Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

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melly210
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon melly210 » 11.09.2019, 15:39

Mein Sohn ist vermutlich kein Autist, aber er hat Wahrnehmungsstörungen und ist auch recht reizoffen. Wir planen für ihn anstrengende Aktivitäten ggf. kürzer, oder beobachten ihn und gehen wenn es für ihn zuviel wird. Und wir planen ausreichend Ruhepausen davor oder danach ein.

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Engrid
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Engrid » 11.09.2019, 17:50

Hallo,

das ist ein spannendes Thema, ein ewiger Grenzgang quasi. Der Reizfilter wird, glaube ich, nicht besser. Im Gegenteil, ich fürchte meiner wird mit zunehmendem Alter wieder schlechter, da war meine einfachste Zeit wohl das junge Erwachsenenalter. (Bin nicht autistisch, aber ausgeprägt reizoffen)
Gewöhnen kann man Junior an Reize nicht. Was aber sehr viel ausmacht, ist das besser einordnen können und das besser verstehen können. Damit fällt das Gefühl der Ohnmacht weg, und man ist dem ganzen nicht mehr ausgeliefert. Das macht es schon weitaus weniger überwältigend. Deshalb versuchen wir, ihm Erklärungen und Verständnishilfen anzubieten, und zwar auf die Art, wie ER gut lernt (zb indem er eine Situation ganz oft auf Video guckt).

Am schwierigsten fürn Junior sind einerseits komplett neue Situationen. Und andererseits soziale unvertraute Situationen. Meist geht das ja Hand in Hand.

Eine sehr wichtige Hilfe über die Jahre ist fürn Junior das eiserne Familienprinzip, dass er SOFORT aus der Situation darf, wenn er es formuliert. Also nicht „ich muss bloß noch schnell ...“ oder so, sondern wenn er das sagt weiß er, wir gehen unmittelbar. Das im Hinterkopf zu haben, ist eine super Versicherung und hilft ihm sehr.
Was wir auch machen, um Situationen das Neue zu nehmen: Vorher schon mal in Ruhe angucken, notfalls auch bloß im Internet, am besten aber vor Ort. Da reicht ihm im Grunde ein kurzer Blick, da wird alles gescannt: Interieur, Geräusche, Menschen, ... Dann kann er sich drauf einrichten und ist in der Situation selber dann nicht mehr so überfordert.
Ansonsten machen wir es so, wie Michaela und Regina das beschrieben haben, und fahren sehr gut damit.

Allerdings bleibt da bei meinem Sohn eine recht große Behinderung, das ist für ihn einfach extrem anstrengend, und das wird wohl auch so bleiben. Das ist bei jedem Kind anders, bei jedem Autisten bzw AD(H)Sler anders ausgeprägt, weil vieles zusammenspielt.

Was ich auf einer Fortbildung über Autismus & Depressionen gelernt habe, und seitdem immer im Hinterkopf: Der beste Schutz vor Depressionen ist, die Selbstwirksamkeit zu erholen, also das die Kinder das Leben als selbst gestaltbar erfahren. Dazu gehört Flexibilität (ganz wichtig), und gleichzeitig die Erfahrung, dass die eigenen Bedürfnisse gut und richtig sind und von anderen ernst genommen werden.

Lass also Deinen Sohn teilnehmen an den Dingen, die er machen möchte. Und bringe ihm bei, dabei bewusst seine Grenzen wahrzunehmen und danach zu handeln. (Bei meinem Sohn muss man da anfangs manchmal fast diktatorisch bestimmend sein)

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

PaulaW
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon PaulaW » 12.09.2019, 08:46

"Was ich auf einer Fortbildung über Autismus & Depressionen gelernt habe, und seitdem immer im Hinterkopf: Der beste Schutz vor Depressionen ist, die Selbstwirksamkeit zu erholen, also das die Kinder das Leben als selbst gestaltbar erfahren. Dazu gehört Flexibilität (ganz wichtig), und gleichzeitig die Erfahrung, dass die eigenen Bedürfnisse gut und richtig sind und von anderen ernst genommen werden."

Danke Dir sehr Engrid.
Das ist sehr interessant mit der Selbstwirksamkeit.
Der Rest auch.

Die Flexibilität ist uns etwas abhanden gekommen, weil wir ja auch die tägliche Routine brauchen.

