Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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LunaBluna
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Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon LunaBluna » 05.08.2019, 10:01

Guten Morgen und euch allen erstmal einen guten Start in die neue Woche....

Wie geht ihr damit um, wenn ihr von Bekannten, Verwandten, Freunden "gut gemeinte" Ratschläge, Sprüche entgegen geworfen bekommt, wie "schützt" ihr euch oder geht damit um, damit es nicht so nah an euch ran kommt?

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Beccy mit Emilia
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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon Beccy mit Emilia » 05.08.2019, 10:39

Hallo,
also bei mir traut sich das keiner mehr ;) Ich bin mittlerweile so abgebrüht, dass ich die Leute direkt konfrontiere. Ich denke aber, die Voraussetzung dazu ist, dass man die Erkranung / Behinderungen (en) des Kindes für sich angenommen hat, sie nicht mehr als "Makel" empfindet, man keine Schamgefühle hat und sich rechtfertigen will. Das war bei mir ein langer Weg. Wenn wir eine Haltung zu den Dingen entwickeln, färbt das ganz automatisch auf unser Gegenüber ab. Ich gehe so ungezwungen mit all den Einschränkungen und Behinderungen um, dass mich kaum noch wer anspricht. Und wenn, bin ich ganz offen. Ich merke sofort, dass die Leute dann verblüfft sind. Meine Mutter musste da so einige Lernprozesse durchmachen :) Sie gehört noch zur Generation, die nur im Außen ist und wo es wichtig ist, was die Leute denken, wenn ihre Enkelin mit 7 noch einen Nuckel braucht. Ich sage ihr dann: Was hat das mit mir zu tun? Die Leute können und dürfen denken, was sie wollen. Und mein Kind darf ihren Nucki haben. Als mein Schwager und meine Schwägerin meinten, mir sagen zu müssen, dass doch auch bei unserer Tochter mal endlich die Nuckelfee kommen sollte, erinnerte ich sie daran, dass ihre Nichte unheilbar krank und dadurch bedingt viele Behinderungen hat und man sie deshalb vllt nicht mit einem gesunden Kind vergleichen sollte. Sie braucht den Nuckel zum Spannungsabbau und zur Beruhigung. Würden wir ihr den wegnehmen, würde sie andere Möglichkeiten finden, sie hat sich schon mal die Handfläche blutig gebissen. Ich mache aber keine Vorwürfe. Die meisten Leute können das ja auch gar nicht verstehen, wenn man es nicht anders kennt. Auch ich lerne immer noch dazu und bin erstaunt, auf was man z.B. bei autistischen Kindern so alles achten muss. Ich glaube aber, je weniger man dem Kind die Behinderung (en) ansieht, desto schwerer ist es, um blöde Sprüche und gutgemeinte Ratschläger herum zu kommen. Daher: Nicht Augen zu, sondern Mund auf und durch. LG
Beccy (*1975) und Emilia (*07/2012;), NBIA - BPAN durch Mutation auf dem WDR45-Gen. Globale psychomotorische Entwicklungsstörung mit Myelinisierungsverzögerung, Absence-Epilepsie, Muskelhypotonie. Pflegegrad 5. GdB 100, H, G, aG, B. Ausserdem ein sehr ausgeprägtes KKKQS (Knutsch-, Knuddel-, Kuschel- und Quengelsyndrom :) www.millys-mission.de

Steffi & Alexander So
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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon Steffi & Alexander So » 05.08.2019, 11:09

Hallo,

ich bin mittlerweile auch extrem abgebrüht. Es kommt bei mir allerdings drauf an wer es sagt, und wie es gesagt wird.

Wenn ein "DU MUSST das so machen..." kommt, schalte ich sofort auf Durchzug.

Kommt jedoch die Frage " hast du es schon mal so probiert...." dann bin ich gerne bereit darüber zu sprechen.

Ich bin dann immer so freundlich und biete den Menschen meinen Alltag für 12 Wochen an. Sie sollen meinen Job machen wenn sie alles besser wissen, und nach 12 Wochen sehen wir dann weiter.

Ich habe dann auch ganz normale banale Dinge gefragt. Die waren dann komplett überfordert, und stammelten was von "ich habe es doch nur gut gemeint".

Nach 11 Jahren bin ich soweit, und es verletzt mich nicht mehr..... ich teile auch aus, und die Menschen die wirklich Interesse haben bleiben.

