Ö: welche Berechtigungen bei 'formal gehörlos'?

Zum Teil unterscheiden sich die rechtlichen und organisatorischen Strukturen zwischen Deutschland und den verschiedenen Nachbarländern erheblich. Hier in dieser Rubrik sammeln wir alle landesspezifischen Infos.

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Elke35
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Ö: welche Berechtigungen bei 'formal gehörlos'?

Beitragvon Elke35 » 06.09.2017, 14:40

Hallo,

weiß jemand von Euch wie das in Ö ist ??

Welche Berechtigungen hinsichtlich weiterführender Schule, Lehre oder Beruf haben Kinder, die mit dem Lehrplan für Gehörlose in Ö die 8. bzw. 9. Schulstufe abschließen?

Danke

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AgnesH
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Beitragvon AgnesH » 06.09.2017, 14:43

Welcher Schulabschluss liegt bis jetzt vor?

Ich bin in D, aber weiß, dass auch schon Gehörlose aus Österreich ihr Abitur in Deutschland absolviert haben.

Elke35
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Beitragvon Elke35 » 06.09.2017, 14:51

Kein Schulabschluss, noch zu jung. Es geht einfach darum, was rein formell mit dieser Einstufung möglich ist. Im Netz finde ich von Ö nichts, in D ist glaube ich jeder Abschluss möglich damit oder?

AgnesH
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Beitragvon AgnesH » 06.09.2017, 15:32

Also in Deutschland können gehörlose Kinder (Förderschwerpunkt Hören) prinzipiell jeden Schulabschluss bis zum Abitur erwerben. Ein kleiner Teil studiert bzw. hat ein Studium abgeschlossen. Immer mehr gehörlose Kinder studieren in Deutschland mit Gebärdensprachdolmetscher, Schriftsprachdolmetscher, Mitschreibkraft. Auch diverse Ausbildungsberufe möglich. Es muss nicht immer Förderschulen, Berufsbildungswerke mit Schwerpunkt gehörlose Schüler sein. Es gibt in Deutschland z.B. SRH, wo hörbehinderte Menschen ihre Berufsausbildung unter Nichtbehinderte oder andere Behinderte/chronisch kranke machen.
Es ist eine große Spanne möglich. Die Voraussetzungen hörbehinderter/gehörloser Kinder sind unterschiedlich. Ob weitere Probleme neben Gehörlosigkeit sich dazu gesellen.

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 06.09.2017, 17:36

Ich vermute mal dass "nach der 9. Schulstufe" gemeint ist, weil wir ja 9 Jahre Schulpflicht haben. Oder wurde eine Klasse wiederholt und das Kind steigt nach der 8. Klasse schon aus? Und ich vermute, dass es eine NMS war.

Da hat das Kind auch mit Gehörlosen-Lehrplan alle Möglichkeiten: HAK oder Handelsschule, HTL oder Wechsel in eine AHS. Rein rechtlich kann der Besuch solcher Schulformen nicht wegen dem Gehörlosen-Lehrplan verweigert werden. Aber es kann Einstiegstests geben, die bestanden werden müssen, und die Anforderungen an das Kind können dann (im laufenden Schulbetrieb) zu hoch sein. Es kommt immer drauf an, Schulen und vor allem Lehrer zu finden, die auf die speziellen Bedürfnisse des Kindes eingehen. Und natürlich ist auch ein wesentliches Kriterium, wie gut das Kind lautsprachlichem Unterricht folgen kann.

Es gibt z.B. in meiner Wohnnähe ein Gymnasium, das integrativ von mehreren hörbeeinträchtigten Kindern besucht wird und mit Matura abschließt. Hier ist ein Link dieser Schule:

http://antonkriegergasse.at/index.php/w ... ntegration

Was Lehre betrifft ist ebenfalls alles möglich. Es gibt keine Lehrberufe, von denen Gehörlose grundstätzlich ausgeschlossen sind.

