Das Drama anziehen :-)

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MarionB76
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Das Drama anziehen :-)

Beitragvon MarionB76 » 06.02.2019, 08:15

Guten Morgen zusammen,

wir arbeiten im Moment wieder intensiv an dem Thema (selbst) anziehen. Das morgendliche Anziehen schwankt zwischen, "Mach ich gar nicht, weil nicht meine Aufgabe" - "Mach ich nur unter geheule, geschrei und getobe" und "Kann ich ganz super ohne gemecker und gemotze und das alleine."

Da das Ampelsystem in der Schule sehr gut funktioniert, haben wir dies für zu Hause eingeführt. Wenn er es schafft in der Woche 4 grüne Smileys zu bekommen, darf er am Wochenende mit dem heiß ersehnten Pokemonspiel spielen (ist mein Spiel *G*). Schafft er den 4. grünen Smiley erst Samstags, bleibt der Sonntag für das Spiel übrig.

Das hat die letzte Woche super geklappt und er hat sich das Spiel für den Sonntag verdient. Leider klappt das System nun wohl nicht mehr, gestern landete er auf gelb und heute hat er gerade nochmal die Kurve gekriegt bis jetzt.

Er versucht den Spieß auch umzudrehen, wenn Du mir keinen grünen Smiley gibst bin ich nicht mehr der xy sondern der Pinochio. Meine Antwort "Gut Pinochio anziehen musst Du Dich trotzdem."

Manchmal habe ich den Eindruck das er sobald er uns bewiesen hat das er etwas kann dies dann nicht mehr machen möchte. Bsp. er rechnet 1 + 2 zusammen und an diesem Tag noch weitere Aufgaben alle sind stolz auf seine Leistung und loben, am nächsten Tag mag er nicht mehr rechnen. Das lässt sich mit unzähligen Beispielen weiterführen. Ein großer Traum von ihm ist das er als Erwachsener gerne ein eigenes Auto hätte, erklärt man ihm dann das man um den Führerschein machen zu können zumindest lesen und schreiben können muss kommt als antwort das kann ich schon.

In der realität leider nicht wirklich - ein paar silben und mit viel Mühe ein einzelnes Wort.

Keine Anhnung wie ich ihn motivieren kann um weiter zu kommen.

Viele Grüße

Marion

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 06.02.2019, 08:54

Hallo Marion,

Belohnungssystem geht bei uns auch nach hinten los. Damit wird die Eigenmotivation dann komplett ausgelagert ...

Wir haben es so gemacht:
- In winzigen Schritten aufbauen (Als zb erstmal nur die Unterwäsche alleine holen und anziehen, erst wenn das selbstverständliche Gewohnheit ist, kommt der nächste Schritt)
- erstmal nur in Situationen, wo Kind eine Eigenmotivation hat, also wenn es zb raus will, oder etwas machen will, wozu mal halt angezogen sein sollte. Morgens ist am Schwierigsten, da würde ich nicht anfangen. Da ist eh immer viel Anspannung beim Kind, vor der Schule.
- ohne Schimpfen

Grüße
Engrid
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UrsulaK
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Beitragvon UrsulaK » 06.02.2019, 09:00

Hallo Marion,

du bist nicht allein mit diesem Problem. Das Drama Anziehen begleitet uns auch schon sehr lange. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, das Belohnungen immer nur für einige Tage wirken und dann ihre Wirkung verlieren.

