Belohnungssystem

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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JohannaG
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon JohannaG » 06.06.2019, 08:09

Hallo Maja,

beim Durchlesen jetzt eben ist mir noch was aufgefallen, da ähneln sich unsere Söhne auch sehr.

Mein Sohn hält in der Schule ok durch - aber nachmittags dann nicht mehr. Hort war immer tierisch anstrengend für ihn, und nach langen Hort-Tagen ging es auch immer rund bei uns. Hat ne Weile gedauert, bis ich das begriffen habe, zumal er auch einJahr lang eigentlich als I-Kind im Hort war...

Jetzt hat er 2x pro Woche nachmittagsunterricht (5. Schuljahr) - aber da das Unterricht ist, d.h. strukturiert, ist das ok. Die anderen Tage kommt er mittags heim. Hat extrem viel Druck rausgenommen.

Ich weiß nicht, ob das möglich ist bei euch - bei uns gehts jetzt, weil ich viel von meiner Arbeit auch von zu Hause aus machen kann und ihn inzwischen auch mal eien Stunde allein lassen kann - aber vor zwei, drei Jahren hätte das nicht funktioniert.

Ein Dampfkesselchen ist er aber immer noch, man muss immer auf der Hut sein, wann doch mal wieder was hochkocht in ihm. Heute früh zum Beispiel.... da war es schon wieder grenzwertig.

LG Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
C., (w), 11/2004, adoptiert, FASD, Bindungsstörung, lernbehindert, juvenile Polyarthritis;
J. (m) 01/2008, adoptiert, ADHS; Depressionen und ???,
M. (w) 01/2012 FG bei 23+6 SSW, Kleinwuchs, GÖR, Nahrungsmittelallergien, leichte ICP, Schielen, Weitsichtigkeit, allg Entwicklungsverzögerung

Anjali
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon Anjali » 06.06.2019, 08:29

Hallo Anja,

ja, bei ihm lief die Diagnostik und bei ihm läuft jetzt auch die Psychotherapie (Verhaltenstherapie). Es war schon eine Zweitmeinung und ein weiter Weg bis dahin. Leider werde ich (alleinerziehend, 6 Kinder) als erstes in die Klischee-Schublade gesteckt. Sein Wort hat nur viel Gewicht, wenn ich es annehme, und das werde ich nicht. Ich brauche dafür Argumentationshilfe und externe Ideen, um mich auch selbstreflektieren zu können.

Liebe Grüße

Maja

Liebe Grüße

Maja
Eine Argumentationshilfe (für mich selbst) wäre, dass ein Psychotherapeut kein Psychologe und kein Kinderpsychiater ist. Für mich wäre ein Psychotherapeut keine Anlaufstelle bei einem begründeten Verdacht auf Autismus.

Mit einer Erziehungshilfe wird das Jugendamt involviert. Das wäre für mich ein gewaltiger Schritt, den ich wirklich gut begründet haben wollte. Ich würde die Argumentations“pflicht“ umkehren um mir begründen lassen, warum eine Psychotherapie (und ggf. ein Belohnungssystem ) als nicht ausreichend erscheint und warum unbedingt das Jugendamt involviert werden „muss“.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

GretchenM
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon GretchenM » 06.06.2019, 09:05

Hallo,

das klingt, als hätte dieser Psychotherapeut diese Ausraster gleichgesetzt mit „sich nicht beherrschen wolllen“ bzw „nicht motiviert, sich zu beherrschen“ - sorry, wenn ich das so deutlich sage, aber das wäre zumindest bei meinem Sohn völlig daneben.

Belohnungen machen nur im Einzelfall Sinn, aber mit Sicherheit nicht bei einem Kind dass diese „Ausbrüche“ einfach wirklich nicht kontrollieren kann. Davon wird es ja höchstens noch depressiver. Ich glaube, der hätte uns das letzte Mal gesehen :-( weil er offensichtlich ja ein „Erziehungsproblem“ in etwas sieht, das keines ist. Das bedeutet „völlig falscher Dampfer“ und das wird nicht helfen, sondern wahrscheinlich eher schaden.