Aber egal wie der individuelle Weg ist und wie das Abschlußzeugnis aussieht, wird man immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Ich würde mich bei der Suche nach einer weiteren Ausbildung mit der dem Gehöslosencoaching des WITAF in Verbindung setzen und gemeinsamt die Möglichkeiten ausloten: http://www.witaf.at/team/ilona-seifert

Wie gesagt - es gibt keine speziellen "Berechtigungen" und theoretisch stehen alle Türen offen. Wie man dann konkret agiert, wenn eine Schule oder ein Lehrbetrieb jemanden auf Grund seiner Behinderung keine Chance gibt, ist eine andere Sache.
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AgnesH
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Beitragvon AgnesH » 06.09.2017, 17:58

Also wenn es um Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen GL geht, dieser behindert nicht die Schulausbildung.

Gruß
Agnes

Elke35
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Beitragvon Elke35 » 06.09.2017, 18:08

Danke Lisa. Gibt es dazu irgendwo einen Link die das so besagt. Wäre echt interessant.
Dass es so ist hab ich ja schon von vielen Seiten gehört, nur konkret 'schwarz auf weiß' konnte ich das nirgendwo nachlesen.

Lg

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 07.09.2017, 16:44

Ich kenne leider auch keinen Link, wo das schwarz auf weiß steht. Es ist aber auch individuell sehr verschieden, zu welchen Leistungen Gehörlose fähig sind. Dabei ist die Sinnesbehinderung in Wirklichkeit zweitrangig.

Ich sehe das bei meinem Sohn, der sowohl gehörlos als auch autisitisch ist. Vermutlich wird er zusätzlich zum "normalen" Gehörlosen-Lehrplan in einigen Gegenständen nicht nach dem normalen Grundschullehrplan beschult werden können.

Das Zeugnis (bzw. ob da draufsteht "nach Gehörlosenlehrplan") spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Der Nachteil in der Praxis ist halt, dass für eine mögliche Schule oder einen möglichen Dienstgeber (bei einer Lehre) oft nicht klar ist, wie bewertet wurde. Ist ein "befriedigend" im Deutsch gleichzusetzen mit einem "befriedigend" im Zeugnis einer normalen NMS? Jemand, der sich noch nicht mit der Thematik beschäftigt hat, kann das nicht wissen und daher ist (leider) naheliegend, dass man sich so viel Arbeit, sich da mal umfassend zu informieren, gar nicht antut, wenn es auch Bewerber gibt, wo es einfacher ist.

Da hilft auch nichts, ein Schriftstück in der Hand zu haben, welches besagt, dass grundstätzlich mit dem Abschlusszeugnis alles möglich ist. Dass das Zeugnis kein offizieller Grund für eine Ablehnung sein kann, ist die EINE Sache. Die andere Sache ist, dass das Kind auf Grund des Zusatzes "nach Gehörlosenlehrplan" kein Vorzugsrecht gegenüber anderen Bewerbern hat. So gesehen ist rein rechtlich alles recht schwammig :roll: .

Ich würde mich bei der Schul- oder Berufswahl eines gehörlosen Schulabschließers eng mit den Lehrpersonen, Förderpersonen, der Berufsassistenz usw. (also der persönlichen "peergroup" des Kindes) zusammenarbeiten und gemeinsam mit dem Kind besprechen, was möglich und machbar ist. Im Falle einer weiterführenden Schule gibt es ev. Aufnahmeprüfungen, mit deren Hilfe sich die Schule ein Bild machen kann, wo die Stärken und Schwächen liegen.