Bei uns hat das Anziehen verschiedene Phasen durchlaufen.
1. Phase war, mein Sohn wollte partout beim Anziehen nicht helfen. Er wollte, daß ich ihm dabei helfe. Irgendwann kam ich auf die Idee ihm falsch zu helfen. Ich habe also die Socke über den Arm gezogen usw.. Das hat meinen Sohn sehr verblüfft. Ein Paar Tage habe ich das so durchgezogen und mein Sohn hat mehr und mehr angefangen selbst Hand anzulegen.
2. Phase war dann, daß er sich zwar selbst anzieht, aber beim Anziehen nicht hinschaut. Zum Beispiel hat er sich sehr oft Kleidungsstücke falsch herum angezogen. Wenn ich ihm dann gesagt habe, das ist falsch rum, war er frustriert.
3. Phase Ich habe versucht mit Belohnungen zu arbeiten, um ihn zu motivieren. Das hat aber auch nur ein Paar Tage funktioniert, so wie bei Dir.
4. Phase In den letzten Tagen habe ich angefangen mit Alternativplänen zu arbeiten. Da sieht z.B. dann so aus Socke falsch rum angezogen --> Sohn ist frustriert. Socke richtig rum angezogen --> Sohn ist glücklich.
Bis jetzt funktioniert es soweit. Ich werde sehen, ob es sich bewährt oder nicht.

Ich bin gespannt, was sonst noch für Ideen kommen.

VG, Ursula
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Jakob05
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Beitragvon Jakob05 » 06.02.2019, 09:27

Hallo Marion,
ich weiss nicht wie Ihr das heute macht, aber oft wird ja das Anziehen auch zum rumalbern, knuddeln und anderen schönen Dingen genutzt. Warum sollte man sich da selbst anziehen, wenn es mit Mama mehr Spass macht? Aus diesem Grund habe ich ab einem gewissen Alter den Spaßfaktor aus der Versorgung komplett rausgenommen. Die Jungs werden ordentlich versorgt, aber Bespassung gibt es erst danach, wenn noch Zeit ist. Wenn sich das eingefunden hat, kannst du leichter auf "Selbstversorgung" umstellen.

Dies passt nicht nur für Autisten, sondern auch bei versorgungsintensiven Kindern, die gerne mal ihren Pulsoxi in Betrieb nehmen oder kräftig Sekret hochhusten, um Mama zu rufen. Hin gehen, Lage checken, Absaugen etc. und wieder gehen.
Wenn Anzeichen sichtbar werden, dass Eigeninitiative aufkommt, sollte die dadurch gewonnene Zeit für Schönes genutzt werden. Das hilft nach meiner Erfahrung besser als schimpfen oder überschwenglich loben.
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)

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Beitragvon Joel's Mama » 06.02.2019, 11:18

Hallo

Anziehen war bei Joel auch immer so eine riesengroße Geduldssache. Das ging bis zum heutigen Tag auch nur in kleinen Schritten. es meistert das aber inzwischen immer besser.

Aber auch bei Maurice ist nachmittags fast täglich noch "Ohne......... geht nicht nach raus" Dauerzustand. ich könnte ihn manchmal einfach an die Wand kleben. :x

LG
Sylvie
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Beitragvon MarionB76 » 06.02.2019, 15:24

Hallo Zusammen,

danke für Euren Rat und Input, das ein oder andere werde ich versuchen.

Jacob05 Du hast recht wir machen auch oft ein bisschen blödsinn oder kuscheln beim Umziehen. Würde auch erklären warum es in der Schule im großen und ganzen funkioniert.


Viele Grüße

Marion
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Engrid
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Beitragvon Engrid » 06.02.2019, 18:48

Hallo Marion,
warum es in der Schule im großen und ganzen funkioniert.
Junior macht auswärts auch mehr selbständig als zuhause, vor allem ging und geht vieles früher. Auswärts wird einfach mehr kompensiert, dafür lastet dann aber auch mehr Druck aufm Kind. Ich war da immer ganz entspannt, denn irgendwann macht er es dann auch zuhause GERNE von sich aus selber, da konnte ich mir - und ihm - einige Kämpfe und viel Nerven sparen.
Wir haben weissgott genügend Baustellen 🤪

Grüße
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Beitragvon r.bircher » 07.02.2019, 05:28

Hallo zusammen

Als Selbstbetroffener darf ich das schreiben. Behinderte nutzen oft auch ihre Behinderung aus, um Sachen nicht machen zu müssen. Das funktioniert besonders gut zu Hause. Das Mama Herz ist meist einfacher zu erweichen, und zu Hause blamiert man sich auch nicht. Ich hasste meine Mutter des Öfteren mal, wenn sie wieder mal eine Hilfe die sie mir immer gegeben hatte, wegliess. Natürlich konnte ich vieles, aber es ist halt schon schön, wenn es jemand anders für einem macht.

