Fass aufmachen oder Klappe halten in der 3. Klasse?

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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MajaA
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Fass aufmachen oder Klappe halten in der 3. Klasse?

Beitragvon MajaA » 25.05.2018, 15:47

Hallo,

mein jüngster Sohn (Asperger) ist fast 9, in der dritten Klasse und kommt mit dem Unterricht an sich gut klar... sozial ist es halt eine Katastrophe, er findet null Anschluss an die Klasse, weswegen ich so langsam auch schon den Schulbegleiter am Horizont winken sehe... im Unterricht klappt es einigermaßen, aber in den Pausen vermittelt und unterstützt halt niemand, also ist er da im besten Fall allein, im schlechtesten wird er von den anderen geärgert, weil sie ihn komisch finden.

Allerdings wollen die Lehrer Schulbegleiter und Co. nicht so richtig- sie sind beide nett und geben sich unheimlich Mühe, wollen Nathan aber eigentlich behandeln wie ein normales Kind... er macht im Unterricht ja gut mit, weint halt sehr viel, aber da können sie mit umgehen, Leistungen sind ja prima, alles fein. Diese Haltung hatte bisher für uns oft den Vorteil, dass Dinge nicht überproblematisiert wurden, sondern eher locker gesehen- wird schon, macht nichts, wurschteln wir so hin.
Andererseits treten Nattis Defizite quasi mit jedem Monat und mit jedem Entwicklungsschritt, den die gleichaltrigen Kinder ohne ihn machen, deutlicher hervor, und so langsam frage ich mich, ob wir auf Dauer mit dieser Haltung durchkommen.

Nachteilsausgleiche werden generell eher lasch beachtet- uns fiel z.B. auf, dass Nathan in jeder Mathearbeit eine Eins schreibt, aber regelmäßig die Kopfrechentests verhaut. Als der Psychologe, der seine autismusspezifische Förderung macht, da mal nachforschte, kam heraus, dass die Lehrerin die Aufgaben nur mündlich stellt... Nathan nimmt aber rein durchs Hören Sachen oft nicht gut auf und kommt dann total durcheinander. Als er sie mal gefragt hat, ob sie die Aufgaben nicht auch an die Tafel schreiben könne, bekam er zur Antwort, dass sei dann kein Kopfrechnen mehr, und er hätte ja schon genug Vorteile... wie bitte?

Erstens sind Nachteilsausgleiche ja wohl keine Vorteile, und zweitens hat er gerade mal einen, nämlich dass aufgrund der motorischen Defizite die Handschrift nicht gewertet werden darf, und auch das wird kaum beachtet- im Zeugnis bekommt er immer noch eine Schriftnote (seine einzige Drei).

Nun ist die Frage- machen wir das Laissez-faire-Gebummel um des lieben Friedens Willen mit, läuft ja eigentlich, versemmelt er halt das Kopfrechnen, letzten Endes geben die Lehrer eh immer die bessere Note, geht ja... oder bestehen wir einfach mal freundlich darauf, dass die Schulleitung die Nachteilsausgleiche festmacht und sich dann auch dran gehalten wird? Unser Psychologe will auch demnächst mal mit der Schule Kontakt aufnehmen- was daraus wird, weiß ich auch nicht.

Aber vor allem weiß ich nicht so recht, welche Art des Vorgehens für Nathan das beste ist... er mag das meiste am Unterricht, es ist nur so, dass man ihm durchaus helfen könnte, die Nachteile besser auszugleichen... andererseits wollen wir den Lehrern nicht auf den Schlips treten, und die lehnen alle Maßnahmen freundlich und liebevoll ab und wollen das lieber nach eigenem Ermessen regeln...
Vielen Dank für Euren Rat und eure Meinungen!

