Akzeptanz durch Großeltern

In dieser Rubrik könnt ihr euch über diverse Krankheitsbilder austauschen - z. B. Skoliose, Kyphose, Cerebralparese usw.

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Susanne1887
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Beitragvon Susanne1887 » 11.03.2019, 12:17

Hallo :D

Ich denke, hier können viele ein Lied von singen. Leider auch wir.

Die Große war schon immer unser Sorgenkind und tut sich in Lesen und Schreiben einfach sehr schwer. Es besteht der Verdacht auf LRS. Meine Schwiegermutter: SIE hat mit IHREN Kindern IMMER Diktate geschrieben, wie von alleine kamen sie aufs Gymnasium.

Dabei bemerkt sie gar nicht, dass man die Leistungsanforderungen der Grundschule Bayern heute nicht auf vor 40 Jahren vergleichen kann. Und bei LRS bringt das viele Diktatschreiben nämlich nichts.

Das Einzige was da hilft: Kontakt aufs Minimum begrenzen und Ohren auf Durchzug schalten. Wir sind nicht schuld an den Handicaps unserer Kinder :!: . (Das ist nämlich öfters bei meiner Verwandtschaft der unterschwellige Vorwurf).

LG Susanne
Mia'10: auditive Wahrnehmungsstörung nach langjähriger sehr starker Schwerhörigkeit,
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Chrissie64
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Beitragvon Chrissie64 » 11.03.2019, 14:39

Hallo,
ja auch ich kenne das leider.
Meine Schwiegermutter akzeptiert das schon bzw. sie versucht es; sie kann es nur nicht begreifen, dass meine Tochter anders ist. Sie vergleicht sie immer mit ihrer Cousine (5 Monate jünger als meine Tochter und gesund).
Am meisten nervt es mich, wenn sie mir ihre Ratschläge unterbreitet (wir sollen zu einem Wunderheiler gehen, im Kloster übernachten etc.). Man braucht wirklich ein starkes Fell und starke Nerven (ich zähle dann immer ganz langsam bis 10, bis ich etwas sage, was mir vielleicht hinterher leid tut).
Gottseidank ist meine Schwiegermutter die überwiegende Zeit vom Jahr im Ausland, so dass ich in den Genuss ihrer Ratschläge nur alle halbe Jahr komme.
Aber wie schon Susanne geschrieben hat - Ohren auf Durchzug.
Wir können nichts dafür, dass unsere Kinder so sind. Wenn wir es ändern könnten, würden wir sicher alles dafür tun.

LG Christiane
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Mellie
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Beitragvon Mellie » 11.03.2019, 16:27

Hallo zusammen,

wir haben den Kontakt zu den Schwiegereltern auch drastisch reduziert. Zum Glück wohnen wir über 300 km weit entfernt. Zum Geburtstag und an Weihnachten kommt ein Paket mit einem Geschenk. Angerufen wird zu Feiertagen und Geburtstagen. Ab und zu ruft mein Mann dort auch an, um sich nach deren Gesundheitszustand zu erkundigen. Wir fahren 2 mal im Jahr zu Besuch, manchmal mit Kindern, aber oft ohne, weil es immer zu Auseinandersetzungen kommt.

Ich habe es mir in den Jahren abgewöhnt mit den Schwiegereltern über die Erkrankung meines Sohnes zu sprechen. Sie wurden genug darüber informiert. Ihrer Meinung nach hätte mein Sohn auch eine Hauptschule besuchen können, etc. Beim letzten Besuch gab es Streit deswegen. Danach gingen wir in den Schriftwechsel über. Man, war das anstrengend. Jetzt meinte mein Mann doch zu mir, dass ich den Schwiegereltern noch einmal die Erkrankung und den Werdegang unseres Sohnes mitteilen sollte. Ich fange doch jetzt nach 20 Jahren nicht davon an, wieder alles von Adam und Eva zu erzählen. Sie haben mir nie richtig zugehört. Sie wollen oder können es wohl nicht verstehen.

Zu meiner Mutter habe ich übrigens seit 15 Jahren keinen Kontakt mehr.

