Belohnungssystem

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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JohannaG
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon JohannaG » 13.06.2019, 22:06

Oh nein. Das klingt so, als wärst du überhaupt nicht zu Wort gekommen.
Hast du irgendeine Chance, jemanden anderen zu kriegen?

Liebe Grüße, Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
C., (w), 11/2004, adoptiert, FASD, Bindungsstörung, lernbehindert, juvenile Polyarthritis;
J. (m) 01/2008, adoptiert, ADHS; Depressionen und ???,
M. (w) 01/2012 FG bei 23+6 SSW, Kleinwuchs, GÖR, Nahrungsmittelallergien, leichte ICP, Schielen, Weitsichtigkeit, allg Entwicklungsverzögerung

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Engrid
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon Engrid » 13.06.2019, 23:59

Hallo Maja,

oh oh.

Das ist ja grade das, was ein Overload NICHT ist: etwas Instrumentelles.

Wenn er theoretisch gelernt hätte, nicht mehr aggressiv zu werden, kommt das Belohnungssystem ins Spiel...
Das wird nicht funktionieren können. Und es erhöht zusätzlich den Druck auf Deinen Sohn. (Theoretisch weiß er ja eh, dass es nicht okay ist, Aggression an jemandem auszulassen)
Wenn ich ein Problem mit dem Belohnungssystem hätte, weil ich es vor den Geschwistern nicht rechtfertigen könne, könnte er es auch in die Praxis verlagern.
Das halte ich für eine ganz ungünstige Idee. Fehlverhalten zuhause durch jemand Externen sanktionieren. Damit holst Du quasi „Big Brother“ in den Schonraum, und untergräbst dazu Deine eigene Stellung als Mama, machst Dich quasi zum HiWi.
Damit hätte ich ein ganz schlechtes Gefühl.
Wenn Dein Sohn den Therapeuten mag, macht es das fast noch schlimmer.

Ich würde da Abstand nehmen, ganz klar.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

GretchenM
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon GretchenM » 14.06.2019, 10:18

Hallo,

auf die Idee, dass dein Sohn einfach woanders gut kompensiert und bei dir zuhause dann zur Kompensation nicht mehr ausreicht, kommt dieser Therpeut nicht....

Ich habe leider das Gefühl, dass der Mann keine Ahnung hat.

Ich würde da nicht mehr hingehen, das ist doch keine Hilfe, eher Belastung - oder?

Lg

GretchenM

_Marta
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon _Marta » 14.06.2019, 12:38

Liebe Maja,

du schreibst der Therapeut sei "Psychologe und Kinder- und Jugendpsychotherapeut in Ausbildung". Und dass er Verhaltenstherapeut sei. Und ich habe seine Argumentation in deinem Thread gelesen. Und möchte sagen: Seine Argumentation ist schlüssig. Aus seiner Sicht als Verhaltenstherapeut. Zumal in Ausbildung - er hat also keine große Erfahrung und kennt vielleicht keine anderen Theoriesysteme. Außerdem ist es ja Teil seiner Ausbildung, seine Patienten mit der VT-Brille zu sehen und in die VT-Systematik zu sortieren. Er kann sozusagen nichts dafür...

Und immer dran denken: Bei Verhaltenstherapie geht es immer um Konditionierung und Druck, man kann auch bösartig sagen Dressur. Bei bestimmten Dingen, bspw. einige konkrete Angststörungen, ist bewiesen, dass es hilft. Und ich finde es auch schlüssig. Aber auch die VTs wissen, nicht alle Störungen - und nicht alle Menschen - sind konditionierbar. In der Literatur wird darüber auch aus VT-Sicht geschrieben, aber zugeben tun die meisten VT es in der Praxis ungerne bis gar nicht.

Ich habe ein fast identisches Erlebnis mit meinem Sohn gehabt. Du findest es hier im ADHS-Forum unter Schematherapie. Die Inhalte sind andere, das strukturelle Problem dasselbe.
Ich habe die Therapie abgebrochen, es war die beste Entscheidung seit langem. Wir waren gerade eine Zeit lang in einer Klinik mit klassischer VT - die haben inhaltlich wieder andere Erklärungsmodelle gefunden als der VT-Schematherapeut. Das, was funktioniert und das, was meiner Meinung nach hilft, übernehme ich. Anderes ignoriere ich. Inzwischen - ich versuche mich nicht mehr zu sehr aufzuregen.

