Angst vor dem eigenen Kind

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Regina Regenbogen
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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon Regina Regenbogen » 12.06.2019, 12:02

Schon interessant, dass manche meinen sie hätten die Weisheit mit Löffeln intus
Och, soviel Einbildung ist mir nicht zu eigen. Aber ich habe ein ausgesprochen gutes Gedächtnis, besonders für User, die so passiv-aggressiv hier im Unterforum Autismus unterwegs sind.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
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KäthemitA.
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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon KäthemitA. » 12.06.2019, 12:21

Liebe Natascha,

ich habe jetzt länger mit mir gerungen, ob ich zu Deiner Situation (und Eure Not springt mir als Leser wirklich aus jeder Deiner Zeilen entgegen), überhaupt etwas schreiben kann und soll und ich hoffe nichts davon kann als abwertend oder übergriffig verstanden werden.

Vielleicht kann ich auch nicht wirklich viel Neues Beitragen, aber ich möchte auch auf einige der von anderen schon erwähnten Punkte noch einmal eingehen.

Zunächst einmal wünsche ich Euch viel Kraft uns Ausdauer, Euch aus dieser schwierigen Situation zu befreien.

Was das Schlagen, treten und so weiter angeht: Unser Weg war, dass ich NICHT alles ausgehalten habe, mich in Ausbrüchen als Prellbock zu Verfügung gestellt habe, sondern dass ich aufgestanden bin, gesagt habe: „Das tut mir weh, das möchte ich nicht.“ und weggegangen bin.
Gleichzeitig habe ich immer gesagt und gelobt, wenn eine Berührung „angemessen“ oder „angenehm“ dosiert war, ein Küsschen besonders zart, und so weiter.
Das hat bei uns sehr gut geholfen. Aber es hat gedauert.

Engrid und Regina haben von ihren Erfahrungen mit dem Einpucken geschrieben. Damit habe ich auch bei meinem Sohn gute Erfahrungen gemacht. Das hat ihm auch mit 3 und mehr Jahren noch gut geholfen runter zu kommen und sich zu entspannen.
Er hat es selbst verlangt und zum Teil noch weitere Decken gefordert, damit ich ihn noch „fester einringeln“ kann. Vielleicht kann das auch für Euch ein Ansatz sein.

Ich habe verstanden, dass Dein Mann sich aufgrund seiner eigenen Einschränkungen nicht in der Lage sieht, Euren Sohn ins Bett zu bringen.
Trotzdem möchte ich mich Rikes Vorschlag anschließen, zu versuchen, auch unter Einbindung anderer, ein neues Szenario zu entwerfen, dass vielleicht helfen könnte, Euer aktuelles Muster zu durchbrechen.

Ich habe auch verstanden, dass Du und Dein Mann beide in Therapie seid, um Eure Themen aufzuarbeiten.
Vielleicht wäre es aber auch sinnvoll eine Familientherapie anzustreben, in der die Dynamiken in Eurer speziellen familiären Konstellation beleuchtet und aufgearbeitet werden können.
Die „Elterngespräche“ bei der Therapeutin, bei der unser Sohn in den vergangenen anderthalb Jahren eine Spieltherapie gemacht hat, und die auch Familientherapeutin ist, haben meinem Mann und mir immer unheimlich viel gebracht. Auch um unsere Familien internen Dynamiken besser zu verstehen.

Zum Schluss möchte ich noch etwas über das Gefühl schreiben, mit dem Du Euren Sohn zu Bett bringst oder auf seine Ausbrüche reagierst. Unser Sohn ist was Emotionen anderer angeht, geradezu übersensibel (reagieren kann er darauf nicht angemessen, das ist klar). Und er wird auch von meinen Emotionen (oder denen anderer) oft quasi „angesteckt“, das bemerke ich besonders dann, wenn ich selbst unruhig oder unsicher bin, bezüglich einer Situation, von der ich mir nicht sicher bin, ob unser Sohn sie bewältigen kann.
Vielleicht ist das bei Euch auch so ähnlich, also dass sich Deine Unsicherheit auf Euren Sohn überträgt und der dann umso verzweifelter wird.
Hier ist unsere Taktik, dass ich solche Situationen meinem Mann übertrage, der oft viel entspannter und emotionsärmer an die Dinge heran geht als ich und sich denkt „Wird schon klappen“. Das tut es dann oft auch.

Grüße Käthe
Käthe mit A. *06.13 Asperger Autist

toto35
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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon toto35 » 12.06.2019, 12:40

trotzdem- war das wirklich Nähe die unsere Kinder brauchen?
Ich habe diese Unstimmigkeit bei meinem Jüngsten damit ausgeglichen, indem ich ihn als Säugling gepuckt habe, etwas später dann einen Schlafsack und als er laufen konnte einen großen Betthimmel von Ikea gegeben habe. Ich hatte recht früh gemerkt, dass für ihn zwar die räumliche Begrenzung wichtig war, diese räumliche Begrenzung aber nicht von menschlicher Nähe verursacht werden durfte - unser Schäferhund durfte das übrigens.

