ein bestimmtes Hirnareal beim Augenkontakt aktiv ist (ich habe vergessen, welches). Autisten erreichen mit ihrem sehr kurzen Augenkontakt die gleiche Hirnaktivität wie NTs mit ihrem deutlich längeren. Haben die Autisten den Augenkontakt auf ein Maß verlängert, wie es bei NTs üblich ist, wurde besagte Hirnregion überaktiv. Sie standen unter "Hochspannung" mit den üblichen Folgen: Stress, Kopfschmerzen, Überreizung,.... Diese Überaktivität ließ sich nicht wegtrainieren.
Bei dem Beispiel Augenkontakt gebe ich dir Recht, das bekommt mein Jüngster auch heute noch nicht so wirklich hin, muss er aber auch nicht, dafür gibt es andere "Tricks" um den NT`s Augenkontakt vorzutäuschen. Allen anderen Reizüberflutungen konnte er sich mit der nötigen Gewöhnung und Unterstützung in den vergangenen 14 Jahren sehr gut entledigen indem er seine eigenen Grenzen kennengelernt hat, ganz ohne Neigungen zu Depressionen. Im Gegenteil, er ist ein sehr lebensfroher Mensch geworden, der sein Leben in vollen Zügen genießt und sich auf die Zukunft freut. Von daher ist es mir ziemlich egal, ob man das Reizgewöhnung oder anders nennt, letztendlich zählt das Ergebnis.

Kleines Beispiel: Mit 3 Jahren waren schon "Menschenansammlungen" von mehr als 5 Leuten eine Garantie für meinen Sohn, dass er völlig austickt. Heute mit 17 Jahren geht er auf eigenen Wunsch wiederholt und gerne alleine mit Freunden auf Open-Air-Festivals mit 4000 Besuchern und einer entsprechenden Geräuschkulisse. Er braucht am nächsten Tag zwar etwas mehr Ruhe, aber wer braucht das nach so einem Event nicht?

In diesen dazwischenliegenden Jahren haben wir u. a. das mit ihm geübt, die Events wurden langsam aber stetig immer größer, so wie er es jedes Mal vertragen hat ohne Folgeschäden.

Ich habe das alles nie gelernt, jeder Versuch von mir in den letzten Jahren wurde mit wochenlangen Ganzkörperschmerzen bestraft. Von daher musste mein Mann diese "Übungen" alleine machen als die Menschenansammlungen größer wurden.
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Michaela44 » 11.09.2019, 14:19

Ich bin als Jugendliche auch jedes Wochenende in der Disco gewesen und weder Lärm noch Gedränge hat mich gestört. Heute kann ich im ÖPNV nur noch mit Gehörschutz teilnehmen und selbst dann ist es mir noch zu laut und ich finde es schon furchtbar, wenn mich die Jacke vom Sitznachbarn regelmäßig streift.

Ich will damit weder sagen, dass das eine zwangsläufig die Ursache vom anderen ist, noch deinem Sohn raten, nicht zu den Festivals zu gehen (im Gegenteil, er soll Spaß haben, wo es nur geht).

Und auch autistische Kinder entwickeln sich.

Bei Reizgewöhnung kommt mir nur schnell der oft (auch von unerfahrenen Ärzten) genannte Satz "das muss er/sie" aushalten lernen" in den Sinn und diesen Satz von Außenstehenden finde ich sehr übergriffig, weil sie oft gar nicht nachempfinden können, was für eine Belastung das bedeuten kann (damit meine ich nicht euch).
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Regina Regenbogen » 11.09.2019, 15:09

Ich bin als Jugendliche auch jedes Wochenende in der Disco gewesen und weder Lärm noch Gedränge hat mich gestört.
Das habe ich auch versucht als Jugendliche, habe mich dazu gezwungen, weil es alle anderen ja auch machten. Ich habe aber schnell gemerkt, dass mich das richtiggehend kaputt macht und es gelassen.
Ich will damit weder sagen, dass das eine zwangsläufig die Ursache vom anderen ist, noch deinem Sohn raten, nicht zu den Festivals zu gehen (im Gegenteil, er soll Spaß haben, wo es nur geht).
Es geht nicht nur um Spaß, aber ja, damit lernt man eindeutig besser und schneller. Er kann heute auch Vorstellungstermine von über 5 Stunden Dauer gut mitmachen, inklusive persönlicher Vorstellung, Einstellungstest und Interview in einem Raum mit 20 anderen Mitbewerbern und 4 Firmenangehörigen. Und es geht ihm danach auch noch gut, auch wenn er geschafft ist. Niemals hätte ich vor 10 oder 15 Jahren zu wagen gehofft, dass mein Küken das alles gewuppt bekommt und auch nicht ansatzweise daran zerbricht. Er ist heute für Aussenstehende weniger autistisch als ich, trotzdem er sich des Autismus jeden Tag bewusst ist. Ich denke, ich habe aus meinem Leben die richtigen Schlüsse für die Erziehung meines Kindes gezogen bzw. wie ich wo was besser machen kann für ihn.
Bei Reizgewöhnung kommt mir nur schnell der oft (auch von unerfahrenen Ärzten) genannte Satz "das muss er/sie" aushalten lernen" in den Sinn und diesen Satz von Außenstehenden finde ich sehr übergriffig, weil sie oft gar nicht nachempfinden können, was für eine Belastung das bedeuten kann (damit meine ich nicht euch).
Ist ok, sehe ich grundsätzlich auch so. Niemand ausser meinem Sohn kann ermessen, was er aushalten kann bzw. bereit dazu ist, auszuhalten.
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