"Du kennst es ja nicht anders"

In dieser Rubrik könnt ihr euch über diverse Krankheitsbilder austauschen - z. B. Skoliose, Kyphose, Cerebralparese usw.

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johannaj84
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"Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon johannaj84 » 02.05.2019, 23:19

Was haltet ihr von dieser Aussage in puncto Behinderungen? LG

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FranziF
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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon FranziF » 03.05.2019, 03:05

ähm... gehts bissl konkreter?
Grundsätzlich: ja, manchmal mag es einfacher sein, dadurch, dass man den einfacheren, gesunden Weg nie kennen gelernt hat, manchmal führt das aber auch eher zu einem glorifizieren, zu der Vorstellung, dass ohne Behinderung alles total toll wär und alles nur doof ist, weil man behindert ist....
Tut mir leid, die Frage ist zu allgemein, als dass ich da viel zu schreiben könnte.

Liebe Grüße
Ich (1996)
Ehlers Danlos Syndrom, Myasthenia Gravis (IIb), Allergien & UV, versch. Augenerkrankungen, Hashimoto, AVWS
siehe meine Vorstellung: http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic120256.html

Sheila0505
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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon Sheila0505 » 03.05.2019, 07:10

Hallo Johanna, Ich weiß ja nicht, aber ich hatte mir schon über deine letzte Frage mit dem "Neid" Gedanken gemacht.
Ist es deine Familie oder dein soziales Umfeld, welche Dir solche Dinge an den Kopf knallen?

Ich finde, du solltest dich von solchen Aussagen distanzieren. Offenbar beschäftigen/treffen Dich diese Aussagen sehr, was ich total verständich finde. Wenn es ein bestimmter Mensch ist, der diese Dinge sagt welcher dir nahe steht, dann solltest du dir weniger um den Inhalt des Gesagten Gedanken machen, sondern eher darüber, wie Du Dich stark machen kannst. Solche Aussagen sind in ihrer Art einfach herablassend und empathielos.
Ich kenne Dich nicht, frage mich aber aufgrund dieser Fragen schon, ob es dir gut geht. Vllt solltest du dir überlegen dich unterstützen zu lassen, sodass du die Beziehungen zu diesen Menschen besser einordnen und damit umgehen lernen kannst?

Ich würde ja sagen: nimm Abstand zu solchen Menschen, welche dir solche Dinge sagen. Aber inwiefern es sinnvoll wäre, so etwas tatsächlich zu raten, hängt m.E. stark von dem Beziehungsgefüge ab - wie nahe dir diese/r Mensch/en steht/en.

LG Sheila

Silvia & Iris
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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon Silvia & Iris » 03.05.2019, 07:36

Liebe Sheila,

das ist wohl schwer, wenn dieser Mensch die eigene Mutter ist... und leider haben selbst Mütter nicht immer das notwendige Takt- und Feingefühl ihren Kindern gegenüber... Obwohl ich nicht behindert bin, habe ich da auch sehr darunter gelitten... - und konnte den Knoten erst viel später lösen... - Auch Eltern sind überfordert mit gewissen Situationen...
- Ich sehe ja selbst, dass es da gerade auch für die Eltern kaum Unterstützung gibt und man einfach "alleine" da steht...

Aber natürlich weiß ich jetzt nicht, ob es hier bei Johanna sich um so eine nahe Bezugsperson handelt...
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

Sheila0505
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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon Sheila0505 » 03.05.2019, 08:08

Hallo Silvia, mir ist das klar, daher hatte ich ja auf die „Nähe“ und dem „Beziehungsgefüge“ hingewiesen. Aber vllt habe ich mich auch nicht verständlich genug ausgedrückt. Sehe das also wie du.

Mit „Unterstützung“ bezog ich mich auf fachliche Unterstützung, denn ich selbst hatte einige „Baustellen“ in meiner Familie (Eltern und Geschwister). Ich hatte mich vor einigen Jahren unterstützen lassen und habe dadurch viele Dynamiken besser verstehen und durchschauen gelernt. Auch die Ursachen wurden erhellt und ich wurde stärker und ich kann mich heute definitiv besser abgrenzen.

Aber ich kenne Johanna nicht, ich habe keine Ahnung aus welchen Gründen sie mit solchen Aussagen konfrontiert wird, wieso sie sich damit beschäftigt. Letztendlich muss es sie ja gar nicht persönlich betreffen, meine Antwort war jedenfalls gut gemeint.