Liebe Grüße
Maja
Maja (10/1974)
verheiratet mit einem Asperger-Autisten (11/1969)
Tochter (8/2002)
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Sohn (5/2007)
Nathan (6/2009)- Asperger-Autist

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Anjali
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Beitragvon Anjali » 25.05.2018, 17:19

Hallo,
Wie empfindet dein Sohn es denn, wenn er z.B. beim Kopfrechen eine schlechtere Note erhält?
Macht ihm das etwas aus, ist er deswegen vielleicht sogar frustriert?
Wenn ein großer Leidensdruck bestünde, würde die Entscheidung evtl. leichter fallen?

Für unseren Sohn hatten wir in der Grundschule keine Nachteilsausgleiche beantragt.
Er selbst fand es aber auch nicht schlimm, auch mal schlechtere Noten zu erhalten.
Insgesamt gesehen war sein Notenschnitt immer noch sehr gut, also sahen wir da keinen Handlungsbedarf.

Was auch in unsere Entscheidung mit einfloss, war die Überlegung, dass andere Schüler auch Stärken und Schwächen haben, je nach
Persönlichkeit und Leistungsprofil.

Ein Klassenkamerad meines Sohnes war z.B. während
Klassenarbeiten immer so nervös und
angespannt, dass er sein Potential in den Klassenarbeiten gar nicht entfalten konnte.
Vor diesem Hintergrund fand ich meinen Sohn nicht nennenswert benachteiligt.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (17 Jahre / Asperger-Autist)

lisa08
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Re: Faß aufmachen oder Klappe halten in der 3. Klasse?

Beitragvon lisa08 » 25.05.2018, 17:37

MajaA hat geschrieben:
Nachteilsausgleiche werden generell eher lasch beachtet- uns fiel z.B. auf, dass Nathan in jeder Mathearbeit eine Eins schreibt, aber regelmäßig die Kopfrechentests verhaut. Als der Psychologe, der seine autismusspezifische Förderung macht, da mal nachforschte, kam heraus, dass die Lehrerin die Aufgaben nur mündlich stellt... Nathan nimmt aber rein durchs Hören Sachen oft nicht gut auf und kommt dann total durcheinander. Als er sie mal gefragt hat, ob sie die Aufgaben nicht auch an die Tafel schreiben könne, bekam er zur Antwort, dass sei dann kein Kopfrechnen mehr, und er hätte ja schon genug Vorteile... wie bitte?

Erstens sind Nachteilsausgleiche ja wohl keine Vorteile, und zweitens hat er gerade mal einen, nämlich dass aufgrund der motorischen Defizite die Handschrift nicht gewertet werden darf, und auch das wird kaum beachtet- im Zeugnis bekommt er immer noch eine Schriftnote (seine einzige Drei).


Hallo Maja,

ich finde, dass du dir die Frage hier schon selbst beantwortest. Es scheint mir, als hätte die Schule die Idee des Nachteilsausgleichs nicht verstanden und wolle deinem Sohn halt keine "Vorteile" gewähren. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Ich würde dort definitiv ansetzen, wenn er autismusbedingte Nachteilsausgleiche hat, sollten diese auch umgesetzt werden.

LG,
Lisa
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Michaela44
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Beitragvon Michaela44 » 25.05.2018, 19:01

Hallo Maja,

eine Sache in deinen Ausführungen macht mir Sorgen: "er weint sehr viel"! Das finde ich viel schlimmer als die Missachtung der Nachteilsausgleiche. Deinem Sohn geht es anscheinend schlecht, der Leidensdruck scheint hoch, denn so schnell weint in der 3. Klasse kein Kind mehr. Zumindest nicht in der Schule. Wenn er stetig von den anderen geärgert wird, ist das für Nathan bestimmt furchtbar und ich weiß aus eigenem Erleben, dass solche Erfahrungen über einen längeren Zeitraum bis ins Erwachsenenzeitalter hinein nachwirken. Ich würde auf jeden Fall handeln.

