Belohnungssystem

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

MajaJo
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1094
Registriert: 04.05.2012, 12:51
Wohnort: Brandenburg

Belohnungssystem

Beitragvon MajaJo » 05.06.2019, 12:32

Hallo zusammen,

vorweg - mein Sohn ist nicht als Autist diagnostiziert, sondern hat gerade die Diagnose "Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung" bekommen. Ich hatte Anfang der Woche das Auswertegespräch, das im Nachhinein viele Fragen aufgeworfen hat. Kurzgefasst ist Jo weder opositionell, noch irgendwie anders erziehungsschwierig. er hat nur ca. einmal in der Woche völlig unberechenbare extreme Ausraster, bei denen er völlig neben sich und ohne jegliche Schwelle ist (zerstört seine Sachen, ist brutal zu seinen Geschwistern). Er ist sehr schwer aus diesen Situationen raus zu holen, weshalb ich mir professionelle gesucht habe. Außerdem hat er eine sehr negative Grundstimmung, kommt morgens nicht aus dem Bett, will sich umbringen "wenn er groß ist" usw. Sonst ist er ein lieber kleiner Kerl, der mir oft einfach nur Leid tut (viele Allergien, blöde Haut, wird in der Schule ständig exkludiert). In der Schule ist er völlig unauffällig (weder positiv noch negativ, er sitzt dort einfach seine Zeit ab). Ich sehe einen Zusammenhang der Ausraster mit der Schule und mit neuen Situationen (Urlaub z. B.). Nun schlug mir der Psychotherapeut Erziehungshilfe vor. Seine erste Idee war ein Belohnungssystem. Ich frage mich, was das helfen soll, weil es die Ursache seiner Ausraster gar nicht erfasst. Vor allem, soll ich ihm allen Ernstes sagen, wenn Du zu Hause nicht mehr austickst, bekommst Du eine Belohnung? Ich habe gleich meine Gegenwehr geäußert, weil ich durchaus erziehungserfahren bin (fast 25 Jahre Mutter) und bis jetzt ohne sowas ausgekommen bin und ich das System kaum für ein Geschwister einführe - was soll der Rest dazu sagen? Habt Ihr noch Ideen für mich - egal in welcher Richtung, Argumente für mein nächstes Gespräch?

Vielen Dank und liebe Grüße

Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

Werbung
 
Michaela44
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1037
Registriert: 15.06.2016, 12:49

Re: Belohnungssystem

Beitragvon Michaela44 » 05.06.2019, 14:26

Hallo Maja,

wenn dein Sohn Autist wäre und zum Beispiel aufgrund einer Reizüberflutung ausrastet, würden Belohnungen genau wie Strafen kaum bis gar nicht helfen.

Wichtiger finde ich es, die Ursache der Ausraster zu finden und da anzusetzen. Euer Psychotherapeut macht es sich anscheinend einfach, dass seine einzige Idee Erziehungshilfe ist. Ich wäre da sehr vorsichtig und würde vielleicht eher eine sonderpädagigische Unterstützung für deinen Sohn als Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder nach §35a SGB 8 beantragen. Je nach Jugendamt können Erziehungshilfen "nach hinten losgehen".
Asperger Autistin
mit neurodiverser Familie

JohannaG
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2297
Registriert: 03.07.2013, 21:33
Wohnort: Bayern

Re: Belohnungssystem

Beitragvon JohannaG » 05.06.2019, 15:24

Hallo Maja,
leider hab ich keine wirkliche Argumentationshilfe - aber ich stimme dir in deiner Skepsis zu.

Belohnungssysteme wurden mir für meine beiden Großen auch immer wieder vorgeschlagen, aber sie funktionieren nicht. Und zwar deshalb, weil das Kind in so einem "Ausraster" so sehr neben sich steht, dass es auf dieses System gar nicht mehr eingehen kann. Das ist dann wie ferngesteuert. Wenn es erst mal so weit gekommen ist, ist es zu spät.
Bei meinem Sohn funktioniert auch niemals ein "wenn du jetzt nicht aufhörst, darfst du xy nicht", das feuert ihn nur erst recht an (bei meiner kleinen Tochter funktioniert das dagegen fast zu gut...)