Ich würde auch nicht einfach „irgendeine“ Erziehungsberatung aufsuchen, sondern wenn dann eine, die sich mit autistischen und autismusähnlichen Störungen auskennt - sonst ist die Gefahr groß, dass das Verhalten des Kindes völlig falsch interpretiert wird und wieder vermutet wird, dass da einer Alleinerziehenden erstmal das Erziehen beigebracht bekommen muss. Leider nicht selten.

Schönen Gruß,

GretchenM

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Re: Belohnungssystem

Beitragvon NickiS » 06.06.2019, 13:10

Liebe Maja,

Ich weiß nicht, ob das hier hin passt, aber ich würde dir gerne ein ganz wunderbares Buch empfehlen, es heißt "Achtsame Kommunikation mit Kindern" von Daniel Siegel. Darin werden tolle Strategien aufgezeigt und gleichzeitig erklärt, was mit dem Gehirn der Kinder passiert wenn sie solche Ausraster haben. Bspw vergleicht er darin das Gehirn mit einem Haus, unten wohnt sozusagen das Stresszentrum und oben wohnt der Bereich des Gehirns, der für das planen, denken und handeln zuständig ist. Wenn ein Kind nun stressbedingt ausrastet, dann wird quasi die Tür zum Treppe nach oben abgeriegelt, logisches denken ist dann gar nicht mehr möglich. Das Kind handelt genau so, wie sein Stresszentrum ihm das vorgibt. Und erst wenn die Tür langsam wieder aufgeschoben wird (und wie das gelingen kann, dafür gibt er hier Strategien an die Hand) kann das logische denken wieder einsetzen.
Auf deine Frage hin bedeutet dies, dass ein Belohnungssystem hier überhaupt keinen Sinn machen würde, denn dein Sohn kann im Moment des Ausrasters überhaupt nicht klar oder logisch an diese Belohnung denken!!!
Es gibt natürlich auch Ausraster, die darauf ausgerichtet sind, dass die Kinder Aufmerksamkeit erhalten, ihre Grenzen austesten etc, also Ausraster, die von den Kindern willentlich eingesetzt werden. Hier könnte ein Belohnungssystem helfen, da ist die Tür zum Obergeschoss ja nicht verriegelt. Es muss dann von den Eltern unterschieden werden, was der Hintergrund des Ausrasters war. Bei euch klingt es für mich so (v.a. durch die Heftigkeit), als wäre es stressbedingt.

LG NickS
Nicki mit großem (2009) und kleinen Sonnenschein (2015): beide mit Snyder-Robinson Syndrom
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon Anjali » 06.06.2019, 13:11

...tut mir leid, ich glaube mir ist ein Fehler unterlaufen. Der Therapeut schlug nach deiner Aussage „Erziehungshilfe“ vor und ich habe diese Erziehungshilfe wohl als „Hilfen zur Erziehung“ missverstanden.

An meiner Meinung/meinem Ratschlag, sich bei Verdacht auf Autismus oder generell bei anhaltenden Zweifeln eher an einen (autismuserfahrenen) Kinderpsychiater oder einen klinischen Psychologen zu wenden, ändert diese Korrektur jedoch nichts.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

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Re: Belohnungssystem

Beitragvon Anjali » 06.06.2019, 14:46

Entschuldige bitte, ich muss mich schon wieder korrigieren. Der Titel „Psychotherapeut„ sagt an sich ja noch nichts über die berufliche Qualifikation des Titelträgers aus. Psychotherapeuten können auch Ärzte und Psychologen sein.
Ich würde mich im Zweifel an autismuserfahrene Fachkräfte (Fachärzte) wenden.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

