Julia Latscha, Lauthals leben

Berichte von Eltern, die mit einem besonderen Kind leben

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Julia Latscha, Lauthals leben

Beitragvon Sabine » 09.06.2017, 08:16

Hallo,

in diesem Buch hat mich die kraftvolle, bildreiche Sprache der Autorin sehr beeindruckt. Es ist wirklich gut geschrieben, man mag es nicht aus der Hand legen.
Julia Latscha beschreibt den Alltag mit ihrer Tochter, die durch einen Ärztefehler behindert auf die Welt kam, heute 14 Jahre alt ist und neben körperlichen und geistigen Einschränkungen auch Verhaltensprobleme hat.
Insbesondere das unberechenbare Verhalten der Tochter bringt die Familie immer wieder an ihre Grenzen. Lotte verlangt Dauerbeschäftigung und die uneingeschränkte Unterordnung aller unter ihre Bedürfnisse, die immer jetzt und gleich erfüllt werden sollen.
An dieser Stelle hat mich das Buch etwas ratlos zurück gelassen, da ich von Jan-Paul zwar auch moderate Verhaltensprobleme gewöhnt bin, die haben aber lange kein solches Ausmaß. Daher weiß ich auch nicht genau, wie ich den Umgang der Mutter damit finden soll. Sie versucht wirklich alles, um Lotte zufrieden zu stellen, vermag aber an der Gesamtsituation wenig zu ändern.
Als die Eltern krankheitsbedingt beide ausfallen, lehnt sie Kurzzeitpflege für Lotte rundheraus ab, mit der Begründung, Lotte würde dort weinen und Heimweh bekommen und nicht behinderte Kinder würde man in so einem Fall ja auch nicht einfach weggeben. Das sehe ich schon ein bisschen anders, denn auch normal entwickelte Kinder werden oft gegen ihren Willen in Freizeiten untergebracht, weil Eltern arbeiten müssen oder krank sind und wenig bis keine Zeit für ihre Kinder haben. Babys verbringen oft den ganzen Tag in Krippen, weil Eltern berufstätig sind - wer fragt sie? Daher hinkt dieser Vergleich, finde ich... Ein Versuch wäre es jedenfalls in meinen Augen Wert gewesen, die Tochter behutsam an eine Betreuung in einer Einrichtung zu gewöhnen. Die meisten haben entgegen aller Klischees keinen "Pflegeheim"-Charakter, sondern sind Orte fröhlichen Miteinanders.
Die Not mit dem Verhalten der Tochter muss aber schon sehr groß sein, denn die Mutter reiste mit ihr zu den Schamanen in die Mongolei und nach Lourdes, in der Hoffnung auf Heilung bzw. Verbesserung im Verhalten. Das Buch enthält dann auch ein gedankliches Zwiegespräch mit der Mutter Gottes (?). Da war ich dann raus, weil mir alles Spirituelle und Esoterische immer etwas supekt ist. Es mag andere Leser geben, die das besser verstehen.
Dieser esoterisch-spirituelle Ansatz prägt auch die Beziehung der Mutter zu ihrer Tochter und ihre Deutung der Behinderung. Was denkt Lotte wirklich? Sieht sie Dinge, die wir "Normalos" gar nicht wahrnehmen? Manches konnte ich nachvollziehen, vieles nicht. Aber das ist einfach auch Geschmacksache. Manches habe ich verstanden, anderes weniger.
Fakt ist, dass ein Kind mit Verhaltensproblemen seine Eltern noch einmal vor ganz andere Herausforderungen stellt - zumal wenn es heranwächst, Kräfte entwickelt und immer lauter werden kann. Ein ungebärdiges Kleinkind wird noch eher akzeptiert als ein Teenager, der laut schreit, lacht und wild in die Hände klatscht, wenn andere ihre Ruhe haben wollen. Ein schwieriges Thema, für das es keine einfachen Lösungen gibt.

Auf jeden Fall ein lesenswertes, gut geschriebenes Buch - auch wenn ich viele Ansichten der Mutter nicht teilen kann und vermutlich andere Wege gegangen wäre, um meinem Kind zu helfen.

LG
Sabine
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Jan-Paul (10/01), schwer mehrfachbehindert ohne Diagnose, Tim-Henrik (03/05), Lea-Kristin (01/11)
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die_Jule
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Beitragvon die_Jule » 09.06.2017, 09:42

Hallo,

ich würde gerne diesen Text von Julia Latscha über ihre Reise in die Mongolei verlinken, vielleicht als so etwas wie eine "Leseprobe" für das Buch (das ich noch nicht gelesen habe):
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte ... -Ungewisse

Liebe Grüße,
die Jule
neugierige Jura-Studentin mit Interesse an Familienrecht, Betreuungsrecht, Verfahrenspflegschaften/-beistandsschaften
und mit großem Piraten (10/2011) und kleinem Osterei (3/2016).


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