Wir verlassen auch manchmal fluchtartig Situationen, wenn er genug hat. Leute die uns kennen, wissen das schon.

Auch versuchen wir neue Situationen so gut es geht vorher zu beleuchten. Z.b. Fotos von einem neuen Arzt anschauen den er besuchen soll et cetera. Und ganz wichtig, ihm das Zepter zu überlassen, ob er sich schon behandeln lassen möchte oder lieber noch mal wiederkommen.

Was bei ihm sehr große Aufregung verursacht ist die Vorfreude auf anstehende schöne Ereignisse.
Er freut sich denn so sehr, dass er schon tagelang das Köpfchen voll hat und manchmal praktisch nicht ansprechbar ist bzw sehr aufgeregt plus Tics und Stottern. Hat dazu geführt, dass ich manchmal erst spontan sage wenn wir was Schönes vorhaben.
Gefällt mir nicht ganz so gut, nimmt ja auch die Vorfreude.

Herzlichen Dank für Euren tollen Input !

Liebe Grüße Paula
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Alexandra2014
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Alexandra2014 » 12.09.2019, 09:03

Hallo Paula,

wenn die Vorfreude aber nur Stress bringt und für das Kind im Grunde keine „Freude“ ist, ist die Lösung sicher besser, es erst kurz vorher zu sagen.
Wir machen das inzwischen exakt genau so! Unser Kind empfindet keine Vorfreude in dem Sinne. Es ist eher eine Qual, bis es endlich soweit ist.
Schwierig ist nur Weihnachten. Das kann man schlecht „verheimlichen“. ;-)

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Regina Regenbogen » 12.09.2019, 10:47

Vorfreude ist Spannung und bei jungen Kindern mit Autismus unerträglich, das stimmt. Wir haben die Ankündigungszeiten im Laufe der Jahre Stück für Stück ausgeweitet, damit dieses Gefühl für ihn an Unerträglichkeit verliert und zu einem positiven Gefühl wird. Verheimlich ging schlecht bei so vielen Geschwistern, ich wollte das auch nicht, nur um es mir leichter zu machen. Außerdem wird ihm dieses Gefühl immer wieder im Leben begegnen, im Kleinen als auch im Großen, ohne das ich darauf Einfluß nehmen kann. In der Schule vor und auch nach Klassenarbeiten und Klassenfahrten, bei der ersten Liebe, bei Einladungen auf Partys ... eigentlich immer und überall, ab dem Kindergartenalter und vermehrt je älter er wird. Hinzu kommen dann noch die negativen "Überraschungen" im Leben (wie z. B. Tod des geliebten Haustieres, Großelternteils, schwere Erkrankungen oder Unfälle von Elternteil oder Geschwister), die er möglichst überstehen sollte ohne daran zu zerbrechen. Das ging meiner Meinung nach aber nur, wenn mein Kind früh anfängt seine Gefühle zu erkennen. Etwas, was NT´s automatisch können mit ein wenig Hilfe, musste mein Sohn schwer und langwierig über die kognitive Schiene erarbeiten - die eigenen Gefühle wahrnehmen und adäquat verarbeiten.

Das ist natürlich auch für das häusliche Umfeld viel Arbeit, man muss jede (wirklich jede) noch so kleine Lebenssituation als Lehrstück verstehen.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Alexandra2014 » 12.09.2019, 11:30

Hallo Regina,
das ist total richtig und sehe ich im Grunde auch so.
Bei uns macht diese „Spannung“ aber leider auch vermehrt epileptische Anfälle, die ich dem Kind gerne erspare. Wir haben ja ohnehin schon genug davon.
Und ob mein Kind nun eine Woche oder eine Stunde vorher erfährt, dass die Cousins zu Besuch kommen, finde ich jetzt nicht so elementar wichtig.
Ich denke, das muss man ohnehin im Einzelfall entscheiden.

Wegen eines speziellen Wunsches, über den sie im Geschäft gestolpert ist, ist Weihnachten z.B. jetzt schon ein Thema. Und vorher hat sie ja auch noch Geburtstag... ☺️

Gruß
Alex
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Regina Regenbogen » 12.09.2019, 11:45

Die Flexibilität ist uns etwas abhanden gekommen, weil wir ja auch die tägliche Routine brauchen.