Es war trotzdem hart für mich und meinen Mann, dass ausgerechnet unser Jüngster ein Baby war, dass wir Eltern nicht anfassen konnten. Wickeln war eine Katastrophe, Stillen unmöglich, die Flasche dann nur danebensitzend, kein Schmusen, kein Kuscheln ..... dann brennt jedes Elternherz und irgendwie versucht man es doch immer wieder. Mit zunehmendem Alter waren seine Abwehrversuche dann eben auch drastischer bis es auch der letzte verstanden hat.

Nun ist er fast 17 Jahre alt und kann mich seit einigen Jahren durchaus mal von selbst in den Arm nehmen. :wink:
So ähnlich kenne ich das auch: mein Sohn ist in seinem Bettchen immer gaaaanz nah mit seinem Kopf an die Begrenzung vom Bett gegangen, die Hebamme sagte, das würde ihn an seine Zeit in meiner Gebärmutter erinnern, wir als Menschen durften ihm aber nicht zu nahe kommen, unser Hund aber konnte ihm nicht nahe genug sein. Was übrigens gar nicht ging war das Stoffhimmelchen über dem Bett, mein Sohn hat solange geschrieen bis es weg war.
Bis heute darf meinen Sohn kein Mensch zu nahe kommen.
LG

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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon toto35 » 12.06.2019, 12:50

@toto
Nochmal, wieso beharrst du so dermaßen darauf, dass ich die Situation nicht kenne und keine Ahnung habe?

@Engrid
Na klar ist der Killer Post extrem überspitzt. Aber wenn dem 3 jährigen keinerlei (Ein)halt geboten wird, wenn er der Mutter Zähne ausschlägt, was macht der denn dann in 5 Jahren? Mit der körperlichen Kraft steigert sich auch die Möglichkeit zur Gewalt. Mit der körperlichen und seelischen Entwicklung steigern sich die Overloads meist. Wenn man den 3 jährigen einfach machen lässt, welches Signal empfängt er dann? „Ok, dann hör ich halt auf?“ Sicher nicht. Er wird weiter machen und eine Reaktion, Grenzen, Halt, wie auch immer du es nennen magst, von der Mutter einfordern. Wenn sie diesen Halt, Grenze, what ever einfach nicht gibt, meinst er gibt den Versuch Halt zu finden dann auf? Sicher nicht. Er wird so lange weiter machen, und sich steigern in dem was er tut, bis er eine für ihn gute Reaktion darauf hat.
Und das habe ich damit gemeint. Wo soll es Enden, wenn man bei nem 3jährigen schon nicht weiter weiß.
Tut mir leid dass ich das dann mit „Killer“ sehr krass ausgedrückt habe, aber das ist dann nunmal die krasseste Steigerung zum Schluß. Und das passiert tatsächlich in der großen weiten Welt....Und das weiß ich tatsächlich weil ichs beinahe erlebt habe (das Messer war schon auf die Mutter gerichtet). Und weil ich den langen Weg gesehen habe den es gebraucht hat, da wieder raus zu kommen. Wieviele Jahre es gedauert hat bis ein einigermaßen vorsichtiger Umgang zwischen Mutter und Kind stattfinden konnte. Weil ich weiß wie die Mutter vorher resigniert hat, auch weil Therapeuten sie nicht ernst nahmen. Und weil ich erfahren habe wie es gewesen wäre, wenn es kompetente Fachleute gewesen wären.
Ich könnt da jetzt noch viel dazu schreiben, aber da ihr ja alle denkt ich hab von nix eine Ahnung, lass ichs.

Bianca
Bianca, wenn du richtig liest, habe ich geschrieben dass ich eure Gegebenheiten nicht kenne.

Schlussendlich aber sucht Natascha Hilfe, Hilfe von Eltern, die in ähnlicher Situation- wenn auch nicht ganz so extrem- stecken. Die das Thema Aggression bei Autismus und ADHS aber auch kennen. Und da hilfst du mit deinen Posts nicht weiter - im Gegenteil. Von daher geht man bei deinen Posts davon aus, das du in deiner Familie das Problem nicht hast und auch nicht kennst. Von daher braucht man auch nicht dann mitzuschreiben.
LG

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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon RikemitSohn » 12.06.2019, 13:44

Hallo,
mir ist noch etwas eingefallen. Reagiert dein Sohn auf Geräusche positiv. Mein Sohn hat die ersten Jahre seines Lebens nur mit Föhngeräusch geschlafen. Mittlerweile sind auf Youtube diverse solche beruhigenden Geräusche (Regen, Föhn, Meer...)zu finden. Wäre noch eine Idee, vielleicht zusammen mit Pucken.
Ausserdem möchte ich dir noch an die Hand geben, dass du nicht so hart mit dir selber ins Gericht gehst. Es ist ok einfach mal überfordert zu sein. Ich hatte früher immer wieder Situationen, bei denen ich schon vorher schweißgebadet war vor lauter Angst, was nun wieder passiert. Verstanden haben das andere nur sehr bedingt- außer sie haben meinen Sohn z.B. im Supermarkt mal live erlebt. Ich habe auch jahrelang nach der richtigen Hilfe gesucht. Bleib hartnäckig und lasse dir nichts einreden.
LG Rike
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Regina Regenbogen
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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon Regina Regenbogen » 12.06.2019, 14:13

Reagiert dein Sohn auf Geräusche positiv.
Oder negativ?

