Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Emma5
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon Emma5 » 07.05.2019, 23:16

Hallo Anna,

auch wir haben Probleme bei Lernen wegen der Absence Epilepsie.
Meiner Erfahrung nach wirkt Überforderung extrem auf die Kinder. Meine hat sich dann immer wieder verschlossen und gar nichts mehr gemacht.
Ich hab mit ihr dann viel zuhause, außerhalb der Schule gelernt. Wobei ich sozusagen von Anfang angefangen hab und sehr viel spielerisch. Dabei ist jedes Kind anders, mann muss selbst ausprobieren, was das Kind akzeptiert.
Folgendes hab ich ausprobiert:
- Computerspiele mag sie natürlich sehr gerne. Die bringen bei ihr aber nicht so viel.
- Leichte Aufgaben geben, dann ist sie sehr motiviert und macht auch gerne freiwillig weiter.
- Ab und zu etwas hartnäckig sein. Wenn sie merkt, dass sie eine schwierige Aufgabe doch lösen kann, ist es natürlich super schön und motiviert (aber nicht überfordern.
- Belohnungssystem: Für jede Aufgabe gibt es eine Murmel und wenn das Glässchen voll ist, darf sie sich etwas wünschen
- zusammen Bücher kaufen gehen und nur ein oder zwei kleine Bücher nehmen, die ihr wirklich gut gefallen (so fängt meine schon ohne mich an zu lesen)
- Lesen nach Silben
- In den Ferien nicht aufhören zu lernen (schon nach 2-3 Wochen hat sie alles wieder vergessen)
- Eigenes Tempo für das Lernen finden. z.B. In der Schule haben sie schon das Buchstabenheft 4 durch, und wir lesen erst das Buchstabenheft 3 zuhause. Ab und zu weigere ich mich einfach mit ihr den schwierigen Text zu lesen, wenn sie noch nicht so weit ist
- nur kurze Lerneinheiten von 10-15 Minuten zwischendurch, sonst schaltet sie ab
- meine Tochter ist in Mathe besser als in Deutsch, deswegen gebe ich ihr auch jeden Tag eine kleine Matheübung. Damit sie einfach auch ihre Stärken sieht.

Und das wichtigste: Wenn du Kopfschmerzen hast, kannst du dich auch nicht konzentrieren. Ich meine, du hattest es in einem anderen Beitrag erwähnt. Je stärken die Kopfschmerzen sind, desto schlechter kann sie sich konzentrieren. Wenn die Kopfschmerzen und die Epilepsie durch die Medis weggehen, wird sie sich auch wieder besser konzentrieren können. Medikamente schränken die Kinder aber auch ein, dass darfst du auch nicht vergessen.

Meine Versuche mit meiner Tochter zu Lernen erweisen sich momentan als sinnvoll. Alles was in den letzten Monaten so gar nicht klappen wollte, klappt besser und besser. Aber es geht ihr auch wieder etwas besser. Ich weiß aber auch, dass es in jedem Moment wieder schlechter laufen kann, wenn es ihr gesundheitlich wieder schlechter geht.

Die Gedanken, die du dir um die Schule / Lernen machst, mach ich mir auch ständig und wünsche mir eigentlich nur ein normales Leben für sie.

Liebe Grüße
Emma
Tochter 7 Jahre mit Absence Epilepsie (Lamotrigin und Petnidan)

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MarinaH
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon MarinaH » 08.05.2019, 12:22