Man darf als Elternteil die tägliche Routine nicht als in Stein gemeißelte Regel sehen. Routinen müssen, je nach Entwicklungsstand des Kindes, langsam (vom Rand her) aufgeweicht werden, dann kommt auch die Flexibilität zum Vorschein und es verliert sich nicht gleichzeitig die Sicherheit, die Routinen mit sich bringen.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

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kati543
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon kati543 » 12.09.2019, 12:02

Hallo,
ich glaube man muss schon die ganz normale menschliche Entwicklung von der autismusspezifischen Entwicklung unterscheiden.

Schaue ich mir einen wirklich gesunden Menschen an und dessen Entwicklung von Kind bis ins Alter, dann gab es für dieses Kind auch irgendwann eine Zeit (früheste Kindheit), in der es überhaupt nicht mit Menschenmassen umgehen konnte. Das gesunde Kind verträgt irgendwann aber immer mehr Menschen und immer mehr an Lautstärke. Irgendwann mag es Disko. Aber irgendwann kommt auch der Punkt im Leben des mittlerweile erwachsenen gesunden Menschen, in dem er Diskos als zu laut empfindet. Die Menschenmassen sind dann einfach unangenehm. Desto älter der Mensch wird, desto weniger hält er auch aus. Das ist vollkommen normal.

Nun kenne ich genau 2 Autisten. Den einen juckt Lärm im Grunde gar nicht und Menschenmassen sind ihm vollkommen egal - er driftet einfach in seine Welt ab, Hauptsache er hat seinen „Anker“.
Der Andere hatte schon immer größte Probleme damit. Lautstärke und Menschenmengen war immer problematisch. Schon normale PKW-Geräusche reichten bis ins Grundschulalter für einen MeltDown aus. Heute liebt er übrigens Autofahren. Im Klassenzimmer hat er sich ständig unter dem Tisch versteckt und geschrien. Über viele Jahre hinweg wurde er sensibilisiert. Er bekam Kopfhörer in der Schule, Otoplastiken im privaten Bereich. Er durfte sie nehmen, wann immer er wollte. Mit den Jahren wurde das immer weniger. Heute (7. Klasse IGS) nimmt er sie kaum noch. Letztes Jahr ist er mit seiner Klasse bei einem Konzert vor einigen Tausend Eltern aufgetreten. Er war super stolz auf sich. Diese Woche musste er einen Vortrag vor allen Schülern und Lehrern (ca. 500) seiner Schule halten. Alles ist gut gegangen. Durch solche Erfolge lernt ein Kind, wird selbstbewusst und traut sich mehr.

Also ja, ich denke schon, man kann sich daran gewöhnen und es lernen. Aber gegen die normale Entwicklung des Menschen durch das altern kommt man nicht an...auch nicht als Autist. Und ein Autist ist grundsätzlich zuallererst ein Mensch.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

Silvia & Iris
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon Silvia & Iris » 12.09.2019, 12:32

Hallo,

... Disko: - warum muss eigentlich Disko gefallen? - oder auch Menschenansammlungen? - Ist man nun abnormal, wenn man diesen Ereignissen nichts abgewinnen kann? - Ist man dadurch gleich reizoffen?...
Es gibt doch durchaus eine gewisse Bandbreite... nicht jeder Jugendliche probiert das Rauchen aus, oder auch Alkohol... - und ist er deswegen abartig? - ... vielleicht fällt er auf in der Masse... - aber fallen nicht viele irgendwie auf? - Der eine, weil er so groß gewachsen ist, der andere, weil er eine besonders laute Stimme hat, der nächste, weil er von Natur aus feuerrotes Haar hat...

LG
Silvia
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

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AnnalenaO
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Re: Reizarm = spassfrei ? Wie macht ihr das ?

Beitragvon AnnalenaO » 12.09.2019, 12:58

Hallo Sylvia!
Es geht doch hier um ein Kind von dem die Mutter WEISS dass es besonders reizoffen ist. Das Kind MÖCHTE gewisse Aktivitäten machen von denen die Mutter WEISS dass sie tendenziell überfordern. Wie also DAMIT umgehen, das ist hier die Frage.
Ich mag keine Disco und mochte sie auch noch nie. Ich bin nicht autistisch. Klar gibt es das. Das ist hier aber nicht die Frage.
Grüsse
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit


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