Unser Jüngster war in seinen ersten 6 Lebensjahren dermaßen geräuschempfindlich, dass wir seinen Bruder schon sehr früh aus dem gemeinsamen Kinderzimmer "entfernen" mussten - sogar die leisen Atemgeräusche seines Bruders haben ihn geweckt bzw. wachgehalten und gestört - genauso wie jedes andere Geräusch im Haus. Da bin ich aber auch erst drauf gekommen als er in das Kinderzimmer eingezogen ist und hatte endlich eine Erklärung dafür, dass er im ersten Lebensjahr (da stand sein Bett noch im Elternschlafzimmer) nachts extrem schlecht schlief - tagsüber ging es.

Aber bis zu dieser Erkenntnis musste ich mir eine ganze Menge Zeugs anderer Leute anhören, von wegen verhätscheln und das andere Babys sogar bei laufendem Staubsauger oder auf einer Waschmaschine schlafen können, wenn man sie nicht verzieht. Als wenn ich das nicht gewusst hätte von meinen älteren drei Kindern. :roll:
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

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Anjali
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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon Anjali » 12.06.2019, 14:14

Liebe Natascha,

mein Sohn hat auch schon immer meine Nähe gesucht. Im Guten wie im Schlechten. An Mama konnte er sich am besten abreagieren und abarbeiten. Manchmal ist es mir gelungen, die Übergriffe in spielerische oder sportliche Tätigkeiten (z.B. Fangspiele, spielerische Raufereien) umzulenken. Der Überraschungseffekt kam mir dabei zugute. Mein Sohn wurde von seinem eigentlichen Vorhaben abgelenkt. Vielleicht wäre das auch bei euch einen Versuch wert.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass mein Sohn ganz alleine, z.B. in
seinem Zimmer, oft schneller und besser „runterkommen“ konnte, als in meiner Gegenwart. Auch wenn er dies niemals bewusst zugelassen hätte.
Ich meine, hier auch schon von anderen Kindern gelesen zu haben, die sie sich „alleinegelassen“ am schnellsten von einem Overload bzw. Meltdown erholen konnten.
Vielleicht kannst du mal probeweise die Tür hinter dir zumachen, wenn dich dein Sohn wieder zu sehr bedrängt. Du lässt ihn dadurch nicht im Stich, du versuchst dadurch, eine Negativspirale zu unterbrechen und ihm die Chance zu geben, seine Selbstregulierungskräfte zu entfalten.

Last but not least wäre es vielleicht auch eine Option, dich zu Hause, im gewohnten Umfeld im Umgang mit deinem Sohn coachen zu lassen. Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn dir jemand direkt in heiklen Situationen zur Seite stehen und dich stärken könnte. Vielleicht gibt es Fachkräfte, die auch Hausbesuche machen. Du wolltest dich ja eh noch mit einer Psychologin kurzschließen. Vielleicht hat auch deine eigene Therapeutin eine Idee, wie/wo man entsprechende Hilfen organisieren könnte.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon Anjali » 12.06.2019, 14:43

...was ich oben eigentlich noch hinzufügen wollte (ich war zu langsam):

Ich weiß, dass du es dir (momentan) noch nicht traust, dein tobendes Kind auch einmal festzuhalten und dich dadurch vor weiteren Verletzungen zu schützen. Aber es wäre schon ein wichtiges Signal und eine Hilfe für dein Kind, wenn du dich auch selbst schützen würdest, denke ich.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon Lisaneu » 13.06.2019, 09:24

Bei uns war es hilfreich, aus dem Ruder geratene Rituale von jetzt auf gleich komplett zu verändern, damit haben sich unerwünschte Verhaltensmuster noch am besten verändern lassen.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

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Re: Angst vor dem eigenen Kind

Beitragvon HeikoK » 13.06.2019, 11:52

Hallo Natascha,

zuerst einmal ein dickes Kraftpaket für Dich. Aus Deinem Post spricht soviel Liebe und Verzweiflung...
Und dann der Hinweis auf Marte Meo Therapie. Vielleicht gibt es in Deiner Umgebung einen Therapeuten (Psychologen, jemanden in der Frühförderung...) mit den entsprechenden Fortbildungen. Es ist ein Videounterstütztes System, welches Dir helfen kann Situationen und Reaktionen vielleicht anders zu lesen und dich dabei unterstützt, neue Wege einzuschlagen.
Viel Glück
Heiko
Logopäde
Sprachanbahnung, Fachtherapeut für kindliche Schluckstörungen

"Wie hast du den Vogel zum Singen gebracht, Momo? Niemand hat das bisher geschafft!" "Ich denke, man muss ihm auch zuhören, wenn er nicht singt!" (M.Ende)


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