Lehrbuchmeinung Autismus

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MajaJo
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Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon MajaJo » 08.08.2019, 12:38

Hallo zusammen,

ich hatte gestern ein langes Gespräch mit dem Therapeuten meines Sohnes. Es ging darum, ab die Therapie bei der ermittelten Diagnose (ftopic135150.html) überhaupt zielführend ist. Ich hatte frech den Asperger-Verdacht geäußert, den er mit einem Artikel aus einem Fachbuch ausräumen wollte:

Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen: https://books.google.de/books?id=3RD0to ... el&f=false

Vielleicht hat der eine oder andere von Euch Zeit, die Seite zu lesen um mir ein Feedback zu geben. Ehrlich gesagt war ich mehr als entsetzt, was da in dem Fachbuch stand und es wundert mich nicht, wenn dann bei gut kompensierenden Kindern kein Autimus gesehen wird.

Liebe Grüße

Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

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Engrid
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Re: Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon Engrid » 08.08.2019, 12:58

Hallo Maja,

ich stimme Dir zu. Der in der Fallvignette 2 beschriebene Junge wird total defizitorientiert beschrieben, obwohl sachlich einiges an Fähigkeiten erkennbar wird. Anstatt seine Stärken zu fördern, wurden ihm seine Spezialinteressen ausgetrieben, der Junge wurde zwangsangepasst.
Wer sich ein bisschen mit Autismus auskennt, weiß ja zudem, dass ein Einzelfall viel aussagt - über genau den Einzelfall.
Warum diese Fallbeschreibung nun belegen soll, dass Dein Asperger-Verdacht falsch ist, erschließt sich mir gar nicht.
Die Beschreibung des frühkindlich autistischen Mädchens ist quasi eine Themaverfehlung, da ist nichts substanzielles dabei.
Sehr oberflächlich, teils karikaturhaft - am Wesen von Autismus komplett vorbei. Traurig, dass sowas als „Lehrbuch“ gilt.

Damit läuft das Fässchen über, würde ich sagen: Diesen Therapeuten würde ich nicht an mein Kind lassen.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Re: Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon Regina Regenbogen » 08.08.2019, 13:35

Ach du liebe Güte, aus welchem Jahrhundert ist dieses Buch? Und was zur Hölle ist das für ein Therapeut, welche Fachrichtung?
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

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Beitragvon Engrid » 08.08.2019, 14:28

Nachtrag Vielleicht möchtest Du ja ein vernünftiges Lehrbuch, auf aktuellem wissenschaftlichen Stand, „dagegenhalten“:
https://www.socialnet.de/rezensionen/20489.php
(L. Tebartz van Elst: Autismus und ADHS)
Jetzt weniger für den womöglich unbelehrbaren Therapeuten, als für Dich selber :wink:
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Re: Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon Michaela44 » 08.08.2019, 15:49

Mal abgesehen davon, was bereits geschrieben wurde: habt ihr euch mal den ersten Absatz des ersten Falls (16 jährige Natalie) durchgelesen? Sie lebt in einem spezialisierten Heim, in dem sie unter Berücksichtigung ihres Autismus eine Ausbildung machen soll, und wird aufgrund massiver Eigen- und Fremdaggressionen ärztlich vorgestellt, nachdem man ihr Zimmer renoviert und zuvor alle ihre Sachen herausgeräumt hat. :evil:

Wieso muss es in Facheinrichtungen zu so etwas kommen? Wieso wird das Problem nur bei dem Mädchen gesucht und nicht beim Personal, die das Mädchen auf die Renovierung hätten besser vorbereiten müssen? Jedem, der sich mit Autismus auskennt, muss eine derartige RE-Aktion doch klar sein? Und auch in dem Lehrbuch fällt das niemanden auf. Es ist wohl eher ein Leerbuch....