Wir haben Großeltern als Blutlinie, aber ansonsten...... :wink:
Viele Grüße,
Mellie

Susanne1887
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Beitragvon Susanne1887 » 11.03.2019, 16:33

Hallo,

mal eine Frage: glaubt ihr dass diese fehlende Akzeptanz etwas mit der längst vergangenen Nazizeit und deren grausamen Propaganda zutun haben könnte ? Meine Schwiegermutter schämt sich, ihren Bekannten und Freunden von den Schwierigkeiten unserer Tochter zu erzählen. Sie hat Angst, diese könnten schlecht (abfällig) über uns reden und denken. :shock:
Sie meint auch, wenn wir noch MEHR mit meiner Tochter lernen würden, dann wäre alles wieder gut :roll: .

Ich werde einfach das Bauchgefühl nicht los, dass gerade bei den älteren Menschen aus dieser schrecklichen Zeit noch etwas hängen geblieben ist. Was denkt ihr darüber ?

LG
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GretchenM
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Beitragvon GretchenM » 11.03.2019, 16:56

Hallo,

Ich denke, es hat vor allem damit zu tun, bloß nicht auffallen zu wollen... Da ist jede Art, anders zu sein, irgendwie falsch. Je nach Bildungsstand und Einfühlungsvermögen - und der Bereitschaft, dazu zu lernen - kann das dazu führen, das Menschen das Ablehnen, was für sie auffällig ist.

Meine Eltern sind noch in den 1950ern jung verheiratet gewesen. Sie waren nie ablehnend gegenüber Menschen mit Behinderungen, aber ich weiß noch, dass es für meine Mutter das wirklich ultimativ Schlimmste war, wenn eines ihrer Kinder irgendwie auffiel, egal womit. Zum Glück konnten sie mit Behinderungen allerdings umgehen.

Dieses „das macht man nicht“ sitzt bei manchen tief und manche können deshalb offensichtlich nicht akzeptieren dass Menschen nicht zu Normieren sind.

Vielleicht wirklich noch ein Überbleibsel der Nazizeit. Ich glaube aber, das manche Menschen auch einfach nicht mit Behinderungen umgehen können.

LG

GretchenM

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Beitragvon RikemitSohn » 11.03.2019, 18:13

Hallo,

ich glaube nicht, dass es etwas mit der Nazizeit zu tun hat. In vielen Ländern der Welt wird mit Behinderung schlecht umgegangen. Ich würde es auf mangelnde Bildung und mangelnde Erfahrung zurückführen. Dazu kommt dann noch der Wunsch irgendwie ins Bild zu passen, nicht aufzufallen. Das ist der jetzigen Großelterngeneration noch sehr deutlich eingebläut worden.
Ich liebe den Satz: ,, Das geht nicht." Gerne von meinen Eltern und meiner kinderlosen Schwester genutzt. Ich sage dazu mittlerweile:,, Das geht schon, ob es richtig ist, das ist eine andere Sache."Und dann versuche ich mich nicht zu ärgern.
Schon nichtbehinderte Kinder sind keine Roboter und können nicht immer richtig laufen. Bei einem behinderten Kind kann man meist ziehen und zerren, es wird nicht so, wie es sich ,,gehört". Das ist für Aussenstehende oft schwer zu verstehen und unnütze Tipps bekommt man schon bei nichtbehinderten Kindern ungefragt. Da gibt ein behindertes Kind viel mehr Angriffsfläche.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

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Beitragvon Luuri » 11.03.2019, 20:21

Hallo,

wenn ich das hier alles so lese, dann kann ich das gar nicht glauben! Ich frage mich dann immer, was würden nur genau du Leute tun, wenn sie plötzlich aus dem Leben gerissen werden und beispielsweise nicht mehr laufen können oder sonstiges.
Würden sie dann noch genauso denken? Ich glaube viele denken nicht einmal so weit, was mich einfach traurig macht.

Zum Glück, und da bin ich so froh, steht die komplette Familie hinter Fritz. Sogar der Opi (beide Bj ‘33) kann natürlich am Bildungsstand liegen. Was ich allerdings tun würde, wenn dies nicht so wäre, weiß ich nicht. Würde einfach erstmal wissen, was der Grund dafür ist.
Und selbstverständlich ist es immer ein schwieriges Thema. Und hier in Deutschland muss noch eine Menge passieren, dass Behinderte mehr akzeptiert werden in der Gesellschaft.