LG Sheila

Anjali
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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon Anjali » 03.05.2019, 08:35

Hallo,

da ich den Kontext dieser Aussage nicht kenne, kann ich zu dieser Aussage keine Stellung nehmen. Es sei denn, ich spekuliere wild herum.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (17 Jahre / Asperger-Autist)

Sheila0505
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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon Sheila0505 » 03.05.2019, 10:17

Also vorerst möchte ich mich bei Dir entschuldigen Johanna, denn dadurch, dass ich persönliche Intentionen hinterfragte, habe ich wohl verursacht, dass du keine Stellungnahmen/Gedankenspiele zu diesem Thema erhälst. Grundsätzlich bin ich nämlich für philosophische Fragen und Diskussionen durchaus zu haben und vllt. war es auch von deiner Seite aus genau so gemeint?

Ich versuche es jetzt einfach mal, etwas zu dem Thema zu schreiben.

Die Aussage "Du kennst es ja nicht anders", hat für mich primär einen beschwichtigenden Unterton, nach dem Motto: Hab dich nicht so, ist doch halb so wild, ZUMINDEST bist du es ja gewohnt. Und tatsächlich kann ich mit solchen platten und empathielosen Aussagen nicht viel anfangen.
Wer entscheidet denn, welches Schicksal das Schlimmere ist? Und wo ziehen wir die Grenzen?

Angenommen wir reden von 2 Kindern. Das eine Kind wurde "blind" geboren und das andere Kind verlor durch Erkrankung oder Unfall peu à peu sein Augenlicht. Was ist schlimmer?
Klar, ich gehe davon aus, dass das erste Kind von klein auf gezwungen war, mit seiner Beeinträchtigung zurecht zu kommen. Das andere Kind konnte einst Sehen und muss ganz andere Prozesse durchleben und bewältigen. Für mich sind solche Fälle schlicht nicht miteinander zu vergleichen. Wer maßt sich denn an, hier eine Messlatte aufzustellen welches Schicksal das Schlimmere ist?
Kind 1 kam nie in den Genuss die Welt zu sehen, es kennt keine Farben, keine Formen - die Akzeptanz "anders zu sein", "etwas nicht zu können, etwas nicht zu haben" was alle anderen Menschen können und haben musste viel früher stattfinden. Beide Schicksale sind fruchtbar und tragisch. Letztendlich wird es sicherlich an der Person/am Kind selber liegen, wie es damit zurecht kommt, um beurteilen zu können, wie schlimm es für den betroffenen Menschen persönlich ist. Erworbene Behinderungen sind ebenso Schicksalsschläge wie Angeborene und darunter ist wohl jeder Fall differenziert zu betrachten - je nach dem um was für eine Behinderung/Erkrankung es sich handelt, je nach dem welche Einschränkungen und Umstellungen es zur Folge haben wird für den betroffenen Menschen, welcher Verlust bzw welche Verluste, Verzichte und Trauer damit in Verbindung steht.
Auch wenn ich bei explizit diesem Beispiel durchaus dazu geneigt bin, zu glauben, dass das Kind mit dem Verlust seines Sehsinnes seit Geburt trainierter bzgl anderer Sinne ist und somit von der Pike auf gelernt hat, damit zurecht zu kommen, zu kompensieren. Und sein Augenlicht zu verlieren, ist für mich eine unfassbar schlimme Vorstellung. Sein Kind darauf vorbereiten zu müssen, unfassbar tragisch.

Ein Mensch, welcher durch seine erworbene Behinderung nicht mehr in sein altes Leben zurück kann, das was ihm so sehr wichtig war und für was er lebte, aufgeben musste - das kann man nicht aufwiegen. Ebenso die Beeinträchtigungen welche angeboren sind, wenn etwas das gesamte Leben lang durch die Beeinrächtigung verwehrt blieb - Man kann es nicht verlgeichen, jede Lebensgeschichte ist individuell.

2 Menschen welche durch ein identisches Erlebnis beide Beine verlieren: Der eine lebt überwiegend bspw vor dem PC (beruflich als auch privat) und der Andere ist beruflich als auch privat zu 100% auf seine Beine angewiesen .
Was ist tragischer? Die selbe Behinderung, 2 Persönlichkeiten, 2 Leben.


Weiteres (überspitztes Beispiel):
2 Menschen welche durch ein identisches Erlebnis beide Beine verlieren: Beide sind Leisungssportler welche ihr Leben dem Laufen verschrieben haben. Der Eine kämpft sich mit Laufprothesen zurück in sein altes Leben und der Andere verfällt einem sehr tragischem Weg und findet nie wieder ins Leben zurück.
Was ist tragischer? Die selbe Behinderung, 2 Persönlichkeiten.

Weiteres Beispiel:
2 Menschen - der Eine verliert durch ein tragisches Ereignis beide Beine und der andere Mensch wurde aus Grund XY ohne Beine geboren. Der erste hatte eine tolle unbeschwerte Kindheit und seine Behinderung erst im Erwachsenenalter erworben. Der andere Mensch aber, sah seit Geburt eine Klinik nach der anderen, musste zich OP's über sich ergehen lassen, Therapien und Medikationen. Hatte es nie erleben dürfen, wie es ist, mit Freunden auf Bäume zu klettern, Seil zu springen, einen Fußball zu kicken.
Was ist tragischer?

