Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Dario
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Dario » 13.06.2019, 23:51

Z.B. Kann ich mir nicht vorstellen, dass seine Eltern es dulden würden, wenn er in dem Heim wirklich misshandelt und körperlich verletzt wird. Aber diese Frage musst du dir selbst stellen).
Die Frage richtet sich zwar an Maike, aber ich kann es mir vorstellen. Eltern wissen längst nicht immer alles, was in solchen Einrichtungen abläuft, und viele Opfer schweigen aus Scham oder weil sie denken, dass sonst alles noch schlimmer wird.
Zuletzt geändert von Dario am 14.06.2019, 00:00, insgesamt 3-mal geändert.
Heimerziehung ist ein Verbrechen. Kinder gehören in die liebevolle Geborgenheit einer Familie und nicht ins Heim!

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Dario
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Dario » 13.06.2019, 23:56

hm, nennt man es auch bei Autismus "Sozialphobie"?
Autismus muss nicht zwangsläufig mit einer Sozialphobie einhergehen. Es gibt auch das totale Gegenteil, nämlich Autisten, die sehr offen (und überaus arglos) auf andere Menschen zugehen und sofort jedem vertrauen. Viele Autisten entwickeln aber im Laufe ihres Lebens soziale Ängste, weil sie oft Ablehnung und Ausgrenzung erfahren haben. Das vermischt sich dann manchmal mit den originär autistischen Problemen und ist nicht immer ganz leicht auseinander zu halten.
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Dario » 14.06.2019, 00:03

Was mich aber dennoch wundert, Maike: Warum duldet die Einrichtung den Kontakt zwischen euch beiden, wo sie deinen Freund doch sonst so stark kontrolliert? Oder weiß man dort nichts davon?
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Maike_aus_S
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Maike_aus_S » 14.06.2019, 00:12

Autismus muss nicht zwangsläufig mit einer Sozialphobie einhergehen. Viele Autisten entwickeln aber im Laufe ihres Lebens soziale Ängste, weil sie oft Ablehnung und Ausgrenzung erfahren haben.
Das ist toll zu hören, weil dann sollte es ja einer Therapie zugänglich sein. :D Das muss ich ihm unbedingt sagen!
Was mich aber dennoch wundert, Maike: Warum duldet die Einrichtung den Kontakt zwischen euch beiden, wo sie deinen Freund doch sonst so stark kontrolliert? Oder weiß man dort nichts davon?
Er zeigt immer zumindest genug Unterwürfigkeit, dass sie ihm sein Handy nicht abnehmen und sie denken, er macht damit nur belanglosen Müll.... :P
Die Frage richtet sich zwar an Maike, aber ich kann es mir vorstellen. Eltern wissen längst nicht immer alles, was in solchen Einrichtungen abläuft, und viele Opfer schweigen aus Scham oder weil sie denken, dass sonst alles noch schlimmer wird.
Jo. Ich glaube, jedes einzelne Jugendamtskind kennt diesen einen creepy Moment wenn die Eltern weggehen und der Ton der Betreuerin von lieber Verkäuferin zu Machtausübung wechselt :(

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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Maike_aus_S » 14.06.2019, 17:29

Hallo alle,

er hat, auf euren Rat, jetzt mal so eine Liste für die Termine beim betreuten Wohnen gemacht.
Vielleicht könnt ihr etwas dazu sagen, ob er das so nehmen kann, ich kenne mich damit wirklich nicht aus.
- Am liebsten wäre mit irgendeine Wohnung oder ein einzelnes Zimmer, zusammen mit etwa 3-4 Stunden ambulanter Betreuung die Woche
- Gemeinschaftsbadezimmer finde ich furchtbar
- Ich bin sehr wenig gruppentauglich
- ich benötige viel Rückzugsmöglichkeit
- gemeinsames Essen o.Ä. kann manchmal problematisch sein
- allgemein habe ich manchmal Probleme mit Impulsdurchbrüchen . Daher ist es wichtig, dass ich in Überforderungssituationen eine Rückzugsmöglichkeit in ein eigenes Zimmer habe, damit ich diese vermeiden kann
- Ich würde sehr gerne die Flex-Schule vom Jugendamt für meinen Realschulabschluss absolvieren. Es wäre schön, wenn es eine gewisse Unterstützung gäbe, diese vom Jugendamt bewilligt zu bekommen
- Ich habe sehr schlechte Vorerfahrungen mit der KJP gemacht, also würde ich meine ärztliche Behandlung in Zukunft gerne so weit wie möglich eigenständig organisieren
- ich würde eine Einrichtung oder ein Programm für Erwachsene (nicht Jugendliche oder junge Erwachsene) sehr stark bevorzugen

Mein Stand:

selbstständig (mehr oder minder):

- Wohnung sauber halten
- Essen machen / Kochen
- Körperpflege
- Wäsche waschen (sobald ich an der Waschmachine bin)
- Müll rausbringen
- Briefkasten leeren

Brauche Unterstützung:

