AVWS Diagnostik trotz weiterer „Baustellen“?

Hier könnt ihr euch über Hör- und Sehbehinderung austauschen.

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Angela77
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Beitragvon Angela77 » 22.10.2017, 13:12

Hallo Alexandra,

Mir ist übrigens schleierhaft, warum eine kognitive Beinträchtigung AWVS ausschließen sollte.
Vielmehr würde ich sagen, das viele Kinder, die von Geburt an eine besonders heftige AWVS haben, dadurch eventuell sogar nicht mal sprechen lernen, in höchster Gefahr sind, hinter ihren intellektuellen Möglichkeiten zurückzubleiben, weil sie viele Infomationen schlicht nicht verarbeiten können :idea:

Ich selbst habe extrem früh angefangen, meinen Sohn intensiv, über den visuellen Kanal zu fördern, wie es mir von Autismusexperten und vielen Eltern hier im Forum geraten wurde. Er hat dadurch unbestreitbar viel, viel mehr gelernt, als es allein durch das Standardangebot der eben in unserem Fall nicht besonders autismusspezifischen Förderinstitutionen möglich ist und war.

Dennoch ist Bene m.E. doch schon zumindest in dem Sinn kognitiv deutlich beeinträchtigt, dass er unter Normalbedingungen bei weitem nicht altersangemessen agieren kann.

Er nimmt das offenbar auch mittlerweile selbst als belastend wahr und hat nach einem halben Jahr wirklich erfolgreicher Inklusion und ohne jeden Leistungsdruck der Regelschule hartnäckig kommuniziert, dass er in die Förderschule zurückmöchte, was wir natürlich respektieren.

Ob das mit den Jahren nochmal besser wird? Keine Ahnung ... Ich sehe ihn als Erwachsenen klar im Sonder-System und bzw. hoffe ich sehr, dass er sich dort gut in die Werkstatt integrieren und seine geistigen Interessen als Hobby leben kann.

Liebe Grüße
Angie
Bene (2008): regressiver Autismus, schwerste expressive Sprachentwicklungsstörung (bei sehr gutem Sprachverständnis!), Bildung von Casiomorphin und Gliadorphin
Vorstellung plus Diäteffekte:
http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic73493.html

Primär nächtliche Epilepsie im motorischen Sprachzentrum (leider erst erkannt im März 2015!!!)

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Annileinchen
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Beitragvon Annileinchen » 22.10.2017, 14:00

Mir ist das auch ein Rätsel.

Und selbst wenn kognitiven Beeinträchtigungen zusätzlich bzw. unabhängig von der AWVS vorliegen, können doch die Schwierigkeiten bei der auditiven Wahrnehmung jene Schwierigkeiten verstärken.

Eine Förderung im Bereich der auditiven Wahrnehmung könnte also den kognitiven Bereich anregen.Unglaublich, wenn man Kindern entsprechende Förderung absprechen will, weil sie scheinbar “zu doof” sind.

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 22.10.2017, 15:17

Ich würde wirklich WEIT über den Tellerrand schauen und jemanden suchen, der sich mit BEIDEN Problematiken auskennt, und der auch eine AVWS diagostizieren kann.

Im Prinzip haben wir eine ähnliche Situation. Klar ist augenscheinliche Behinderung von Alexander die Gehörlosigkeit, aber durch den Autismus ist er nochmal deutlich mehr beeinträchtigt. Ich kenne mittlerweile rein gebärdensprachig aufwachsende, gehörlose Kinder, die sind in puncto Sozialverhalten, Emotionskontrolle und Kommunikation völlig normal. Davon ist Alexander weit entfernt.

Wir haben die Autismus- Diagnostik in Linz (250km entfernt) im KH der barmherzigen Brüder machen lassen, weil das in Wien bei einem gehörlosen, nonverbalen Kind niemand konnte. Für gute Horchi-Einstellung sind wir seinerzeit regelmäßig 650km nach Innbruck gefahren (mit 3tägigem Aufenthalt jedes Mal). Es gibt für so zoemlich alles Ansprechpartner, nur sind die nicht immer um die Ecke und leicht zu finden. So eine Diagnostik lässt sich in Sachen Aufwand und Kosten auch nicht mit derselben Verdachtsdiagnose bei gesunden Kindern vergleichen.