Beispiel Schönheitsideale: Ein Kind welches mit entstelltem Gesicht zur Welt kommt und sein ganzes Leben mit den Reaktionen seiner Umwelt zurechtkommen musste - Ablehnung, Abscheu, usw.
Ein Model, welches durch eine Giftattacke völlig entstellt wurde und ihre äußerliche Schönheit für immer einbußen musste?

Diese Aussage "du kennst es ja nicht anders" ist einfach platt und herabwürdigend, egal aus welchen Beweggründen er ausgesprochen wird. Er suggeriert, dass es Menschen mit angeborenen Behinderungen leichter haben, als jene, welche mit erworbenen Behinderungen/Erkrankungen zu kämpfen haben. Und so ist halt nun mal einfach nicht, so einfach ist das nicht. Ich finde es auch unethisch, Schicksale (insbeondere aus Außenstehender) miteinander aufzuwiegen.

Liebe Grüße, Sheila

kati543
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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon kati543 » 03.05.2019, 10:37

Hallo,
als ich „Junger Erwachsener“ war und in einem Epilepsiezentrum, ist mir dieser Satz begegnet. Es gab im „Gemeinschaftsraum“ dann eine Diskussion der Epileptiker, die nicht mehrfachbetroffen waren. Ich emfand dieses Gespräch (wohlgemerkt unter ausschließlich Betroffenen) eigentlich als aufschlussreich. Es gab keinen Neid, Verbitterung, Hass...es gab nur diesen Austausch und das Nennen von Unterschieden. Ja natürlich war das auch sehr emotional aber die Emotionen gingen nicht gegen die Patienten.

Da du nicht gesagt hast, wer diesen Satz in welchen Zusammenhang an wen gesagt hat, ist eine genauere Antwort nicht möglich.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

Silvia & Iris
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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon Silvia & Iris » 03.05.2019, 10:40

Liebe Johanna,

ich möchte dir Mut zusprechen... - Jeder Mensch kann sein Schicksal selbst in die Hand nehmen! Ich schicke dir hier etwas, wo du dir hoffentlich auch etwas rausholen kannst...
Weißt du, am Karfreitag ist ein Mensch gegangen... - ein Mensch, der trotz allem was ihm selbst im Leben widerfahren ist, stets im Glauben gelebt hat...
http://www.standenat.at/artikel/heilung ... glaube.htm
Auch durch ihre eigene Geschichte hat sie sich sehr intensiv diesem Thema gewidmet... -

Gott - wie auch immer du die Kirche siehst, Gott ist nicht böse... und vielleicht findest auch du deinen Weg... deine Kraft und Stärke...
Es gibt so viele Bilder, so viele Versuche dem Menschen beizubringen, dass auch er selbst einiges bestimmt... -

Ich schicke dir Kraft, Vertrauen und Liebe!
Liebe Grüße

Silvia

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Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

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Re: "Du kennst es ja nicht anders"

Beitragvon Alexandra2014 » 03.05.2019, 10:44

Hallo!

Meine Mutter sagt diesen Satz auch gelegentlich im Zusammenhang mit meiner Tochter. Das ist aber überhaupt nicht wertend gemeint, sondern erklärend. Das ergibt sich aus dem Kontext.

Z.B. bezogen auf die visuelle und auditive Wahrnehmungsstörungen meiner Tochter, ist es einfach auch ein Fakt, dass sie es nicht anders kennt. Sie kann auch nicht durch die Augen anderer sehen oder die Ohren anderer hören und weiß daher nicht, was „normal“ ist. Für sie ist sie selbst normal - weil sie es eben nicht anders kennt.

Anders sieht es z.B. bei körperlichen Einschränkungen aus. Das kennt das Kind zwar auch nicht anders, sieht aber bei anderen Kindern, dass sie besser laufen, klettern, rennen etc. können. Das gleiche bei Sprachschwierigkeiten. Dem Kind ist bewusst, dass es Defizite hat und auch, wenn es das nicht anders kennt, so leidet es unter Umständen dennoch darunter.

Bei meiner Mutter kommt diese Aussage, wenn sie überrascht ist, wie gut unser Kind mit seinen Handicaps umgeht und liefert dann quasi als Erklärung, dass sie es ja nicht anders kennt, es für sie also normal ist, unbeschwert damit umzugehen.

Wäre es anders gemeint, so nach dem Motto „hab dich nicht so, du kennst es doch nicht anders“, weil Kind z.B. traurig ist, da es nicht so schnell rennen kann, wie andere, dann fände ich das ziemlich anmaßend!

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral


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