Hallo!
Leider lernen die Kinder eher langsam. Und es liegt ihnen nicht. Schon gesunde Kinder arbeiten ungern für die Schule, das ist bei einer Lernbehinderung nochmal schwerer. Ich stelle mir das so vor, als müsste ich den ganzen Tag etwas machen, was ich gar nicht kann (wie Fußball spielen) und dann zuhause auch noch üben. Und zwar ohne große Erfolge! Zudem sehen die Kinder auch gar nicht ein, wozu sie den ganzen Kram machen sollen. Warum soll ich mich mit Buchstaben und Zahlen quälen, wenn ich lieber spielen will? Unser Schulsystem ist dafür auch nicht ideal- was soll ein lernbehindertes Kind später mit Gramatik anfangen? Hat es eine praktische Relevanz, wenn man weiß, was Subjekt und Prädikat sind?
Einen sehr motivierenden Ansatz hast Du schon gefunden: Ihr lest, was ihr wirklich wissen wollt und spannend ist. Und Tandem-Lesen (Erwachsener liest vor, Kind liest mit) ist super. Viele Kinder fangen irgendwann selbst an, Schilder zu lesen. Wenn das Silbenlesen so schwer ist, kann man evtl. Buchstaben zu Silben zusammenfügen (mit Buchstabenkarten) und dann lesen. Manche Kinder schaffen allerdings die Silbenmethode nie- die lernen ganze Wörter auswendig. Für Mathe bietet sich Rechnen mit Geld an- wozu das gut ist, verstehen die meisten. Das geht am Anfang nur mit glatten Beträgen- aber sie ist bestimmt stolz, wenn sie für einen Euro ein Eis kauft und das Wechselgeld zählen kann.
Ich habe bemerkt, dass die meisten Kinder sehr gut beobachten und neugierig sind. Sie lernen eigentlich alle viel besser, wenn es praktisch wird- begreifen eben... so waren wir für Sachkunde draußen und haben Bäume bestimmt.
Und natürlich brauchen alle- Kind und Eltern und Lehrer ganz viel Geduld. Hoffentlich bleibt auch Zeit für etwas Schönes! Stärken kann sie später im Leben einsetzen, da finde ich Handarbeiten, Kochen oder Gartenarbeit wichtiger als Theorie.Und wenn sie dann später die Grundlagen kann, hat sie schon einiges!

LG Marina
Kinderärztin im SPZ

PaulaW
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon PaulaW » 08.05.2019, 12:54

Ihr Lieben!
Ja, unsere Kinder lernen langsamer, definitiv. Allerdings muss ich das einschränken. Wenn wir unterwegs sind, hat er eine schnelle Auffassungsgabe, besonders wenn ich das zu Vermittelnde in zwei Sätzen erklären kann und es ihn einigermaßen interessiert.
Er fragt dann noch mal nach, wenn er mehr wissen möchte. Da er so eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat, ist das für uns das beste System.
Alles was Richtung Lernen und Schule aussieht, verursacht bei ihm eine Antihaltung. Aber auch das wird besser. Erfolgserlebnisse hat er durchaus, auch beim Hausaufgaben machen.
Bei uns ist es jedenfalls so, dass die Motivation eine sehr große Rolle spielt also mit Belohnung oder versprechen gemeinsam zu spielen etc klappt es gut.
Natürlich lernt er nicht immer freiwillig aber das ist bei den gesunden Kindern aus der Nachbarschaft und im Freundeskreis auch nicht anders.
Beim Thema Selbständigkeit ist er durchaus ehrgeizig, was ich von den Lernthemen nicht unbedingt behaupten kann. Er ist ganz scharf drauf, alleine einkaufen zu gehen etc.
Liebe Grüße Paula
Muskelschwäche, Entwicklungsverzögerung, Wahrnehmungsstörung, Feinmotorische Probleme, Konzentration, PG3, 70% GdB, GBH

Annileinchen
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon Annileinchen » 09.05.2019, 08:31

Hallo!
Leider lernen die Kinder eher langsam. Und es liegt ihnen nicht. Schon gesunde Kinder arbeiten ungern für die Schule, das ist bei einer Lernbehinderung nochmal schwerer. Ich stelle mir das so vor, als müsste ich den ganzen Tag etwas machen, was ich gar nicht kann (wie Fußball spielen) und dann zuhause auch noch üben. Und zwar ohne große Erfolge! Zudem sehen die Kinder auch gar nicht ein, wozu sie den ganzen Kram machen sollen.
Hallo Marina,

diese Beschreibung trifft aber nur auf einen Teil der Kinder mit Förderschwerpunkt Lernen zu.
Es können auch einfach Wahrnehmungsstörungen dahinterstehen, die das herkömmliche Lernen erheblich erschweren, nicht aber die Lernfreude mindern.
Mit speziellem Material und einer individuell passenden Herangehensweise lässt sich viel machen.