Aber es ist immer gut, Klarheit zu bekommen, und auch die Personen oder Stellen, die sich jetzt noch quer legen, sind vielleicht durchaus mit einem seriösen, aussagekräftigen Befund von den speziellen Bedürfnissen des Kindes zu überzeugen.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
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Angela77
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Beitragvon Angela77 » 22.10.2017, 15:51

Hi Lisa,
Alex- Hauptoblem ist wohl, dass die Diagnose per definition ausgeschlossen ist, wenn eine kognitive Beeinträchtigung vorliegt. Und dann kommt noch dazu, im Schulalltag oder sonstwo eine Experten zu finden, der auf beides spezialisiert ist.
Unser Sohn braucht aufgrund der Kombi AWVS, Autismus, Dypraxie und Aphasie defintiv permanent einen Einzellehrer, um sich Dinge "aneignen" zu können. Er speichert Inhalte durchs Sehen sehr gut, keine Frage.
Aber die größte Problematik ist die die flexible Anwendung und die Tatsache, dass er nicht fragen bzw. erklären kann, was er nicht versteht. Also, bei uns würde z.B. ein Unterricht, der rein auf AWVS abstellt nur unwesentlich mehr nutzen als die normale (Sonder-)Pädagogik. Im Grunde braucht mein Sohne einen höchst individuellen Unterricht. Das ist im Schulalltag, egal an welchem Förderort nicht möglich .... Daher sparen wir uns auch die offizielle Diagnose. Es würde uns nicht weiterbringen :wink:

LG
Angie
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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 22.10.2017, 16:50

Hi Lisa,
Alex- Hauptoblem ist wohl, dass die Diagnose per definition ausgeschlossen ist, wenn eine kognitive Beeinträchtigung vorliegt. Und dann kommt noch dazu, im Schulalltag oder sonstwo eine Experten zu finden, der auf beides spezialisiert ist.
Unser Sohn braucht aufgrund der Kombi AWVS, Autismus, Dypraxie und Aphasie defintiv permanent einen Einzellehrer, um sich Dinge "aneignen" zu können. Er speichert Inhalte durchs Sehen sehr gut, keine Frage.
Aber die größte Problematik ist die die flexible Anwendung und die Tatsache, dass er nicht fragen bzw. erklären kann, was er nicht versteht. Also, bei uns würde z.B. ein Unterricht, der rein auf AWVS abstellt nur unwesentlich mehr nutzen als die normale (Sonder-)Pädagogik. Im Grunde braucht mein Sohne einen höchst individuellen Unterricht. Das ist im Schulalltag, egal an welchem Förderort nicht möglich .... Daher sparen wir uns auch die offizielle Diagnose. Es würde uns nicht weiterbringen :wink:

LG
Angie
Hallo Angie,

ich habe in meinem Beitrag nicht dich sondern Alexandra angesprochen :wink: . Und im Einstiegs-Thread meinte sie ja, ihre Tochter habe eine visuelle Wahrnehmungsstörung, Epilepsie und verbale und motorische Dispraxie, daher würde ihr die Testung in Sachen AVWS verweigert (wenn ich es richtig verstanden habe - sonst bitte ich um Korrektur).

Und dann stand im Beitrag noch wörtlich In der Schule ist es ja leider meist so, dass etwas, das nicht irgendwo schwarz auf weiß steht, gar nicht berücksichtigt wird. sowie Wie war es bei euch? Wer macht eine gute Diagnostik und nimmt sich auch einem Kind mit weiteren Baustellen unvoreingenommen an?

Darauf bezog sich mein Beitrag. In Wien habe ich seinerzeit auch niemanden gefunden, der sich (zu)getraut hätte, mit einem gehörlosen, nonverbalen Kind eine allgemeine Entwicklungsdiagnostik zu machen und AUSSERDEM noch auf Autismus zu testen. Aber es gab wen! Ich kann Alexandra zwar nicht sagen "Bei dir in der Nähe ist xxx auf so was spezialisiert", aber ich weiß, dass wer suchet auch findet. Mein Beitrag soll eine Ermutigung sein, weiter zu suchen, und sich nicht von der Verweigerung eines Pädaudiologen entmutigen zu lassen. Sicher wird es viele Spezialisten auf EINEM Gebiet geben, welche sich aber Diagnostik auf einem ganz anderen Gebiet nicht zutrauen. Aber es gibt auch die von Alexandra beschriebenen, unvoreingenommenen Stellen bzw. Personen, nur sind sie schwer zu finden!

Der Arbeitsaufwand ist auch ungleich größer weil sich die Personen erst mal über die bekannten Besonderheiten im Allgemeinen und die von Alexandras Tochter im speziellen auseinander setzen müssen, und weil man das eine (Wahrnehmungsstörung und Dispraxie) vom anderen (AVWS) einfach nicht klar trennen kann.

Ich für meinen Teil bin froh, Kinder im Alter meines Sohnes zu kennen, die NUR gehörlos sind, ansonsten aber gesund. Daher war mir sehr wohl klar, dass man manche Eigenheiten (z.B. kein Interesse an Sauberkeitserziehung, kein Interesse an Freundschaften, extreme Wutanfälle wegen vermeintlicher Kleinigkeiten, Spezialinteressen) eben NICHT mit der Gehörlosigkeit rechtfertigen kann und da "noch was" sein muss.