Wird ein Lehrberuf angestrebt würde ich nicht den "normalen" Weg wählen (Zeugnis und Lebenslauf hinschicken und auf Rückmeldung warten) sondern spezifisch einen Extra-Termin bei den am ehesten in Frage kommenden Betrieben vereinbaren. Dort dann am besten mit dem Bewerber samt Arbeitsassistenz (und ev. Gebärdensprach-Dolmetscher) hinkommen, um gleich etwaige offene Fragen klären zu können.
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Silvia & Iris
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Beitragvon Silvia & Iris » 04.11.2017, 11:02

Liebe Elke,

bei uns ist es so, dass die meisten Schüler - wenn sie die 4.NMS abschließen und da schon meist 9 Schuljahre hinter sich haben, dann noch in eine Übergangsstufe gehen. Dort werden dann Lücken nach bearbeitet und auf eine weiterführende höhere Schule vorbereitet. Diese Übergangsstufe kommt aber nur dann zustande, wenn sich mind. 4 Schüler finden. - Diese können aber auch - wenn es notwendig ist - im Internat wohnen - gilt für alle Schüler aus Wien, NÖ und dem Burgenland.

Außerdem gibt es alle 2 Jahre eine Veranstaltung in der Schule wo wirklich auf weitere mögliche Werdegänge hingewiesen wird die bis zur Matura führen. Doch die Schüler können normalerweise nur bis zum Ende der Schulpflicht im BIG Schüler sein, eine Betreuung durch die Lehrkräfte des BIGs findet aber auch danach noch statt, der Schüler muss aber dann Schüler der anderen Schule sein. - So läuft das z. B. auch in der Anton-Krieger-Gasse, die jährlich eine Klasse im Gymnasium anbietet, wo Schüler mit Hörbeeinträchtigung bis zur Matura kommen können! - Es wird aber sehr viel verlangt und ist wirklich ein K(r)ampf....
Es gibt auch noch andere Möglichkeiten ...

Am besten du rufst die Seite big.kids.at auf...

LG
Silvia
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 04.11.2017, 11:37

Außerdem gibt es alle 2 Jahre eine Veranstaltung in der Schule wo wirklich auf weitere mögliche Werdegänge hingewiesen wird die bis zur Matura führen. Doch die Schüler können normalerweise nur bis zum Ende der Schulpflicht im BIG Schüler sein, eine Betreuung durch die Lehrkräfte des BIGs findet aber auch danach noch statt, der Schüler muss aber dann Schüler der anderen Schule sein. - So läuft das z. B. auch in der Anton-Krieger-Gasse, die jährlich eine Klasse im Gymnasium anbietet, wo Schüler mit Hörbeeinträchtigung bis zur Matura kommen können! - Es wird aber sehr viel verlangt und ist wirklich ein K(r)ampf....
Es gibt auch noch andere Möglichkeiten ...
Wir wohnen in der Nähe des Gymnasiums in der Anton Krieger Klasse und ein Nachbarmädchen hat von 1 1/2 Jahren dort maturiert - genau in der Klasse, wo auch die hörbeeinträchtigten Schüler waren. Daher habe ich von dort ziemlich aktuelle Infos, wie es wirklich läuft.

In der Klasse waren zuerst 4 hörbeeinträchtigte Kinder, wovon eines so schlecht gehört hat, dass sich bald herausgestellt hat, dass es so unmöglich dem Unterricht folgen kann. Dieser Bub ist dann auch bald ausgestiegen und hat eine Lehre begonnen.

Bei den anderen war es so, dass sie - laut Nachbarmädchen - sehr stark von den Eltern unterstützt wurden und viel nachlernen mussten. Sie erzählte konkret von einem Bub, mit dem man sich in der 1:1 Situation normal unterhalten konnte, der aber vom Unterricht trotz CIs und Induktionsschleife viel nicht mitbekommen hat, und alles zu Hause nachlernen musste.

Mein Fazit daraus: es wird sehr wohl die Möglichkeit geboten, als Hörgeschädigter bis zur Matura zu kommen. Aber es gibt keinen gebärdensprachigen Unterricht und daher müssen die Schüler zumindest mit Hörhilfen (CIs, Hörgeräte) ein gewisses Hörvermögen mitbringen, sonst haben sie gar keine Chance. Und wenn sie mit Hilfsmitteln dem Unterricht zumindest teilweise folgen können liegt es immer noch sehr an der eigenen Motivation und an der Unterstützung durch die Eltern, ob sie wirklich bis zur Matura durchhalten.
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