LG

MarinaH
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon MarinaH » 09.05.2019, 09:18

Hallo!

Beim Lernen hängt viel von der Motivation ab, die ist oft für praktische Dinge höher. Es gibt wohl nur wenige Menschen, die sich an der Schönheit von Rechentricks erfreuen oder mit Freuden Sprachen analysieren (obwohl das faszinierend ist). Die meisten dürften andere Interessen haben. Und damit kann man die Kinder eher locken (was ja viele schon beschrieben haben).
Auch lernbehinderte Kinder lernen gern, nur nicht unbedingt den Schulstoff. Übrigens denke ich nicht, dass eine Wahrnehmungsstörung und eine Lernbehinderung das Gleiche sind. Und auch ein wahrnehmungsgestörtes Kind kann bald frustriert sein, wenn es mit dem Schulstoff nicht klarkommt. Da braucht man ganz schön Fantasie, um die Kinder bei der Stange zu halten.
Ich finde unser Schulsystem für viele Kinder zu unflexibel. Gleicher Lehrplan für alle wird irgendwie keinem gerecht.

LG Marina
Kinderärztin im SPZ

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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon Annileinchen » 09.05.2019, 11:03

. Übrigens denke ich nicht, dass eine Wahrnehmungsstörung und eine Lernbehinderung das Gleiche sind.
Schon, aber was ist denn eine Lernbehinderung? Das kann man gar nicht einheitlich definieren (deshalb wird ja gerne, weil es so schön „einfach“ ist, der IQ herangezogen).

In dem Fall der TE hört sich das nicht nach einer Lernbehinderung im Sinne einer unumstößlichen IQ-Minderung an, sondern dass sich Lernschwierigkeiten aus der Erkrankung ergeben. Natürlich ist man dadurch „am Lernen behindert“.

Am Lernen behindert können eben auch Kinder mit Wahrnehmungsschwierigkeiten, Autismus usw. sein. Diese werden dann als LB eingestuft, wenn sie eben die zielgleiche Beschulung nicht schaffen.

Es gibt nicht „das“ lernbehinderte Kind.

PaulaW
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon PaulaW » 15.09.2019, 12:50

Ihr Lieben,

hier gab es ja die sehr interessante Diskussion über Lernbehinderungen und wie schnell oder
auch langsam unsere Kinder lernen.
Sehr gut gefallen hat mir der Ausdruck Schulbehinderung. Der trifft es auch bei uns sehr gut.
Junior möchte alles wissen und fragt mir Löcher im Bauch im "echten" Leben.
In der Schule allerdings sieht das ganz anders aus.
Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass er eigentlich am besten in der 1:1 Situation lernen
kann. Wahrnehmung, Ablenkung, Kurze Konzentrationsspanne, Motivation, Reizverarbeitung etc.

Lesen klappt mittlerweile super, haben wir viel geübt. Schreiben klappt auch schon richtig gut.
Womit wir wieder beim motivationsabhängigen Lernen wären. Er interessiert sich sehr für
Sprache und da kann ich ihn packen.
Ehrlich gesagt war ich sehr überrascht wie schnell er lesen und schreiben gelernt hat.
(auch mal schön)

Bei Sachkunde und Englisch etc sieht es allerdings anders aus. Er macht in der Schule dabei sofort dicht.
Entsprechend wenig lernt er dort was mir die Lehrerin (4. Klasse Förder KME) jetzt zurückgemeldet hat.
Das hat mich ehrlich gesagt kalt erwischt bzw ich hatte es unterschätzt.
Englisch ist wohl auch schlecht aber das kann ich vielleicht mit ihm ein bisschen üben, da er
sich ja für Sprachen interessiert.
Was also tun ?