VG
F. 26.08.2017 IVH 2-3. Grades links im Mutterleib, Hydrocephalus, shuntversorgt, entwicklungsverzögert, fokale Epilepsie, V.a. Hemiparese rechts

Bika
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Beitragvon Bika » 11.03.2019, 21:10

Also ich glaube, dass fehlende Akzeptanz von Andersartigkeit ein altes menschliches Phänomen darstelllt, gegen das wir bewußt angehen müssen.

Evolutionär betrachtet ist “Gesundheit“ ein Vorteil und wird instinktiv positiv bewertet, Abweichung von der Norm instinktiv eher negativ.
Die Nazis haben das nur optimal pervertiert.

Um bedingungslos (unabhängig von Andersartigkeiten) akzeptieren und lieben zu können, muss man den Menschen über alles stellen.
Auch über alle Vergleichsmaßstäbe.
Der Mensch an sich, losgelöst von seinem sozialen Stand bzw. seinen aktuellen und späteren Möglichkeiten, muss einem so wichtig sein, dass man ihn genauso annimmt, wie er ist.

Leider sind erstaunlich wenige Menschen in der Lage bedingungslos zu lieben und zu akzeptieren.

Anjali
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Beitragvon Anjali » 12.03.2019, 07:51

Hallo Silke,
habt ihr eure Enttäuschung und Erwartungen schon einmal direkt kommuniziert? Haben sich die Großeltern euch gegenüber schon einmal erklärt?
Geht es wirklich nur um das Nicht-Angeben-Können mit dem behinderten Enkel oder steckt vielleicht doch mehr dahinter?
Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit eurem Sohn wurden weiter oben schon einmal genannt.

Bitte nicht falsch verstehen, aber wie fit und nervlich belastbar sind denn die Großeltern noch und wie „pflegeleicht“ ist denn euer Sohn?
Meine Eltern haben meinen Sohn immer so akzeptiert, wie er ist. Er ist ihr Liebling.
Jedoch wären sie nervlich und körperlich überfordert gewesen, wenn sie ihn in seinen anstrengendsten Phasen länger als zwei, drei Stunden bespaßen und versorgen hätten müssen. Ein mehrtätiger Besuch hätte sie da schon an ihre Grenzen gebracht.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (17 Jahre / Asperger-Autist)

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EvaHH
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Beitragvon EvaHH » 12.03.2019, 10:08

Hallo Ihr Lieben,

ich denke schon, dass es viel mit mangelnder Bildung und auch "damals" zu tun hat.
Folgende Geschichte:
ich hatte versucht dem Mann meiner ehemaligen Freundin zu erklären, wieso wir nicht so einfach zu denen mit meinem Sohn kommen können und er nicht mit ihrem Sohn spielen wird.
Seine Antwort: Behinderungen gibt es nicht! es ist alles durch Menschen erfunden. damals gab es auch nicht so viele Behinderungen usw.
ich habe es dann versucht zu erklären, dass die Medizin ja voransreitet und man damals vieles nicht wusste usw.
aber für ihn war seine Version nur richtig! ich habe das Thema dann einfach beendet. Schade um meine Energie. und es gibt bestimmt ganz viele von der Sorte!
und man weiß ja auch wie man in der Nazizeit mit solchen Kinder umgegangen ist...

Es ist leider so, dass viele es nicht verstehen oder nicht verstehen möchten.
Ich habe für mich entschieden: wer mein Kind nicht akzeptiert, akzeptiert auch mich nicht und dann möchte ich mit solchen Menschen nichts zu tun haben. die können mir gestohlen bleiben.

Ich wünsche allen viel Kraft und starke Nerven vor allem für solche Unakzeptanz, die immer noch in unserer Gesellschaft stark vertreten zu sein scheint.

LG
Eva
Eva mit Sohn 2012 (MRD7 bei Mutation im DYRK1A-Gen, ASD II, Veränderung der weißen Substanz mit Hypomyelinisierung, ASS, expressive Sprachstörung,frühkindlicher Autismus...)


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