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Re: Belohnungssystem

Beitragvon melly210 » 06.06.2019, 15:13

Mein Sohn ist auch kein diagnostizierter Autist, er hat aber eine SI-Störung, was ja wie Autismus und AD(H)S in den Bereich der Wahrnehmungsstörungen fällt. Ich kenne diese Ausraster bei Überforderung auch von ihm. Er kompensiert sehr gut, ist im Kindergarten mit Freude dabei und unauffällig. Da wir ihm sehr viel Ruhezeiten verschaffen, ist er das auch zuhause. Er wird immer um 13 Uhr abgeholt, dann hat er zuhause mal 2 Stunden komplett Pause und spielt da nur für sich. Danach machen wir noch was gemeinsam, aber meistens nur zuhause/im Garten. Also sehr ruhiges Programm.Wenn er längerfristig überfordert ist bekommt er Ausraster. Zwei, drei Tage kann er es kompensieren wenn es mal anstrengender ist, wenn es darüber hinaus geht wird es kritisch.
ich würde daher auch bei mehr Ruhe ansetzen. Holt ihn wenn es irgend geht zu Mittag ab, schaut daß er auch zuhause viel reizarme Zeit für sich hat.

GretchenM
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon GretchenM » 06.06.2019, 17:20

Ich musste meinen Sohn zum Beispiel wieder aus der OGS nehmen, weil er da einfach keine richtigen Ruhepausen hatte. Das ging dann soweit, dass er erstmal verkürzten Unterricht hatte und später Hausaufgaben erst abends machen konnte, weil er sich erstmal mehrere Stunden lang ausruhen musste.

Diese Überreizung durch viel Lärm, durch die sozialen Situationen, durch Ansprüche die an ihn gestellt wurden, hat dazu geführt, dass er sich erst nach anderthalb Jahren in der Schule eingewöhnt hat - und auch da nur halbtags.

Selbst heute braucht er unheimlich viel Zeit für sich, wie meine Schwester sagt, zum „ausklamüsern“ - um sich sozusagen zu beruhigen.

Mit Druck und noch mehr Erwartung a la „wenn du das nicht mehr tust, belohne ich dich - sonst nicht!“ wäre das nicht möglich.

Ich belohne durchaus - aber nicht in einer Angelegenheit, die ihm wirklich schwerfällt, nur bei etwas, bei der die Motivation „hakt“, aber es für ihn nicht eigentlich „schwer“ ist. Garantiert nicht um emotionale Ausraster zu verhindern. Da hilft zumindest bei uns nur, selbst ruhig zu bleiben, Ruhe zu vermitteln, für eine ruhige Umgebung zu sorgen und garantiert kein Druck.

Bei uns war schon der etwas verkürzte Untericht ein Segen, und das er nicht mehr in die OGS musste hat ihm denke ich am meisten geholfen.

Schönen Gruß,

GretchenM

MajaJo
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Re: Belohnungssystem

Beitragvon MajaJo » 06.06.2019, 17:39

Hallo zusammen,

der Psychotherapeut ist Psychologe und Kinder- und Jugendpsychotherapeut in Ausbildung. Sein Handeln unterliegt der Supervision seines "Lehrmeisters" (ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut mit sehr gutem Ruf in unserer Region und dem Lehrstuhl einer Universität). Qualifikation ist schon da, aber vielleicht nicht genügend Erfahrung in diesem Bereich. Die KJP macht sogar Autismusdiagnostik, scheint aber völlig überlastet und sehr schubladendenkend zu sein. Das Forum hat mir schon viel weitergeholfen als die Fachkräfte. Ich habe mich mit Eurer Bestärkung im Rücken nun erstmal per E-Mail gewehrt - mal sehen, ich welche Richtung es weiter geht.

Liebe Grüße

Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

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Re: Belohnungssystem

Beitragvon Anjali » 07.06.2019, 07:00

Hallo Maja,

ein gutes Argument für oder gegen die Anwendung eines Belohnungssystems ist ja auch immer der jeweilige Erfolg bzw. Misserfolg dieser Maßnahme.
Vielleicht wäre es ein Kompromiss (um mögliche Komplikationen im Verhältnis zu dem Psychotherpeuten zu vermeiden - schließlich hast du lange auf Hilfen warten müssen), das vorgeschlagenen Belohnungssystem probeweise einzuführen. Danach kannst ggf. viel „handfestere“, praxiserprobte Argumente beisteuern.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)


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