Leider verstehen viele Fachleute Autismus/Autisten nicht.
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Re: Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon Engrid » 08.08.2019, 16:45

Noch eine Anmerkung zu mir, einer der Autoren des Kapitels über Autismus in diesem Lehrbuch, Prof. Remschmidt, hat auch eine ganzes Buch zu Autismus veröffentlicht. Dieses hinkt dem aktuellen Stand der Autismusforschung ziemlich deutlich hinterher: https://www.socialnet.de/rezensionen/14523.php
Soweit zur Einordnung dieses Handbuches, mit dem offenbar Studierende lernen. Da wird einem einiges klar ...
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Re: Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon MajaJo » 08.08.2019, 17:30

Engrid hat geschrieben:
Damit läuft das Fässchen über, würde ich sagen: Diesen Therapeuten würde ich nicht an mein Kind lassen.



Danke und stimmt wohl, dabei gibt er sich wirklich sehr viel Mühe und ist echt nett. Er kam tatsächlich ins Schwimmen als ich ihm meinen Verdacht begründete: Schließt z. B. keine Freundschaften (hat nur einen Kita-Kumpel seit er ein Jahr alt ist), mag keine Veränderungen, erträgt große Gruppen nicht, Spezialintressen, ist zu Hause unerträglich, wenn es in der Schule wieder anstrengend war. Er fragte mich dann, an welchem Ende des Spekrums ich ihn sehen würde, ob leicht oder schwer betroffen. Ich meinte dann, dass es vom Leidensdruck abhängen würde und nicht von der Außensicht. Mir war dieses Gespräch wichtig und ich werde auch noch ein weiteres führen, denn er meinte, es wäre ja egal, welche Diagnose man über die Probleme legen würde, diese müssten therapiert werden und die Bausteine wären immer dieselben :!: Ich finde es immer wieder total spannend, dass ich hier mehr lerne als bei vermeindlichen Fachleuten. Das Buch habe ich mir gleich bestellt.

Regina Regenbogen hat geschrieben:Ach du liebe Güte, aus welchem Jahrhundert ist dieses Buch? Und was zur Hölle ist das für ein Therapeut, welche Fachrichtung?


Das erschütternde ist ja, dass das ein aktuelles Fachbuch ist. Der Therapeut ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut i. A.

Liebe Grüße

Maja
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Re: Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon Regina Regenbogen » 08.08.2019, 17:35

MajaJo hat geschrieben:Der Therapeut ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut i. A.


Soll "i. A." in Ausbildung bedeuten? Dann versuche ihm, die richtigen Lehrbücher ans Herz zu legen, sonst haben wir den nächsten ignoranten Therapeuten bei der Arbeit.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)



Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS

Sohn * 09/2001 - ADS

Tochter * 04/1998 - nix

Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

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Re: Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon MajaJo » 08.08.2019, 17:43

Regina Regenbogen hat geschrieben:Soll "i. A." in Ausbildung bedeuten? Dann versuche ihm, die richtigen Lehrbücher ans Herz zu legen, sonst haben wir den nächsten ignoranten Therapeuten bei der Arbeit.


Ja, genau. Und das habe ich tatsächlich vor. Ob es zielführend sein wird, weiß ich nicht, aber ich werde es zumindest probieren.

Liebe Grüße

Maja
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Re: Lehrbuchmeinung Autismus

Beitragvon Anjali » 08.08.2019, 19:05

Bei allem Verständnis, aber was erwartet ihr von einem „normalen“ Kinder- und Jugendpsychologen?
Er muss die ganze Bandbreite aller möglichen psychischen Erkrankungen kennen/beurteilen.
Natürlich kann er sich nicht auf jedem Gebiet so auskennen, wie z.B. ein Arzt/Psychologen, der sich auf ein Teilgebiet (z.B. Autismus) spezialisiert hat.
Warum bleibe ich bei einem Psychologen, den ich selbst noch „weiterbilden“ zu meinen muss und und wechsele nicht zu einem Therapeuten, der sich auf Autismus spezialisiert hat?
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (17 Jahre / Asperger-Autist)


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