- Arztbesuche (zumindest anfänglich)
- Einkaufen
- Besuche bei Behörden oder der Banke
- evtl. anfangs etwas Hilfe mit der Haushaltsplanung
- Telefonate
Wirklich nochmal Danke im Vorraus, falls sich jemand die Mühe macht. :)

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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon RikemitSohn » 14.06.2019, 19:07

Hallo,
so schlecht ist die Liste nicht.
Bei der KJP würde ich raten gleich einen Plan anzubieten, wie er eine andere ärztliche Betreuung organisiert. Vielleicht schon einmal Termine machen, denn das dauert sowieso ewig.
Wichtig ist es jetzt zu zu überlegen, an wen er sich mit dieser Liste wendet und wie er es schafft ruhig zu bleiben, wenn andere anderer Meinung sind.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

Michaela44
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Michaela44 » 15.06.2019, 08:06

Hallo,

ich halte sein Ziel für durchaus realistisch (eigene Wohnung mit ambulanter Unterstützung). Es ist aber gut möglich, dass er sich von seiner jetzigen Situation bis zu seinem Ziel auf einen Zwischenschritt einlassen muss, zum Beispiel eine Verselbständigungswohnung eines Jugendhilfeträgers, der dann auch ambulant unterstützt. Da leben meist 2 junge Menschen zusammen.

Das Alleinseinwollen/müssen ist typisch für Asperger. Das lässt sich auch nicht "wegerziehen", wie manche Fachleute meinen, die Autismus nicht wirklich verstehen, denn es kommt durch die andere Wahrnehmung, die anderen Bedürfnisse und die Reizüberflutung.

Ich denke, dass seine Impulsausbrüche weniger werden, wenn seine Umgebung passender ist. Trotzdem fände ich es sinnvoll, wenn er seinen Unterstützungsbedarf ergänzt um: therapeutische Hilfe bei den Impulsausbrüchen (wobei er seinen Therapeuten/Arzt natürlich selbst aussuchen darf und dieser keinerlei Mitteilungspflichten gehen über anderen hat). Erstens wird es im Leben eines Autisten immer mal wieder überfordernde Situationen geben und dann benötigt er Alternativen zu Impulsausbrüchen und zweitens zeigt es Verantwortungsbewusstsein.

Sind es eigentlich "nur" Impulsausbrüche oder autismusbedingte Overloads, die sich in Aggressionen entladen? Das Bedarf nämlich anderer Therapieansätze.

Dem, was Dario über Sozialphobie geschrieben hat, stimme ich voll zu. Hinzukommt noch, dass Autisten meist weniger Kommunikation pro Tag vertagen als Nichtautisten.

Alles Gute!
Asperger Autistin
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Maike_aus_S » 15.06.2019, 17:01

Danke für die Rückmeldung :)
Wichtig ist es jetzt zu zu überlegen, an wen er sich mit dieser Liste wendet und wie er es schafft ruhig zu bleiben, wenn andere anderer Meinung sind.
Ruhig bleiben ist normalerweise nicht sein Problem. Das größte Problem ist, wie man ihn gegen den Widerstand des Heims dahin bringt.

Die EUTB hat sich mittlerweile zurückgemeldet. Fahrdienst machen die natürlich keinen, er hat die jetzt mal gebeten, dem Heim Druck zu machen, dass sie ihn dort hinfahren. Ich meine, juristisch sind Fahrdienste die Aufgabe eines Heims, aber die haben sich sogar damals geweigert, ihn zum Amtsgericht zu bringen, um sich einen Beratungsschein für den Anwalt zu holen (Die 2 Stunden Samstagsausgang sind natürlich bemerkenswert nutzlos, um dann zum Gericht zu gehen, selbst wenn er den Weg finden würde; glücklicherweise war seine Anwältin dann sehr engangiert und kreativ und hat eine Lösung gefunden).
Bei der KJP würde ich raten gleich einen Plan anzubieten, wie er eine andere ärztliche Betreuung organisiert.
Auch nicht so das einfachste. Psychiatrische Kliniken gibt es nur eine in seiner Stadt. Die (deren KJP-Abteilung) hat ihn ohne Beschluss untergebracht, jetzt dieses juristisch wirklich unbeschreibliche Betreuunggutachten geschrieben, und er hat da schon gesehen, wie (bei anderen, jetzt nicht bei ihm) die Übelsten Dinge getan wurden. Mit denen möchte er natürlich nie wieder etwas zu tun haben.
Es ist aber gut möglich, dass er sich von seiner jetzigen Situation bis zu seinem Ziel auf einen Zwischenschritt einlassen muss, zum Beispiel eine Verselbständigungswohnung eines Jugendhilfeträgers,
Schaut mal, das hört sich jetzt (vermutlich war ich schuld) immer ein wenig so an wie "quengelnder Jugendlicher ist sauer weil er keine Playstation bekommen hat und verlangt jetzt seine Traumwohnung".