Und wenn ich dir nich einen anderen Rat geben darf: falls dein Foto Nathan zeigt, würde ich es ändern. Oder möchtest du, dass dein Foto gepaart mit allerlei privatesten Infos über dich im Internet zu finden ist? Deine Beiträge sind dann nicht mehr anonym. Du weißt nie, wer hier mitliest und die Gesichtserkennung im Internet ist mittlerweile sehr gut.
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Beitragvon MajaA » 25.05.2018, 20:01

Michaela44 hat geschrieben:eine Sache in deinen Ausführungen macht mir Sorgen: "er weint sehr viel"! Das finde ich viel schlimmer als die Missachtung der Nachteilsausgleiche. Deinem Sohn geht es anscheinend schlecht, der Leidensdruck scheint hoch, denn so schnell weint in der 3. Klasse kein Kind mehr. Zumindest nicht in der Schule. Wenn er stetig von den anderen geärgert wird, ist das für Nathan bestimmt furchtbar und ich weiß aus eigenem Erleben, dass solche Erfahrungen über einen längeren Zeitraum bis ins Erwachsenenzeitalter hinein nachwirken. Ich würde auf jeden Fall handeln.


Nathan weint in der Schule, weil er oft in den Bereich der Reizüberflutung kommt, was bei manchen Autisten vorkommt- er ist einfach kein normaler Drittklässler, sondern nimmt vieles als tausendmal anstrengender wahr. Die meisten Kinder sind ihm viel zu laut, wenn dann noch zusätzlich Reize auf ihn einströmen, läuft er über.

Meine Tochter war im Rahmen eines Praktikums auch in seiner Klasse und erzählte, dass er pro Stunde etwa drei- bis viermal weint. Auch dafür fände ich einen Schulbegleiter wichtig, denn um sich in solchen Fällen zu kümmern, haben die Lehrer keine Zeit.

Meist schicken sie ihn kurz raus (den Antrieb, selbst den Raum zu verlassen, findet er an dem Punkt oft nicht mehr), was ein schnelles Mittel ist, damit er sich wieder beruhigt- besser und stressärmer für ihn wäre es aber natürlich, wenn sich wirklich jemand um ihn kümmern würde.

Das Blöde nur: den Schulbegleiter bewilligt das Jugendamt nur, wenn die Lehrer sagen, dass er sein muss. Solange die fest darauf beharren, sie würden das alles auch allein schaffen, bekommt er vermutlich auch keinen.
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Beitragvon MajaA » 25.05.2018, 20:07

Anjali hat geschrieben:Was auch in unsere Entscheidung mit einfloss, war die Überlegung, dass andere Schüler auch Stärken und Schwächen haben, je nach
Persönlichkeit und Leistungsprofil.

Ein Klassenkamerad meines Sohnes war z.B. während
Klassenarbeiten immer so nervös und
angespannt, dass er sein Potential in den Klassenarbeiten gar nicht entfalten konnte.
Vor diesem Hintergrund fand ich meinen Sohn nicht nennenswert benachteiligt.


Ich kann das schon verstehen, aber ist das nicht ein bisschen so, als würde man zu einem Kind im Rollstuhl sagen "Naja, Geräteturnen ist ja nicht gerade deine Stärke, kriegst du da halt 'ne 6... aber dafür kannst du ja toll Mathe!"?

Behinderung ist ja mehr als eine Schwäche, und nur, weil man den Autismus nicht direkt sieht, heißt es ja nicht, dass er nicht grundsätzlich einschränkt.
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Beitragvon Michaela44 » 25.05.2018, 20:24

Bei uns waren die Lehrer auch wehement gegen eine Schulbegleitung und das JA hat sie trotzdem bewilligt. Der Therapeut war auch dafür.
Ich würde es niemels hinnehmen, wenn es meinem Ki d im Unterricht so schlecht geht, dass es weint. Reizüberflutungist keine Lapalie. Es sind echte physische und psychische Schmerzen.
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Beitragvon MajaA » 25.05.2018, 20:31

Michaela44 hat geschrieben:Bei uns waren die Lehrer auch wehement gegen eine Schulbegleitung und das JA hat sie trotzdem bewilligt. Der Therapeut war auch dafür.
Ich würde es niemels hinnehmen, wenn es meinem Ki d im Unterricht so schlecht geht, dass es weint. Reizüberflutungist keine Lapalie. Es sind echte physische und psychische Schmerzen.