Bei uns hilft nur, die Ursache für diese Ausraster zu finden. Wenn möglich, versuche ich diese zu vermeiden. Wenn nicht möglich, spreche ich diese Situationen vorher an. Ich lasse meine Kinder inzwischen, wenn ich es irgendwie vermeiden kann, nicht mehr unvorbereitet in neue Situationen gehen. Wenn eine Planänderung nötig ist, wird diese angekündigt, so weit irgendwie möglich.
Und wenn ich weiß, dass etwas stressiges kommt, das aber nicht zu vermeiden ist, dann thematisiere ich auch genau das, und überlege mit den Kindern Strategien, wie sie da durchkommen.

Damit - und beim Sohn zugegeben auch mit Hilfe von Risperdal - hat sich das jetzt in erträgliche Bahnen lenken lassen.

LG Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
C., (w), 11/2004, adoptiert, FASD, Bindungsstörung, lernbehindert, juvenile Polyarthritis;
J. (m) 01/2008, adoptiert, ADHS; Depressionen und ???,
M. (w) 01/2012 FG bei 23+6 SSW, Kleinwuchs, GÖR, Nahrungsmittelallergien, leichte ICP, Schielen, Weitsichtigkeit, allg Entwicklungsverzögerung

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13670
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Re: Belohnungssystem

Beitragvon Engrid » 05.06.2019, 16:28

Hallo,

ich stimme meinen Vorschreiberinnen zu, Belohnungssystem gegen Ausraster halte ich für sinnlos, außerdem denke ich, dass ein Belohnungssystem bei depressivem Hintergrund eher nach hinten los geht, es soll ja eher der INNERE Antrieb unterstützt werden, weniger Fremdbestimmung statt mehr. Spricht jetzt auch nicht für den Therapeuten, sag ich mal.
Wenn er tatsächlich Richtung Hilfe zur Erziehung (JA) will, dann hieße das, er hält Erziehungsfehler für die Ursache. Das heißt wiederum, wenn es tatsächlich um Autismus (o.ä.) geht, er versteht die Grundproblematik nicht.

Ich habe hier auch die Lösung gegen Ausraster noch nicht gefunden, aber mit „natürlichen Konsequenzen“ (Kaputtes ersetzen, usw, ...) und sachlich bleiben fahren wir hier soweit ganz gut. Und mit dem unermüdlichen Versuchen, positive Handlungsalternativen anzubieten/einzuüben. (Habe, auf anderem kognitiven Niveau, auch einen in-der-Schule-Kompensierer und zuhause Explodierer). Und, nicht zuletzt, damit weiterhin an ihn zu glauben.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

MajaJo
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1094
Registriert: 04.05.2012, 12:51
Wohnort: Brandenburg

Re: Belohnungssystem

Beitragvon MajaJo » 05.06.2019, 19:38

Hallo zusammen,

vielen Dank für Eure Rückmeldungen.

Ja, ich sehe es so, dass ich eher an die Ursache ran muss. Für die Ausraster kann er in meinen Augen gar nichts und er will sie auch gar nicht - es passiert einfach. Bis jetzt hat er auch nur seine eigenen Sachen zerstört, leider aber auch z. B. seine Schwester die Treppe runtergeschubst und seinem Bruder ein, zum Glück abgerundetes, Messer in den Bauch gerammt. Strukturieren tue ich auch schon sehr viel, möglichst nichts Unvorbereitetes, alles für ihn planbar, keine Überforderungssituation. Ich habe hier bereits lange quergelesen. Großfamilie bedeutet natürlich oft auch Kompromisse und da ist es immer eine Gradwanderung es allen Recht zu machen - gelingt aber im Allgemeinen ganz gut. Oft ist die Ursache aber Schule oder Hort. Ich habe inzwischen mit ihm verhandelt, dass er seine Abholzeit jeden Tag selbst bestimmen kann, da ihm ein langer Horttag noch zusätzlich zugesetzt hat. Seit dem ist es schon deutlich besser geworden. Die Klasse ist sehr laut und unruhig,chronischer Lehrermangel, die Klassenlehrerin inzwischen langzeitkrank. Als ich die Schulrektorin auf die Situation ansprach, riet sie mir, meinen Sohn von der Schule zu nehmen und eine Privatschule mit kleinen Klassen zu suchen. Die Sonderpädagogin hat mir zwar angeboten, ihm den Förderbedarf sozial-emotial zu verschaffen, das hilft mir aber letztendlich nicht, wenn die Schulleiterin nicht dahinter steht.

