Persönlichkeitsrechte

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Sandra73
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Persönlichkeitsrechte

Beitragvon Sandra73 » 13.05.2019, 08:21

Hallo,

Vorweg:Dass jeder Mensch Persönlichkeitsrechte hat, die gewährt werden müssen, setze ich an dieser Stelle voraus :)

Unser Sohn, fast 20, lebt in einer vollstationären Wohneinrichtung. Zur Zeit noch Einrichtung für Kinder und Jugendliche. Nun ist das Problem, dass er im Moment extreme Langeweile hat, da seine Arbeitsperspektive absolut unbefriedigend ist, er seit Monaten keine Beschäftigung und keinen geregelten Tagesablauf hat. Die Einrichtung fängt sehr viel auf, das ist wirklich ganz klasse.
Er fängt an, eine Menge dummes Zeug zu machen. Unter anderem hält er sich bezüglich seiner
Ketcarfahrten, die er auf bestimmten Strecken alleine bewältigen darf, nicht mehr an Absprachen und fährt auf eigene Faust drauf los. Keiner weiß dann, wo er ist, ein Handy hat er nicht, das würde auch nicht funktionieren. Er verschwindet nicht lange und ist auch nicht weit weg. Er ist nicht zuverlässig im Straßenverkehr, verirren würde er sich aber eher nicht, sein Orientierungssinn ist beneidenswert gut ausgeprägt.
Nun ist die Frage, ob man seinen Radius der erlaubten Fahrten erweitern darf, das möchte die Wohngruppe gerne, weil unser Sohn anfängt, bezüglich der Fahrten zu lügen und ihn das wahnsinnig unter Druck setzt und auch, um eventuell zu verhindern, dass er weiterhin heimlich verbotene Strecken zu fahren.
Unser Wunsch wäre, ihm einen GPS Tracker mitzugeben, der per App im Notfall, sollte er nicht wiederkommen, geortet werden kann. Wir hatten vor 2 Wochen die Situation, dass der junge Mann einen LKW Fahrer vollgesabbelt hat, der ihn dann eine Runde mitgenommen hat, was keiner mitgekriegt hat und womit wir schon ewig nicht mehr gerechnet haben, dass er wirklich noch zu Fremden ins Fahrzeug steigt.
Wir sind der Meinung, dass wir als rechtliche Betreuer mit allen Belangen, durchaus über einen GPS Sender entscheiden können, die Einrichtung hat bezüglich der Persönlichkeitsrechte der volljährigen Bewohner recht eigenwillige Einstellungen. Wir sind der Meinung, dass man unserem Sohn selbstverständlich Sachen verbieten kann, die ihn gefährden.
Wir befürchten, dass die Einrichtung den GPS Sender ablehnen wird, eben mit der Begründung der Persönlichkeitsrechte.
Weiß jemand, wie die rechtliche Lage ist? Uns wäre sehr viel wohler, wenn man im Notfall feststellen kann,wo unser Sohn sich aufhält. Wir würden ihm schon gerne ermöglichen, seinen Ketcarradius zu erweitern. Die Einrichtung würde die neuen Wege mit ihm einüben und dann fährt er hoffentlich nicht mehr heimlich Strecken, die viel Straßenverkehr beinhalten.

Sehr lang geworden und wahrscheinlich ziemlich konfus :D .

Ich danke euch für eure Geduld
PS, *99, Gb,ADHS, seit 2017 Diagnose frühkindlicher Autismus,Epilepsie
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Engrid
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Beitragvon Engrid » 13.05.2019, 08:37

Hallo Sandra,

hier wird konkret geraten, sich beim lokal zuständigen Amtsgericht zu erkundigen, weil die Rechtsprechung nicht einheitlich sei: https://www.biva.de/rechtsprechung-zu-o ... enzkranke/

PS: Unsere Jungs sind ja in vielem sich nicht unähnlich, wir hatten/haben hier eine vergleichbare Problematik, nur halt zuhause. Die Ortung war damals für mich die Basis, ruhig bleiben zu können, gleichzeitig war es aber sehr wichtig, glasklare Regeln durchzusetzen. Ich habe ihn also alleine losziehen lassen, per Ortung überprüft, ob er die Absprache einhält. Leider waren die Verlockungen zu groß, ich konnte ihn aber eben direkt da rausholen, und er darf nun fürs erste nicht mehr alleine raus. Er hat das gut akzeptiert, man merkt an sowas, dass er selber diese glasklare Regelgrenze braucht, sonst schwimmt er und es ufert aus.
Vielleicht eine gute Gelegenheit, doch ein Handy einzuführen? Da wäre die Ortung dann ganz nebenbei dabei, und mit Einverständnis Deines Sohnes auch nicht genehmigungspflichtig (beim iPhone: „mein iPhone suchen“).

Grüße
Engrid
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Jakob05
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Re: Persönlichkeitsrechte

Beitragvon Jakob05 » 13.05.2019, 08:46

Gibt es denn kein Argument, mit dem man deinen Sohn überzeugen kann, die Ortung selbst zu wollen ? Vielleicht, weil man so sein Kettcar schneller reparieren kann, wenn es mal einen Platten hat ? Oder weil es einfach cool ist, sowas zu haben ? Oder eine Armbanduhr, die sowas nebenbei kann ?
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)

Sandra73
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Re: Persönlichkeitsrechte

Beitragvon Sandra73 » 13.05.2019, 09:32

Hallo

@Engrid
Danke für den Link. Ja, klare Absprachen braucht er definitiv, hat bisher auch ausgereicht. Durch die Arbeitssituation und das monatelange ohne Beschäftigung zu sein, kommt er zur Zeit auf die abenteuerlichsten Gedanken.
Handy geht nicht, kann er nicht nutzen, ist ihm nicht wichtig genug, so dass er es verlieren oder zerdonnern würde. Smartphone geht auch gar nicht, da er keine Kamera haben soll, das wäre kontraproduktiv, weil er dann ausschließlich damit beschäftigt wäre, genauso Internet.