Der Arzt, der Alexander schließlich diagnostiziert hat, kannte sich SOWOHL mit Gehörlosigkeit ALS AUCH mit Autistmus aus - das war auch Voraussetzung für die Diagnostik. Aber er war eben NICHT meiner Heimatstadt Wien (mit 1,8 Millionen Einwohnern) zu finden, sondern ich mußte über den Tellerrand schauen. Und genau das habe ich Alexandra auch geraten :wink: !
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Annileinchen
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Beitragvon Annileinchen » 22.10.2017, 16:52

Solange die Schule Nachteilsausgleiche auch wegen des fehlenden Hörverständnisses anerkennt, ist das ja auch kein Problem.
Bei Alex scheint dies aber eins zu sein 😕

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 22.10.2017, 17:03

Im Grunde braucht mein Sohne einen höchst individuellen Unterricht. Das ist im Schulalltag, egal an welchem Förderort nicht möglich .... Daher sparen wir uns auch die offizielle Diagnose. Es würde uns nicht weiterbringen :wink:
Was den individuellen Unterricht betrifft, so bin ich der Ansicht, dass der Großteil der besondern Kinder diesen braucht! Und da ist die unterste Ebene, in dem Fall die Lehrperson, erster Ansprechpartner. Wenn die Lehrer nicht ohne Befund auf die Eigenheiten des Kindes eingehen DÜRFEN dann krankt es zwar gewaltig am System, aber dieses Wissen hilft niemanden. Daher muss ein Befund her und somit auch jemand, der sich ausreichend gut auskennt um sich so eine Diagnostik zuzutrauen.

Wir haben das Riesenglück, dass die Logopädin meines Sohnes ein absoluter Profi ist. Sie sieht sich an, was mein Sohn von sich aus mitbringt, und baut darauf ihre Stunden auf. Es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, wie interessiert und lernwillig er ist, wenn ihm jemand auf Augenhöhe begegnet und wahrnimmt, wie man sein Interesse fesseln kann. Sie ist außerdem die einzige Person, bei der mein Sohn ohne Streit und Murren sowohl Brille als auch Horchis trägt. Hätten wir sie nicht hätte ich keine Ahnung, wie viel bei ihm wirklich möglich ist. Daher sind auch meine Erwartungen an andere Personen, die mit Alexander arbeiten, höher.
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Beitragvon Annileinchen » 22.10.2017, 17:16

Da stimme ich Lisa zu. Wenn Lehrer nicht von sich aus auf die behinderungsbedingten Nachteile Rücksicht nehmen, muss eine Diagnose her.

Nun gut, die blöde Definition besagt halt, dass eine AWVS bei kognitiven Beeinträchtigungen ausgeschlossen ist. Willkürlich zwar, wie ich finde. Definitionen in der Psychiatrie sind m.E. rein gewillkürte Zustandszuschreibungen.

Aber nun, wenn der Pädaudiologe daher keine Diagnostik machen will, empfiehlt es sich dann, sich an Autismusdiagnostiker zu wenden, die die Probleme bei der Hörverarbeitung als Symptom dem diagnostizierten autistischen Erscheinungsbild hinzufügen. Jeder Autist hat schließlich andere Probleme.

Wenn die Schwierigkeiten in Zusammenhang mit dem Autismus benannt werden, kann auch in den Förderempfehlungen darauf eingegangen werden.

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Alexandra2014
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Beitragvon Alexandra2014 » 22.10.2017, 19:10

Huch, na hier ist ja was los! :D

Der Witz ist ja, dass man inzwischen davon ausgeht, dass eine Ursache der AVWS wohl auch eine Hirnschädigung ist. Ich kenne aber ehrlich gesagt kein Kind mit Hienschädigung, das „nur“ eine AVWS hat. Die meisten sind doch vielfältig - und auch oft kognitiv - betroffen.

Eine kognitive Einschränkung schließt eine AVWS ja auch nicht aus, sie macht - mit die gängigen Tests - nur eine Diagnostik so gut wie unmöglich. Deswegen sind die eindeutigen Tests auch bei jüngeren Kindern nicht möglich, sondern erst ab Schulalter.

Deswegen setze ich meine Hoffnung auf Bochum. Die Ärztin dort hat einen eigenen Test entwickelt, der bereits ab vier Jahren valide Ergebnisse liefert.

Aufgrund eines abgesagten Termins konnten wir sogar bereits im November einen Termin ergattern (sonst erst Mai/Juni)  8) .

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Angela77
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Beitragvon Angela77 » 22.10.2017, 19:54

Hallo Lisa,

da gebe ich dir bezogen auf Alex Tochter völlig recht :wink:
@Alex: Lass uns bitte wissen, war raus gekommen ist :wink:
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