Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Wisteria
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Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Beitragvon Wisteria » 10.07.2019, 15:37

Hallo,

unser Sohn (21, AS) ist im April in seine erste Wohnung gezogen. Er besucht ein berufliches Gymnasium. Die Wohnung hat er schon seit Oktober letzten Jahres, aber es hat etwas gedauert, bis er dort auch schlafen konnte. Zum einen wollte er gern selbstständiger werden und zum anderen fällt dadurch eine Stunde Busfahrt (pro Weg) für ihn weg, was ihn sehr belastet hat. Er fühlt sich sehr wohl in seinem kleinen Refugium, hat nur 5 min zur Schule und es macht ihn auch sehr stolz.
Nun war ich letzte Woche bei meiner Mutter beim halbjährlichen Besuch des Pflegedienstes dabei und mittlerweile kommt dieselbe Dame schon seit 2015 zu meiner Mutter und es finden auch private Gespräche statt. Sie wollte dann von mir wissen, wie es denn meinem Sohn in seiner Wohnung ginge. Ich habe ihr erzählt, dass er noch sehr viel Unterstützung bräuchte. Zuhause ist uns das nicht so aufgefallen, da unsere Familie sehr Autismus geprägt ist und wir es unseren Alltag so gestaltet haben, dass sich hier alle sicher und zufrieden fühlen.
Mit dem Auszug meines Sohnes habe ich nun sehr viel mehr zu erledigen, aber ich tu es gern, es tut meinem Sohn gut und ich hoffe ihn so selbstständiger zu bekommen, wenn wir einmal nicht mehr sind. Als ich nun so erzählte wie oft ich da bin, z.B. morgens telef. wecken und sicherstellen, dass er auch aufsteht, mit ihm einkaufen (er geht nicht allein einkaufen und isst auch nichts, was länger als 2 Tage im Kühlschrank ist) Seine Kleidung haben wir nach Wochentagen in Tüten, putzen, ihn in Haushaltsdingen anlernen, zu Ärzten begleiten, ihn nachts nach Hause holen wenn es ihm mental nicht gut geht. Jedenfalls meinte die Dame das grenzt ans Pflegerische und wir sollten doch mal einen Antrag auf Pflegegrad stellen.
Daher meine Frage: kann man für erwachsene Kinder einen Pflegegrad beantragen oder muss ich mir dann anhören, dass mein Sohn besser zuhause aufgehoben wäre? Ich tu die Dinge für meinen Sohn gern, zumal der Auszug nicht nur ihm sondern auch uns als Ehepaar sehr gut getan hat.
Ich bin gespannt auf eure Antworten
Gruß Christina

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JanaSnow
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Re: Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Beitragvon JanaSnow » 10.07.2019, 16:05

Hallo,

ich trau mich mal, eine ga nz weit hergeholte Antwort zu schreiben, die nichts, aber auch gar nichts mit Autismus zu tun hat:

Eine meiner Tanten hat auch einen Pflegegrad, obwohl sie zu Hause lebt. Eine andere Nichte hilft ihr regelmäßig, damit sie so lange wie möglich eigenständig in ihrer Wohnung leben kann.

Der Vater eines Arbeitskollegen von mir hat beginnende Demenz. Er hat ebenfalls einen Pflegegrad. Er kommt zum Essen zur Schwiegertochter, die auch seine Wäsche wäscht, die Wohnung putzt, ihn zum Arzt besucht und manchmal zur Körperhygiene nötigt.... Auch er lebt sonst alleine.

So könnte ich noch viele Beispiele aufzählen.
Dass jemand alleine lebt, ist kein Ausschlusskriterium für die Zuteilung eines Pflegegrads.

Gruß
Jana

Sinale
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Re: Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Beitragvon Sinale » 10.07.2019, 16:13

Hallo Christiane,

ich habe eine Körperbehinderung, lebe seit langem Alleine und habe seit langem einen Pflegegrad (zuvor eine Pflegestufe)
Selbstverständlich ist die Vergabe eines Pflegegrades auch für einen Alleinlebenden mit AS möglich, gerade auch weil euer Sohn derart viel Unterstürzung benötigt.
Viele Grüße
Sinale

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Re: Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Beitragvon Regina Regenbogen » 10.07.2019, 16:23

Wisteria hat geschrieben:Daher meine Frage: kann man für erwachsene Kinder einen Pflegegrad beantragen


Natürlich kann man. Wobei ich mich frage, ob er denn noch nie einen Pflegegrad hatte, als er zu Hause gelebt hat, muss das doch wenigstens genau so viel Unterstützung gewesen sein.

Nicht ganz unwichtig wäre vielleicht, wie dein Sohn darüber denkt. Gerade, wenn ihn seine (noch unterstützte) Selbständigkeit so stolz macht, könnte es sein, dass er die ganze Beantragungsprozedur vielleicht als Rückschlag empfindet.

Wir hatten für unseren Jüngsten auch nie einen Pflegegrad beantragt, irgendwie ist es auch ohne gegangen. Er wird jetzt 17 und es ist gut möglich, dass er in ein oder zwei Jahren wegen seiner Ausbildung zumindest unter Woche woanders wohnt. Ich denke nicht, dass ich ihm dann mit so etwas kommen kann, für ihn wäre das ein Schlag ins Gesicht, wo er doch seit Jahren mit uns seine Selbständigkeit trainiert.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

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Re: Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Beitragvon Wisteria » 10.07.2019, 18:49

Hallo,

@Jana - vielen Dank, ich hatte halt noch nie mit dem Pflegegrad zu tun.

