Dreisprachigkeit und Probleme im Spracherwerb

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Sprachverzögerung/Sprachstörung austauschen und Erfahrungen bezüglich UK (unterstützter Kommunikation) weitergeben. Logopäden dürfen natürlich auch gerne hier Tipps geben!

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Anne_mit_2
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Beitragvon Anne_mit_2 » 17.04.2017, 22:17

Hallo Doro und Annika,

@Annika:
ich finde es problematisch, wenn das Kind die Umgebungssprache nicht ausreichend beherrscht, da es die Sprache ist, in der es mit den meisten Situationen mit Personen ausserhalb des direkten Umfelds (Arzt, Einkauf, Nachbarskinder) konfrontiert werden wird. Ich würde mir da Sorgen machen, wie es die notwendigen Erfahrungen mit der Aussenwelt machen und verstehen kann, die Kinder zum Heranwachsen brauchen.

Mir ist natürlich klar, dass gerade im wissenschaftlichen und im diplomatischen Umfeld häufige internationale Umzüge dazugehören und damit die Kinder irgendwie in der 'Blase' dieser Community gefangen sind. Das kann die allgemeinen Prämissen natürlich ändern, aber gerade dann wäre es für mich ein klares Muss, bewusst längere Heimataufenthalte einzuplanen und dort z.B. bei Oma und Opa/Onkel und Tante etc. so 'normal' zu leben.

@Doro:
Andererseits macht es auch mich traurig, dass mein Kleiner im Moment besser französisch (Sprache des Vaters sowie Schulsystems inkl. Kindergarten) als deutsch spricht, aber ich hatte dies von Anfang an erwartet und mich bewusst damit auseinandergesetzt. Ausserdem kenne ich schon innerhalb der Familie ausreichend Beispiele, wo die 2- oder sogar 3-Sprachigkeit gut klappt. Wichtig ist vor allem, dass es die Eltern - Kind -Beziehung in keinster Weise belastet und alles Wichtige tatsächlich in beide Richtungen mit allen notwendigen Nuancen kommuniziert werden kann.

Viele Grüße,
Anne

Doro1970
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Beitragvon Doro1970 » 18.04.2017, 12:08

Hallo liebes Forum,

ich bin ganz ueberwaeltigt, von den vielen tollen Antworten, auch per Privatnachricht. Nachdem ich meine Gedanken nun etwas sortiert habe, ist mir klar geworden, dass es bei uns vielleicht gar nicht direkt um Sprachprobleme geht, sondern um ein diffuses Gefuehl des Heimatverlustes. Und zwar eher bei mir, und (noch) nicht bei meiner Tochter.

Vor der Geburt meiner Tochter hatte ich mich schon in das Thema Mehrsprachigkeit eingelesen. Leider strotzen viele Buecher und andere Quellen jedoch vor Enthusiasmus und unbegruendetem Optimismus, so nach dem Motto (ironisch verkuerzt): Warum nur 3 Sprachen, Kinder saugen alles auf wie Schwaemme, am besten faengt man noch im Baby-Alter mit den Mandarin-Kursen an. Auf die harte Realitaet war ich nicht vorbereitet, dass ist bestimmt auch einer gewissen Naivitaet meinerseits zuzuschreiben. Wir machen OPOL, wir lesen viel, das Kind wird gefoerdet. Und trotzdem ist es schwierig.

Da meine Tochter seit sie 4 Monate alt war in der Kinderkrippe war, war ihr erstes Wort ausser "Mama" "encore". Das ist wahrscheinlich das nuetzlichste Wort ueberhaupt fuer die Creche, mehr Essen, mehr Zuwendung, meeeehhhr! Ueberhaupt hat sie bis sie zwei Jahre alt war quasi nur Franzoesisch gesprochen. Von daher kam es bei uns nie in Frage, die Umgebungssprache nicht zu priorisieren. Und als wir ihr mit 3 gesagt haben, dass sie keine Franzoesin ist, hat sie geweint.. Aber jetzt kommt die Heimatlosigkeit, trotz der fruehen Integration und Identifikation mit der Sprache und dem Land fehlt der kulturelle Bezug. Meine Tochter kennt eben nicht die klassischen Kinderbuecher, Lieder, Reime, Geschichten, mit denen die anderen Kinder aufwachsen.