Ich glaube tatsächlich, dass der Psychtoherapeut noch gar nicht verstanden hat, worum es geht. Ich weiß gar nicht, wie ich ihm das klarmachen soll. Im Affekt habe ich gesagt, dass ich eher Erziehungsberaterin bin als dass ich Erziehungshilfe brauche. Ich muss in jedem Fall noch mal das Gespräch suchen.

Liebe Grüße

Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13670
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Re: Belohnungssystem

Beitragvon Engrid » 05.06.2019, 20:35

Hallo,

Im Affekt habe ich gesagt, dass ich eher Erziehungsberaterin bin als dass ich Erziehungshilfe brauche.
:icon_thumleft:
Ich weiß gar nicht, wie ich ihm das klarmachen soll.
Mal etwas ketzerisch gefragt: Ein Therapeut, der weniger weiß als Du, was bringt Euch der?

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

MajaJo
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1094
Registriert: 04.05.2012, 12:51
Wohnort: Brandenburg

Re: Belohnungssystem

Beitragvon MajaJo » 05.06.2019, 22:12

Ach Engrid,

Du hast ja Recht. Ich habe bald ein halbes Jahr auf den ersten Termin gewartet, dann kamen die ganzen Tests. Parallel liefen noch Termine bei einer KJP. Die waren noch schlimmer. Da hatte Jo nach dem ersten Termin eine Angststörung, weil er unvorbereitet nicht alleine im Wartezimmer auf mich warten wollte. Beim Auswertegespräch war nichts fertig, da kam ich ihr dann vorwurfsvoll rüber - ach ja - und bis heute habe ich die im März versprochenen Diagnoseunterlagen nicht bekommen - also auch Tonne. Ich mag gar nicht wieder von Vorne anfangen - anstrengend.

Liebe Grüße

Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13670
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Re: Belohnungssystem

Beitragvon Engrid » 05.06.2019, 22:43

Hallo Maja,

puh, ja ... shit.
Ich weiß nicht, man kann auch mal Glück von der ganz anderen Seite haben, wir haben mit Riesenglück eine Ergotherapeutin gefunden, die so gut ist, und sich auch wirklich JEDER Baustelle vom Junior kompetent annimmt (und das würde sie auch, wenn er seine Diagnose nicht hätte). Vielleicht so?

Ich schicke Dir eine PN ;-)

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Anjali
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2633
Registriert: 15.02.2008, 11:15

Re: Belohnungssystem

Beitragvon Anjali » 06.06.2019, 07:34

Hallo,
ich habe eine Verständnisfrage.

Mir ist die Rolle des Psychotherapeuten nicht so ganz klar. Warum hat sein Wort so viel Gewicht?
Du schreibst von einem Auswertungsgespräch. Wurde es mit ihm geführt? Hatte er deinen Sohn diagnostiziert?

Falls nein: welchen Behandlungsvorschlag macht die diagnostizierende Stelle?

Im Zweifel würde ich mir eine Zweitmeinung holen.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (17 Jahre / Asperger-Autist)

Werbung
 
MajaJo
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1094
Registriert: 04.05.2012, 12:51
Wohnort: Brandenburg

Re: Belohnungssystem

Beitragvon MajaJo » 06.06.2019, 08:00

Hallo Anja,

ja, bei ihm lief die Diagnostik und bei ihm läuft jetzt auch die Psychotherapie (Verhaltenstherapie). Es war schon eine Zweitmeinung und ein weiter Weg bis dahin. Leider werde ich (alleinerziehend, 6 Kinder) als erstes in die Klischee-Schublade gesteckt. Sein Wort hat nur viel Gewicht, wenn ich es annehme, und das werde ich nicht. Ich brauche dafür Argumentationshilfe und externe Ideen, um mich auch selbstreflektieren zu können.

Liebe Grüße

Maja

Liebe Grüße

Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)


Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Google Adsense [Bot], PaulaW und 2 Gäste