@Sinale - auch dir herzlichen Dank. Ich habe so oft das Unverständnis der Leute erlebt, da Autismus meist auf dem ersten Blick nicht ersichtlich ist. Daher habe ich natürlich die Bedenken, dass die Mitarbeiter des MDK den Unterstützungsbedarf so nicht sehen.

@Regina - Bei uns war bisher auch kein Pflegegrad nötig. Mit drei Aspies im Haus richtet man sich ein. Mit Organisation und Ruhe kommt man gut durch das Familienleben. Ich arbeite täglich mit Autisten. Habe auch einige schwierige Begleitungen gehabt, so dass die Family einem schon sehr "normal" vorkommt.
Unser Sohn war mit 17 genauso. Anpassen um jeden Preis und bloß nicht auffallen. Heute sieht er das ganz entspannt und kann um Hilfe bitten und auch zulassen. Er sieht das ganz pragmatisch: "Gibt es da Geld für?" "Ab PG2 ja" "Dann lass es uns probieren. Denk mal dran wieviel Bezin du für mich verfährst und die ständigen Parkhauskosten." (Er wohnt direkt in der Innenstadt, da kann man nur im Parkhaus parken)

Von daher werde ich mal einen Versuch starten. Ich erzähl dann hier wie es uns ergangen ist. Freue mich trotzdem auf weitere Beiträge von Familien in ähnlicher Situation.

Liebe Grüße
Christina

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Re: Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Beitragvon Regina Regenbogen » 11.07.2019, 08:50

Wisteria hat geschrieben:Unser Sohn war mit 17 genauso. Anpassen um jeden Preis und bloß nicht auffallen. Heute sieht er das ganz entspannt und kann um Hilfe bitten und auch zulassen.


Unser Jüngster kann sehr gut um Hilfe bitten und auch zulassen, das hat er früh gelernt in 5 Jahren Autismustherapie. Und er passt sich ganz bestimmt nicht um jeden Preis an.

Mag sein, dass ihm der Pragmatismus deines Sohnes fehlt, aber das hat rein gar nichts mit dem Wunsch nach Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit zu tun.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)



Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS

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Re: Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Beitragvon Jakob05 » 11.07.2019, 09:11

Hallo Christina,
mit Sicherheit habt ihr seit langem Anspruch auf einen Pflegegrad. Das solltest du unbedingt beantragen. Am besten schreibt ihr zusammen mal auf, was das alles ist.
Bei der aktuellen Pflegebegutachtung geht es nicht mehr um den Zeitaufwand, sondern darum wie selbstständig (also ganz alleine) jemand sein Leben bewältigt. es wird für jede Tätigkeit bewertet, ob er z.B. das Anziehen morgens von Kleiderwahl bis fertig angezogen ganz alleine kann, oder Kleidersätze rausgelegt werden müssen, ob er die Reihenfolge beherrscht (zuerst die Unterhose, dann die Hose), ob er selbst den Sitz der Kleidung erkennen und korrigieren kann etc. Das selbe für Körperhygiene, Haushalt, Gesundheitsfürsorge etc.
Dein Sohn hat es gut erkannt, wenn er sagt, mit dem Geld kanst du das Parkhaus bezahlen! Das sind doch aufwände, die eine normale Muttert mit einem 21jährigen nicht hätte, warum sollt ihr die alleine tragen. Den Stress nimmt dir keiner, es fühlt sich gut an, dass der Aufwand "honoriert" wird. Mit einem Pflegegrad gibt es auch die Möglichkeit für 125€ im Monat eine Haushaltshilfe zu bekommen. Da das nur über anerkannte Träger geht, sind das nur 5 Stunden im Monat, aber für eine kleine Wohnung auf jeden Fall eine Möglichkeit.
Neben dem Pflegegeld habt ihr bestimmt auch wegen der Schulausbildung Möglichkeiten Eingliederungshilfe zu beantragen. Wir hatten eine Weile ein Team der Autismusförderung, dass meinem Sohn helfen sollte, Alltagsstrukturen zu erarbeiten und zu etablieren. Sowas funktioniert bei externen Helfern oft besser als bei Eltern. Leider hatten wir mit unserem Team einen Fehlgriff getan, da das Personal aus ungelernten Helfern bestand und das Thema Autismus nicht wirklich erfasst hatte, aber von der Sache her kan ich das empfehlen. Viele der Unterstützungsgelder, die man bekommt, kann man auch als "Persönliches Budget" beantragen und sich selbst Personal anstellen. da dein Sohn ja scheinbar sehr gut weiss, was er braucht, könnte das für ihn ideal sein, denn so kann er seine Selbstständigkeit als Arbeitgeber beweisen, und bekommt passgenau die Hilfe, die er braucht.
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)

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Wisteria
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Re: Pflegegrad für Sohn in eigener Wohnung?

Beitragvon Wisteria » 12.07.2019, 22:08

Hallo

@Regina: so ist es - kennst du einen Autisten, kennst du genau einen Autisten.

@Cordula: vielen Dank für deine hilfreichen Tipps und deine netten Worte. Ich habe mir in der letzten Woche schon 2x anhören müssen, dass ein Pflegegrad seine Berechtigung nur bei "wirklich bedürftigen" (älteren) Leuten hätte. Da kommen schon Zweifel auf.

Euch allen ein schönes Wochenende
Christina


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