Heute bin ich meiner Mutter dankbar dafür, dass sie mich in Alltagssachen gefordert hat. Ohne das könnte ich heute nicht alleine leben! Und manche Dinge brauchen halt einfach mehr Übung. Bei mir war Schnürsenken schnüren so eine Odyssee. Reduzierte Feinmotorik kombiniert mit der Spastik in den Beinen machte das echt zu einer Herausforderung. Am Anfang brauchte ich 20 Minuten um mir die Schuhe anzuziehen. Heute geht das auch in ein paar Minuten. Und ich bin so froh dass ich das heute kann.

Behinderten wird generell viel zu viel geholfen, und die Eltern sind da meist Vorreiter. Das Problem an der Sache, man läuft damit geradewegs in die Abhängigkeitsfalle. Als Kind fällt dir das nicht auf, denn du bist sowieso abhängig von deinen Eltern. Und wenn es dann auffällt braucht es sehr viel Energie das noch zu ändern. Denn was Hänschen nicht lernt... lernt Hans nur mit sehr viel mehr Aufwand.

Daher seit ruhig etwas hart zu euren Kindern, und fordert sie. Vielleicht hassen sie Euch im Moment dafür, werden es Euch aber später danken.

Gruss Raphael
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Beitragvon Jakob05 » 07.02.2019, 07:13

Danke, Raphael, schön gesagt ! So sehe ich es auch und bekomme es von oder über meine Grossen auch so zurückgemeldet. "Gut, dass du da stur warst!"
Auch, wenn es weh tut oder in der Öffentlichkeit böse Blicke auslöst, denke ich heute, dass wir unseren Kindern mehr schulden als einen kuscheligen Schonraum. Aber genau das ist das Problem. Einerseits brauchen gerade unsere Kinder einen geschützten, wertschätzenden liebevollen Rahmen, in dem sie zu 100% anerkannt sind, aber andererseits müssen gerade wir sie auf "diese harte Welt" da draussen vorbereiten. Und wo sind die sichtbaren Vorbilder, die Peergroup mit der wir uns vergleichen und neue Ideen bekommen können. Fehlanzeige, maximal hier gibt es echten Austausch.
Für Eltern gesunder Kinder gibt es Tipps, Tricks und gute und schlechte Vorbilder an jeder Strassenecke (was auch nicht immer einfach ist). Wir müssen unseren Weg aber meist alleine gehen und selbst geeignte Lösngen entwickeln.

Es ist also nicht nur übertriebene Mutterliebe, die uns dazu bringt, mehr zu helfen als bei gesunden Geschwistern. Es ist auch das Recht unserer Kinder sich zuhause mal fallen zu lassen, wenn man draussen immer versucht mitzuhalten.
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)

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Beitragvon r.bircher » 07.02.2019, 10:04

Hallo

Das mit der Peergroup ist ein Problem. Der Punkt ist, dass du wohl kaum ein Anderer Behinderter findest mit den selben Problemen. Bei Vorbildern ist es heute allerdings nicht mehr so schwierig. Es gibt mittlerweile viele Behinderte die in dieser Welt bestehen. Ich denke dass viele davon auch bereit sind, Mentorings zu übernehmen. Man muss halt den Mut haben, und die Menschen anschreiben. Letztlich muss jeder selbst einen Weg finden, wie er mit der Behinderung umgeht

Natürlich brauchen Behinderte Kids auch mal einen Schonraum. Aber man muss eben auch lernen zu unterscheiden, wann der Schonraum wirklich gebraucht wird, und wann es einfach nur Bequemlichkeit ist. Mir persönlich hat da am meisten mein Nichtbehindertes Umfeld geholfen. Bequemlichkeit wurde da nicht toleriert. Und in manchen Fällen wurde ich von guten Freunden auch mal direkt darauf hingewiesen.

Gruss Raphael
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