Es geht echt erstmal nur darum ihn da raus zu holen, egal wie. Vermutlich gegen Widerstände. Nach Betreuunggutachten soll er ja irgendwann in eine Verselbständigungsgruppe, aber eben in eine seines jetzigen Heims. Nochmal: Deswegen wurde vom Heim ein Einwilligungsvorbehalt für die Aufenthaltsbestimmung vorgeschlagen, weil die scheinbar denken, damit kann man ihn gegen seinen Willen dorthin zwingen (juristisch absoluter Schwachsinn, aber ich denke, genug dort wehren sich eben gerade nicht).
Sind es eigentlich "nur" Impulsausbrüche oder autismusbedingte Overloads, die sich in Aggressionen entladen?
Äh, keine Ahnung was der Unterschied ist (?), ich kenne mich mit Autismus an sich überhaupt nicht aus.
So ganz, muss ich sagen, erkenne ich ihn in euren Beschreibungen des Krankheitsbilds auch echt nicht wieder. Er hat meistens mehr zu viel ein schlechtes Gewissen, auch für Sachen, für die er objektiv nichts kann. Und empathielos habe ich ihn eigentlich überhaupt nicht erlebt, erst die Tage hat er mir z.B. erzählt, wie sehr ihm ein Mitinsasse leid tut, von dem er dort schon verprügelt wurde, weil der vom Heim noch deutlich übler drangsaliert wird, als mein Freund selber.

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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon RikemitSohn » 15.06.2019, 18:33

Hallo Maike,

ich finde, dass was du bisher beschrieben hast, klingt bei dem jungen Mann schon nach Problemen mit der Impulskontrolle. Besonders in schwierigen Situationen scheint er sich nach deinen Beschreibungen schwer im Griff zu haben. Und das wäre eine sehr schwere Situation, wenn man ihm widerspricht.
Das mit der KJP hast du falsch verstanden. Ich meinte, dass er sich einen Psychiater suchen soll, der ihn später ambulant betreut. Eine Psychaitrie für einen akuten Aufendhalt zu suchen, kann man dann mit diesem Arzt in der Situation machen.

"Schaut mal, das hört sich jetzt (vermutlich war ich schuld) immer ein wenig so an wie "quengelnder Jugendlicher ist sauer weil er keine Playstation bekommen hat und verlangt jetzt seine Traumwohnung".
Es geht echt erstmal nur darum ihn da raus zu holen, egal wie."

Uns allen ist hier die Situation bewusst. Nur ist uns durch viel Erfahrung auch klar, dass das alles nicht so einfach ist. Es geht nicht darum, dass er in dem Heim bleibt, sondern darum eine Chance hat da hinaus zu kommen. Wenn ihr stur auf die totale Unabhängigkeit besteht, kann es gut sein, dass ihr scheitert, denn andere werden das wahrscheinlich im Moment für unrealistisch halten. Was es von deinen Beschreibungen hier wahrscheinlich auch ist. Michaela hat Möglichkeiten dazwischen angesprochen, die nicht unbedingt dieses Heim bedeuten müssen.
Ich denke, dass es schwierig ist mit dem jungen Mann zu diskutieren, denn er ist neben seinen Schwierigkeiten und trotz seiner baldigen Volljährigkeit auch noch ein Teenager. Und die wollen gerne mal mit dem Kopf durch die Wand. Du klangst in deinem letzten Post auch ein bisschen danach, aber versuche die Erwachsene zu bleiben.Hier braucht es Diplomatie.
LG Rike
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Michaela44
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Michaela44 » 15.06.2019, 22:08

"Es geht echt erstmal nur darum ihn da raus zu holen, egal wie. Vermutlich gegen Widerstände."

Es gibt da einen eigentlich einfachen Weg: Gemäß §5 SGB 8 hat dein Freund, spätestens wenn er 18 ist, das Trägerwahlrecht. Er kann verlangen, in einer Einrichtung eines anderen Trägers untergebracht zu werden. Mehr noch: das JA muss ihn darüber sogar aufklären (das tun sie fast nie). Allerdings geht das nicht von heute auf morgen, aber zügig einfordern würde ich es schon und dabei gleich auf ein anderes, offeneres Konzept bestehen - oder eben auf eine Verselbständigung bei einem anderen Träger. Das JA ist verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass es eine Trägervielfalt gibt.

Achtes Buch (VIII) - Kinder- und Jugendhilfe - (Artikel 1 des Gesetzes v. 26. Juni 1990, BGBl. I S. 1163)
§ 5 Wunsch- und Wahlrecht

(1) Die Leistungsberechtigten haben das Recht, zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger zu wählen und Wünsche hinsichtlich der Gestaltung der Hilfe zu äußern. Sie sind auf dieses Recht hinzuweisen.

(2) Der Wahl und den Wünschen soll entsprochen werden, sofern dies nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden ist. Wünscht der Leistungsberechtigte die Erbringung einer in § 78a genannten Leistung in einer Einrichtung, mit deren Träger keine Vereinbarungen nach § 78b bestehen, so soll der Wahl nur entsprochen werden, wenn die Erbringung der Leistung in dieser Einrichtung im Einzelfall oder nach Maßgabe des Hilfeplans (§ 36) geboten ist.
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