Meine Sorge gilt natürlich auch der Schule insgesamt, wie soll er etwas lernen wenn er kein Interesse
zeigt bzw gleich abschaltet bei Themen die ihn nicht interessieren ?
Ich nehme an das diese Sorge hier viele Eltern haben.

Danke Euch sehr für Anregungen,
alles Liebe

Paula
Muskelschwäche, Entwicklungsverzögerung, Wahrnehmungsstörung, Feinmotorische Probleme, Konzentration, PG3, 70% GdB, GBH

RikemitSohn
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon RikemitSohn » 15.09.2019, 13:35

Hallo Paula,

ich glaube, dass ist ein bißchen das Problem bei vielen Kindern und mMn ist es da ganz egal, wo die IQ-Werte liegen. Was nützt dir ein hoher IQ, wenn das Kind nicht interessiert ist. Was es etwas einfacher macht ist, dass das Kind nicht viel lernen muss, um dem Unterricht zu folgen. Das ist bei normaler Leistung oder einer Lernbehinderung schwieriger, da für bestimmte Ziele einfach mehr geackert werden muss.
Interesse zu erzeugen ist schwierig. Ich kenne das auch von mir selber früher und meine Eltern mussten sich oft die Klagen der Lehrer anhören. Vielleicht können du und die Lehrerin euch austauschen, was ihn locken könnte. Eine langweiliges Thema in interessante Aufgabenformen verpackt. Ob mehr Üben hilft, weiß ich nicht. Denn die Gefahr, dass das Thema noch mehr abgelehnt wird, ist hoch. Es muss immer entschieden werden, ob dein Sohn es noch nicht kann oder keine Lust hat.
Was mir bei deinem Sohn durch die Wahrnehmungsproblematik noch einfallen würde, wäre die Möglichkeit, dass es in der Schule vielleicht zu wenig Struktur gibt. Das ist bei meinem Sohn bis heute schwierig. Wenn er eine Aufgabe bekommt, die sehr offen ist, schafft er sie nicht. Es wird im Laufe der Zeit besser, aber in der Grundschule hat das oft für leere Hefte gesorgt. Besonders wenn das Thema zu öde war.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

SimoneChristian
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon SimoneChristian » 15.09.2019, 18:48

Hallo Paula,

ich bin da bei Rike.
Es ist bei uns auch gar nicht immer das Thema, sondern wie es vermittelt werden soll.
Man kann ein trockenes Arbeitsblatt nehmen und sagen "Heute lernen wir die deutschen Bundesländer"
Oder man fragt: "Wer von euch war denn schon mal in einem anderen Bundesland?" oder "Was wisst ihr denn schon über Deutschland?"

Ähnlich auch im Englisch Unterricht: Unser Lehrbuch hat als didaktisches Schmankerl logische Reihen zum mitsprechen drin.
Da fühlt mein Kind sich leider veräppelt, weil die Reihe zu einfach ist.
Warum man mitsprechen sollte, erschließt sich ihm einfach nicht.
Außerdem ist ihm das gesamte Tempo zu langsam, um bei der Sache zu bleiben.
Meine Lösung bisher: Englisch immer mal wieder selber sprechen.
Und die Bücher von Langenscheidt: Kindergartenbande und Hexe Huckla

Grüße
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

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PaulaW
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon PaulaW » 16.09.2019, 16:47

Manchmal frage ich mich, ob sich unsere Kinder das wirklich alles in den Kopf tun müssen
trotz der Lernprobleme.
Natürlich sollen sie mitnehmen soviel es geht und auch das Lernen üben
aber letztlich ist es wichtig zu wissen wo man alles finden kann.
Liebe Grüsse
Paula
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