Es kostet halt alles immer so viel Kraft und Zeit. Ausdiskutieren half bei meinem Therapeuten, bei dem auch die Ausbilderin dabei war, übrigens Null. In etwa so, wie bei dir. Ich wurde Null ernst genommen, sondern psychologisiert - auch ich brauchte ja so dringend Hilfe... Selbstbewusstsein kommt bei vielen Therapeuten einfach ganz schlecht an. Und mitreden wollen schon gar nicht.

Es ist und bleibt schwer, einen guten Therapeuten zu finden...

Stärkende Grüße,

Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt
F90.0G, F84.1V, Entwicklungsverzögerung Feinmotorik, HB, Funktionsniveau: 3 - 4

MajaJo
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon MajaJo » 14.06.2019, 13:52

Ihr Lieben,

Danke für Eure klaren Worte. Ich glaube die brauche ich gerade. Ich habe nämlich die Tendenz, einfach an dem Strohhalm festhalten zu wollen. Ich hatte gestern und heute lange Gespräche mit der Kinderärztin. Sie wird jetzt noch mal mit dem Therapeuten sprechen und wenn Sie den Eindruck hat, dass sich die richtige Richtung nicht auftut, hat sie mich bestärkt, das ganze abzubrechen.

Johanna, ich bin schon zu Wort gekommen, aber er hat mich immer noch nicht verstehen wollen. Wenn er ein Aggressionsproblem sieht und ich nicht, unterstellt er mir die rosarote Brille. Zum Glück sieht auch die Kinderärztin keinerlei Aggressionsproblem.

Liebe Engrid, danke, dass Du so drastisch formulierst.

Gretchen, ich hätte jetzt wirklich langsam Hilfe gebraucht, aber Du hast Recht.

Danke Marta, schön, wenn man mit seinen Erfahrungen nicht alleine ist. Aufregen tue ich mich zum Glück nahezu Null. Bei uns kommen auch noch so viele "Schicksalsschläge" dazu, dass die immer als ursächlich an den Problemen gesehen werden, ach nervig.

Liebe Grüße

Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

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Re: Belohnungssystem

Beitragvon MajaJo » 25.07.2019, 07:49

Hallo zusammen,

ich wollte Euch mal ein Update geben. Die Kinderärztin hatte mir also Mitte Juni zugesagt, mit dem Therapeuten zu sprechen. Als wir vorgestern in ihrer Praxis waren, hatte sie ihn (angeblich) noch nicht erreicht. Angeblich, weil sie mich abends anrief, dass sie nun mit ihm gesprochen hätte, alles sehr vielversprechend klingen würde und ich mich darauf einlassen solle. Vielleicht wäre Jo auch so aufsässig, weil wir krankheitsbedingt so eine enge Bindung hätten. Da schrillte bei mir die Alarmglocke. Obwohl sie zu mir noch im letzen Gespräch im Juni sagte, dass Jo doch ein ganz normaler Junge wäre und die Therapie doch Kanonen auf Spatzen wäre, hat sie sich nun offensichtlich vom Therapeuten überzeugen und beeinflussen lassen. Auf meinen Hinweis, dass er doch überhaupt nicht aufsässig wäre, wurde sie gleich wieder unsicher - grrr. Also nicht weitergekommen. Interessanterweise hat mir die Kinderärztin jetzt erzählt, dass die Psychotherapie, die Anfang Mai beantragt wurde, noch gar nicht genehmigt wäre - merkwürdig.

Eins habe ich aber gerade selbst festgestellt. Wenn ich drei Gänge zurückschalte, habe ich plötzlich ein pflegeleichtes Kind. Wir waren zur Mutter-Kind-Kur (zum siebten Mal in der gleichen Einrichtung) und er wollte nicht in die Kinderbetreuung gehen. Wir haben dann abgemacht, dass er nicht hingehen muss, solange er mir nicht auf die Nerven geht, sprich auch z. B. mit mir spazieren geht, wenn er keine Lust dazu hat. Es hat wunderbar geklappt. Ich habe mich nun dafür entschieden, dass er ab dem nächsten Schuljahr nicht mehr in den Hort geht, mal gucken, was dann passiert. Interessanterweise sagt er jetzt gerade ganz verstärkt, dass ich so lieb zu ihm wäre, weil ich ihm soviel erlauben würde.