Alles gute euch
Liebe Grüße Steffi
___________
du kannst kein neues Leben anfangen,
aber täglich einen neuen Tag

Steffi (08/82) mit Alexander (04/08), ICP, Entwicklungsverzögerung, Hydrocephalus (vers. mit VP-Shunt), Tetraspastik, Harnblasendiverdikel, Epilepsie, neurogene Blase, chronisches Lungenempyem

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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon Engrid » 05.08.2019, 12:09

Hallo Luna,

ich mache das so ähnlich wie Beccy. Klappt gut, jedenfalls für mich. Es hilft natürlich schon, wenn man nicht so arg viel auf Konventionen gibt, und äußere Normen. Da sind wir uns offenbar ähnlich, Beccy. :wink:

Ich glaube aber, bei einem spät diagnostizierten Aspie ist es nochmal was anderes. Da gibt es ja bei Mutter und Kind vielleicht schon eine langjährige Erfahrung mit verletzenden Bemerkungen, Ausgrenzung, Hilflosigkeit usw.
Da rührt dann jede blöde - oder auch nett gemeinte, aber deplazierte - Bemerkung in alten Wunden.

Alle die, die so schlau sind und alles besser wissen, haben leicht reden. Sie haben gewöhnlich (jedenfalls wenn sie aus so einer „ich kann‘s ja auch, das kann doch jeder“-Haltung heraus ihre Ratschläge abgeben) ein neurotypisch funktionierendes Gehirn. Könnten sie sich die Sonderfeatures eines Aspergers mal für eine Zeit „anziehen“, würden sie schnell merken, dass da vieles eben schwer wird, was Neurotypischen leicht scheint - weil sie so selbstverständlich und unreflektiert mit ihrer eigenen Ausstattung umgehen und denken, das wäre ein Verdienst, dieses und jenes zu können. Vielleicht ist das (noch) etwas, wo wir Eltern von „ganz anderen“ Kindern einen Vorteil haben, weil wir wissen WIE EXTREM verschieden Menschen sind, wie hochkomplex menschliche Diversität ist. (Ich schreibe „noch“, weil eine echte Inklusion das ändern würde)
Ich schicke Dir mal virtuell ein extrakuscheliges dickes Fell in Deiner Lieblingsfarbe, und den passenden Kampfanzug dazu. :alien: (schade, ich merke grade, dass der Batman-/Superheldensmily nicht mehr da ist, den muss man sich jetzt dazudenken)

Grüße
Engrid
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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon LunaBluna » 05.08.2019, 20:42

Vielen Dank euch allen für eure aufmunternden Worte. Das tut richtig gut, man fühlt sich schon oft alleine gelassen und muss sich einiges anhören.
Mein "Fell" ist trotzdem einfach noch nicht so dick, ich wünschte oft, es wäre es. Wenn dann noch so "gut gemeinte" tolle Ratschläge kommen, verletzt mich das einfach.
Ich bin leider auch nicht gerade die schlagfertigste Person.

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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon Engrid » 05.08.2019, 22:00

Hallo Luna,
Ich bin leider auch nicht gerade die schlagfertigste Person.
Ich leider auch nicht.
Es hat mir aber schon sehr geholfen, mir selber zuzugestehen, eben NICHT cool und schlagfertig sein zu müssen, sondern einfach nur ruhig und offen zurückzugucken, ganz ohne Text. Wirkt manchmal auch, und diejenigen, bei denen das nicht wirkt, bei denen wirkt auch ein schlagfertiger Konter nicht. ;-)

Grüße
Engrid
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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon JanaSnow » 06.08.2019, 08:21

Hallo,

auch ich wünsche Dir viel Kraft!

Ich sage in solchen Situationen gerne: Oh, das klingt interessant. Welche Erfahrungen hast Du damit genau gemacht? Wann hast Du das ausprobiert. Bei wem? Wie alt war derjenige und welche gesundheitlichen, kognitiven Probleme lagen sonst noch vor? Wie genau bist Du dabei vorgegangen? Welche Details muss ich dabei berücksichtigen wenn zudem noch...... im Fokus zu behalten sind..... Auf welche Schwierigkeiten bist Du dabei gestoßen und wie bist Du damit umgegangen?

Sehr schnell merke ich dann, ob derjenige nur oberflächiges Geschwätz verbreitet oder ob sich dahinter vielleicht wirklich eine gute Idee verbirgt, welche die Person im ersten Satz nur ungeschickt verpackt hat.

Wenn ich meine Ruhe haben will sage ich einfach: Vielen Dank für Deinen wertvollen Hinweis. Ich werde das mit unserem Arzt/Therapeuten.... besprechen, ob und wenn ja wie wir dies eventuell für unser Kind umsetzen können-

Ehrlich gesagt juckt es mich nicht, wenn jemand meint, alles besser zu wissen. Ich weiß, dass mein Weg unserem Kind schon tolle Fortschritte verschafft hat und manchmal bringen mich auch dumme Sprüche auf irgendwelche Ideen. (Die oft gar nichts mit der Aussage zu tun haben, aber irgendwie einen neuen Gedanken bei mir auslösen).

Alles Liebe
Jana

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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon JasminsMama » 06.08.2019, 10:57

Hallo zusammen,

ich bin auch sehr abgebrüht bei solchen "Tipps".