Ja, ich weiß :cry: . Und deshalb finde ich es auch so wichtig, dass er jetzt jemanden bekommt, der das auffängt.
Unser Therapeut steht zum Glück auch hinter uns...
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Beitragvon Anjali » 25.05.2018, 20:37

MajaA hat geschrieben:
Anjali hat geschrieben:Was auch in unsere Entscheidung mit einfloss, war die Überlegung, dass andere Schüler auch Stärken und Schwächen haben, je nach
Persönlichkeit und Leistungsprofil.

Ein Klassenkamerad meines Sohnes war z.B. während
Klassenarbeiten immer so nervös und
angespannt, dass er sein Potential in den Klassenarbeiten gar nicht entfalten konnte.
Vor diesem Hintergrund fand ich meinen Sohn nicht nennenswert benachteiligt.


Ich kann das schon verstehen, aber ist das nicht ein bisschen so, als würde man zu einem Kind im Rollstuhl sagen "Naja, Geräteturnen ist ja nicht gerade deine Stärke, kriegst du da halt 'ne 6... aber dafür kannst du ja toll Mathe!"?

Behinderung ist ja mehr als eine Schwäche, und nur, weil man den Autismus nicht direkt sieht, heißt es ja nicht, dass er nicht grundsätzlich einschränkt.


Natürlich ist Behinderung mehr als nur eine Schwäche.

Bei meinem Sohn hat sich seine Behinderung in der Grundschulzeit noch nicht dramatisch auf die Benotung ausgewirkt.
Er fühlte sich selbst auch nicht benachteiligt, weil die anderen Schüler auch mal die eine oder andere Aufgabe besser oder schlechter bewerkstelligen konnten. Insofern fiel er nicht aus dem Rahmen.
Deshalb hatten wir keinen Anlass gesehen, uns um Nachteilsausgleiche zu bemühen.

Mein Sohn hätte durch Nachteilsausgleiche noch bessere Noten erhalten, die Noten waren uns aber nicht so wichtig. Auch andere Schüler könnten unter für sie optimaleren Bedingungen bessere schulische Leistungen erzielen.
Insofern sah ich meinen Sohn durch seine Behinderung nicht außergewöhnlich benachteiligt. Er fühlte sich selbst auch nicht benachteiligt. Das war ein entscheidender Faktor. Wegen nichtgewährter Nachteilsausgleiche hätten wir also kein Fass aufgemacht.

Unser Fokus lag eher darauf, ob sich unser Sohn in der
Schule wohlfühlt. Hätte er unter der Notengebung gelitten, hätten wir wahrscheinlich anders gehandelt.

Ich meine aber nicht, dass es jeder so sehen und handhaben muss, wie wir.

Beim Thema Schulbegleitung würde ich auf jeden Fall nachhaken.
Was die Reizüberflutung durch Lärm angeht, könnten vielleicht spezielle Kopfhörer als Notfallmaßnahme oder Dauerlösung Linderung verschaffen.

Ich habe mal 2 Threads zum Thema Lärmschutz bzw. Kopfhörer herausgekramt:

https://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopi ... opfh%F6rer

https://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopi ... opfh%F6rer
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (17 Jahre / Asperger-Autist)

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Jolanda J
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Beitragvon Jolanda J » 29.05.2018, 11:15

Hallo Maja,

bei Geolino Redewendungen steht:
"Ein Fass aufmachen bedeutet, dass man Wirbel um etwas Unwichtiges macht."

Dein Sohn ist wichtig! Und dass es ihm gut geht, auch in der Schule, ist wichtig.
Wenn du schreibst, dass er in der Schule viel weinen muss, braucht er unbedingt Unterstützung.

Ich finde deine Idee, einen Schulbegleiter zu beantragen, gut.
Wenn ihr Unterstützung vom Therapeuten und Psychologen (KJP oder SPZ?) habt, würde ich an deiner Stelle einen Schulbegleiter beantragen.

Tipps, wie man das macht, gibt es hier im Forum.

Viele Grüße
Jolanda


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