Ich bin noch unsicher, ob ich mich vielleicht doch aktiv an eine Autismusambulanz wenden sollte, denn der nächste Supergau kommt im neuen Schuljahr bestimmt.

Liebe Grüße

Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

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Beitragvon Engrid » 25.07.2019, 09:27

Hallo Maja,

das klingt ja richtig gut, was Du von Dir und Deinem Junior erzählst :icon_thumleft:

Das Rausnehmen aus dem Hort ist eine sehr gute Entscheidung, denke ich. Genauso eine Vorstellung in der Autismus-Ambulanz. (Man soll ja in guten Zeiten aktiv werden, für die schlechteren :wink: )

Zum Thema Kinderarzt: Bei autistischen und verwandten Auffälligkeiten sind Kinderärzte im Grunde aus meiner Sicht eher Laien, die sich für Fachleute halten. Deswegen war ich immer so froh, eine gute KJP zu haben, über die dann alles gelaufen ist, zb Therapieverordnung.
„Zu enge Bindung wegen Krankheit“ :shock: - was für ein Unsinn! Ich glaube, die „Elternschule“ zieht ihre Kreise :?

Schöne Ferien und ein entspannter werdendes Kind!

Grüße
Engrid
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon MajaJo » 25.07.2019, 09:50

Liebe Engrid,

danke Dir. Ja, die Elternschule ist mir tatsächlich sehr präsent. Und in einer meiner verzweifeltesten Phasen, als Jo nachts vier Stunden am Stück geschrien hat, hatte ich tatsächlich die Versuchung nach Gelsenkirchen zu gehen, aus logistischen Gründen ging das zum Glück nicht. Statt dessen habe ich mich damals bei REHAkids angemeldet und die Kinderärztin gewechselt. Vor allem Angie und später auch Johanna haben mir damals sehr aus meinem Tief geholfen. Und auch jetzt fühle ich mich immer aufgefangen <3.

Liebe Grüße

Maja
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Beitragvon Engrid » 25.07.2019, 09:57

<3
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Bika
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon Bika » 25.07.2019, 11:09

Hallo Maja,

Darf ich mal fragen wie stark ausgeprägt die Ichthyose bei deinem Sohn ist?
Wenn ich mir die Kombination seiner Beschwerdebilder anschaue, Allergien, Asthma und eine Hautkrankheit, die schon ohne weitere Begleiterkrankungen zu einem hohen Leidensdruck führt, finde ich es ehrlich gesagt recht normal, dass ab und zu jede Selbstkontrolle ausbleibt und er sich von diesem permanenten Druck befreit.

Die Haut ist das größte und sensibelste Organ, wenn es immer drückt, schuppt und schmerzt, entsteht dadurch eine Form von Dauerstress, die er immer kompensieren muss, was ihm ja offensichtlich größtenteils gelingt, bewundernswert!

Ein Belohnungssystem brächte zusätzlichen Erwartungsdruck in seinen Alltag, hört sich für mich kontraproduktiv an.

Meine Erfahrung mit meinen reizfilterschwachen, sehr dünnhäutigen und schnell extrem überreizten Kindern war immer ähnlich, wie du es beschreibst......den Erwartungsdruck erstmal runterschrauben, ein paar Gänge zurückschrauben und einen Kompromiss ausarbeiten klappte oft erstaunlich gut, auch wenn ich ehrlich gesagt damit kämpfen musste über meinen Schatten zu springen oder die Befindlichkeiten/Bedürfnisse der Kinder (vermeintlich) über alles andere zu stellen.
Ein banales Beispiel: Sohnemann (ASS mit schwach ausgeprägter Symptomatik) hat im Alter deines Sohnes, wenn wir im Nahverkehr unterwegs waren, immer vorab die Route genau geplant und GENAUSO mussten wir fahren. :mrgreen:
Das war manchmal umständlich und unpassend, wir wollten spontan planen und uns nicht von unserem Kind “gängeln“ lassen. Oft endeten unsere Ausflüge dann in Dauerquengeln und Dauerverweigerung, keiner hatte etwas davon.
Für meinen Sohn war diese Vorabplanung wichtig, gab ihm Sicherheit im Chaos der menschendurchtränkten Großstadt. Als wir das verstanden hatten, durfte er planen und wir durften etwas daran modelieren, was er dann problemlos akzeptierte und wir alle hatten entspannte Familienausflüge.


LG


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