Leider kommt es mittlerweile häufiger vor, dass die Leute (vor allem die Familie) mein Kind (17) selbst auf seine Defizite anspricht und superschlaue Tipps hat, wie das Kind es besser machen kann. Meist wird das ausgebreitet, wenn ich gerade nicht im Raum oder gar nicht dabei bin.

Ich finde dann ein heulendes Kind im Klo, weil Oma die super Idee hatte, dass das Kind doch in den Ferien mal mit "so einer Organisation für Behinderte" wegfahren soll...sie solle nicht so an mir hängen, was will sie denn machen wenn mir mal was passiert....

Boah, da flipp ich echt aus!!! :evil:

Wie handhabt Ihr denn so was? Im Nachhinein die Oma (83) zur Rede stellen hab ich gemacht...da kommt dann, sie meint es ja nur gut bla, bla. Das nutzt dem Kind dann auch nix.

LG
Sandra
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Jasmin Marie 05/02 globale Entwicklungsverzögerung, vis. Wahrnehmungsstörung, Lernbehinderung, starke Hyperopie rechts, hochpathologisches EEG (Besserung seit Jan. 12),
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***Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht***

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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon JanaSnow » 06.08.2019, 12:59

Hallo Sandra,

DAS finde ich extrem schwierig. Ich weiß nicht, ob das hier eine Option für Euch ist.
Ich stelle solche Situationen in der Regel direkt MIT Anwesenheit des Kindes bei dem "Tippgeber" klar.
Wir haben hier ein Essproblem und je mehr man mein Kind darauf anspricht, desto mehr macht es dicht.
Beispiel: Du musst doch mal probieren. Hier, nimm, schmeckt lecker. Wenn Du weiterhin so wenig isst, wirst Du ganz krank und musst irgendwann sterben.
...
"NEIN, muss sie nicht. Und übertreib bitte nicht so. Mach Dir keine Sorgen Mausi, wir haben das im Griff. Die Ärzte und ich passen da richtig gut auf Dich auf. Ich fände es zwar für Dich auch schöner, wenn Du einige Dinge ausprobieren würdest, einfach weil Essen auch was tolles ist und Du so vielleicht leckere neue Dinge für Dich entdecken kannst, aber DU entscheidest WANN, WO und WAS Du testen möchtest. Es ist schon okay, dass Geschmäcker verschieden sind. Und genau genommen hast Du inzwischen ja auch schon einige tolle Sachen für Dich entdeckt, an die Du Dich früher nicht rangetraut hast. Das ist klasse. Ich finds auch toll, dass Du manchmal was Neuem eine Chance gibst. Du kennst ja unseren Deal. Fast immer darfst Du über das Essen entscheiden, nur wenn es eng wird, musst Du Mamas Vorgabe folgen und auch mal was essen oder trinken, auch wenn Du gerade nicht magst. Wir zwei finden doch auch immer was, was dann doch irgendwie okay ist. Für Dich und für Deinen Körper. Die Oma macht sich ein paar Gedanken. Sie weiß ja nicht, was Du an Zusatzstoffen für Deinen kleinen Körper bekommst, damit Du trotzdem wachsen kannst und gesund bleibst. Aber jetzt weiß die Oma ja, dass sie in puncto Essen Dich alleine entscheiden lassen soll und Dich zu nichts überreden soll - nicht wahr Mama!!!! Es ist echt Unsinn, das Kind so zu verunsichern. Wenn Du Dir Sorgen machst. sprich doch bitte künftig direkt mit mir darüber. Ich freue mich immer über Deine wertvollen Erfahrungen. Aber lass xy aus dem Spiel."

Und unser Kind weiß sich mittlerweile zu helfen: "Sprich darüber doch bitte direkt mit Mama oder warte wenigstens, bis sie bei unserem Gespräch dabei ist. Danke."

Passt aber leider auch nicht immer. Diese "Aktionen", die das Kind verängstigen, finde ich sowas von daneben..... Da fällt es mir manchmal schwer wertschätzend zu bleiben.

Liebe Grüße
Jana

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MelSch
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Re: Blöde Sprüche, "gut gemeinte Ratschläge"

Beitragvon MelSch » 06.08.2019, 14:36

Hallo!

Gut gemeinte Ratschläge finde ich noch nicht mal so schlimm. Je nach Nervenkostüm antworte ich. Entweder nur kurz und knapp, manchmal ergeben sich interessante Gespräche und manchmal brummte ich nur., ;-)

Schlimm finde ich Äußerungen (egal ob von der Familie oder von Fremden), daß das Kind mal ordentlich eine Tracht Prügel/eine Watschn/eine auf den Hintern bräuchte! Dann würde der das schon lernen.

Liebe Grüße,
MelSch


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