@Jakob
Das ist eine super Idee, klar, ist der entsprechenden Begründung, wie z.B. deine bezüglich des Ketcars, würde er es Lieben. Das ist auf jeden Fall umsetzbar. Ganz lieben Dank für diesen Gedankenanstoß
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kati543
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Re: Persönlichkeitsrechte

Beitragvon kati543 » 13.05.2019, 21:22

Hallo,
mein Ältester ist zwar lange nicht volljährig und damit gibt es diese Problematik der Betreuung noch nicht. Aber er hat eine Uhr, die diese Überwachung eben ganz „nebenbei“ kann.
Mit seiner Uhr kann er auch vorher einprogrammierte Nummern anrufen, d.h. seine Eltern und natürlich können wir ihn auch anrufen.
Ein Smartphone wollte mein Sohn nie. Uns wäre aber auch unwohl dabei. Außerdem ist ein Smartphone zumindest in der Schule und bei Klassenfahrten absolut verboten...die Uhr ist es nicht ;).
LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
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D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

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Re: Persönlichkeitsrechte

Beitragvon AnnalenaO » 14.05.2019, 00:05

Hallo Sandra!
Mein Sohn ist zwar viel jünger als deiner und Asperger Autist, aber trotzdem kann ich dir so eine Uhr die geortet werden kann und mit der er auch mich erreichen kann wenn irgendetwas ist was ihn verunsichert nur empfehlen. Dadurch konnte ich meinen Sohn ruhigerem Gewissens gewisse eingeübte Strecken alleine meistern lassen und auch er von seiner Seite aus hat sich mehr zugetraut.
Diese Uhren sind auch echt cool! Vor allem mal sind es Uhren, man kann ganz normal digital die Zeit ablesen. Das dürfte ja nicht verboten sein. Nebenher kann er eingespeicherte Nummern aber auch anrufen (bei uns nur meine Nummer) und ich kann ihn orten falls nötig.
Mein Sohn findet dass das eine Geheimagentenuhr ist und damit ist sie cool und wird gerne getragen :)
Viele Grüsse, AnnalenaO
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
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Re: Persönlichkeitsrechte

Beitragvon Jakob05 » 14.05.2019, 07:17

Auch wenn diese Uhren cool sind, sind sie bei einem Erwachsenen u.U. vom Betreuungsgericht genehmigungspflichtig. Stichwort: Einschränkung der persönlichen Freiheit. Auch ein behinderter MEnsch hat das Recht sich unbeobachtet frei zu bewegen und nur, wenn irgendeine Gefahr besteht, kann nach Geirchtsbeschluss dieses Recht einegschränkt werden. Dazu kommt, dass durch eine Ortungsmöglichkeit natürlich auch das Heim unter Aufsicht steht, denn so sehen die Eltern, ob der Sohn dort ist, wo er sein sollte oder ob er ausgebüxt ist und das Heim offensichtlich seiner Aufsichtspflicht nicht gerecht wird.
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Re: Persönlichkeitsrechte

Beitragvon Annileinchen » 14.05.2019, 08:15

Dazu kommt, dass durch eine Ortungsmöglichkeit natürlich auch das Heim unter Aufsicht steht, denn so sehen die Eltern, ob der Sohn dort ist, wo er sein sollte oder ob er ausgebüxt ist und das Heim offensichtlich seiner Aufsichtspflicht nicht gerecht wird.
Haben Heime jetzt schon Persönlichkeitsrechte? Na dann, armes Deutschland.

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Re: Persönlichkeitsrechte

Beitragvon Jakob05 » 14.05.2019, 08:21

Nein, natürlich nicht, aber das ist wohl der Grund, warum das Heim sich so gegen die Ortung wehrt.
Dem Sohn liesse sich so ein Gerät ja offenbar schmackhaft machen ohne dass eine gerichtliche Entscheidung nötig wird,
aber das Heim nutzt diese Begründung, um die eigene Überwachung zu verhindern.
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Re: Persönlichkeitsrechte

Beitragvon Engrid » 14.05.2019, 08:45

Hallo,

nein, das Heim hat schon recht, siehe zb obigen Link. Bei Erwachsenen bedarf es für eine Ortung ohne Zustimmung des Bewohners einer richterlichen Genehmigung, und ich finde das auch grundsätzlich okay. Unklar ist, wo die Genehmigungspflichtigkeit einsetzt im Einzelfall, und da haben halt die Richter offenbar unterschiedliche Positionen, vermutlich auch einen unterschiedlichen Wissensstand über Demenz, über geistige Behinderung, ...
Das Heim trägt die Maßnahme ja mit, und braucht Rechtssicherheit.

Darauf, dass man einfach das Einverständnis von Sandras Sohn einholt, sind sie offenbar nicht gekommen? Oder sind sie da auch dagegen? Das Mitfahren mit Fremden ist damit ja zb nicht vom Tisch ... (Und in geschlossenen Räumen funktioniert die Ortung nicht sicher).

Grüße
Engrid
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