Dafuer kennt sie natuerlich englische oder deutsche Lieder, aber sich wirklich in einer Sprache zuhause zu fuehlen, das tut sie nicht. Wenn man es positiv formulieren will, eine zukuenftige Kosmopolitin, oder negativ ein ewiger Expat. Es tut wirklich gut, darueber schreiben zu koennen. Hier in der Region herrscht naemlich ein wahnsinniger Trend zur "Kindesoptimierung", die Kinder werden zu Tode gefordert und gefoerdert, und stehen von klein an unter wahnsinnigem Leistungsdruck. Und wenn man sich mit anderen Leuten unterhaelt, laeuft natuerlich alles super. Die Kinder sind alles kleine Genies, unterwegs in eine strahlende Zukunft. Da tut es gut Feedbacks wie von Annika zu lesen, die sich eben auch Sorgen macht. Ueberhaupt war ich beeindruckt, von eurem Wissen, eurer Erfahrung und eurer Aufrichtigkeit. Das zeichnet dieses Forum sowieso aus.

Ich denke, wir werden versuchen, weiter wie bisher alle drei Sprachen zu verwenden. Allerdings verstehe ich jetzt besser, warum meine Tochter bestimmte Fehler macht. Und ich habe auch verstanden, dass es mit der allgemeinen Intelligenz wohl nichts zu tun hat, wenn diese Fehler gemacht werden. Alles muss ich versuchen, einfach den Druck herauszunehmen. Ich habe da Schwierigkeiten, die Balance zu finden, zwischen einer notwendigen sprachlichen Korrektur (z.B. einfach den falschen Satz korrekt als Frage wiederholen), und kleinlicher Haarspalterei (jeden Artikel direkt verbessern). Ich hoffe, dass mir dass nun mit eurer Hilfe besser gelingt.


LG

Doro
Tochter 12/2011
Verzoegerte Sprachentwicklung, vermutlich aufgrund von Dreisprachigkeit

rena99
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Beitragvon rena99 » 18.04.2017, 13:46

Ich habe da Schwierigkeiten, die Balance zu finden, zwischen einer notwendigen sprachlichen Korrektur (z.B. einfach den falschen Satz korrekt als Frage wiederholen), und kleinlicher Haarspalterei (jeden Artikel direkt verbessern). Ich hoffe, dass mir dass nun mit eurer Hilfe besser gelingt.
Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung! :D

Wenn deine Tochter aber sowieso schon in einer französisch-sprachigen Kita ist, würde ich tatsächlich sehen, dass sie in den nächsten Monaten viel mit einem extra für sie engagierten muttersprachlich französischen Kindermädchen spielen kann. Die kann dann mit ihr Barbie-Puppen spielen, Lieder singen, Bilderbücher lesen, Haare einpflechten und und und. Freunde von uns haben da hervorragende Erfahrungen mit gemacht. Das wäre mir wichtiger als irgendein strukturierter Kurs. Sprechen lernen geht nur mit Spaß, nicht mit Druck! Woraus folgt, und das hast du ja auch schon selbst erkannt, dass du mit den Haarspaltereien sofort aufhören und nur noch positiv spiegelnd antworten solltest.

Und Kulturen kann man nur gewinnen, nicht verlieren! Lass sie doch erst einmal das Französische voll entdecken. Das Deutsche wird ihr schon noch vertraut werden, ganz sicher! Aber das geht viel besser im Land selbst, also bei längeren Aufenthalten bei den Großeltern beispielsweise. Nur da kann ein Kind in dem Alter deiner Tochter sehen, dass ihr die Sprache im Alltag Nutzen bringt.

LG
Rena
Rena mit Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)
"Jeder Zwang ist Gift für die Seele." (Ludwig Börne)

Annika1
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Beitragvon Annika1 » 14.12.2017, 21:27

Hallo Doro,

ich bin neugierig: Wie ist es bei Euch weitergegangen? Wie hat der Schulanfang funktioniert? Unsere Tochter hat einen enormen Schub im Englischen gemacht, Französisch kommt auch immer mehr, aber das Deutsch braucht Übung.
LG,
Annika

Doro1970
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Beitragvon Doro1970 » 18.12.2017, 10:39

Hi,

tja, wie ging es nun weiter?

Im Sommer war Tochter tagsueber vier Wochen im Sommercamp (Geneve Loisir, fuer Kinder von 4-15, kann ich nur waermstens empfehlen), und sprach dann auf einmal gut Franzoesisch. Im September ist sie dann mit 5.5 Jahren als juengstes Kind (geboren 2 Tage vor dem Stichtag) in die 1. Klasse (CP) gekommen. Im September und Oktober haben wir nichts gehoert, weder positiv noch negativ. Im November bat die Lehrerin dann zum Gespraech. Da ich in den drei Jahre vorher wirklich nie ein positives Wort von den (staendig wechselnden Lehrkraeften) gehoert habe, bin ich natuerlich mit entsprechend niedrigen Erwartungen in das Gespraech gegangen. Und was passiert, eine neue junge sympathische Lehrerin, die voll des Lobes ueber meine Tochter ist. Sie hat eine gute Handschrift in Schreibschrift, kann Lesen und Rechnen, benimmt sich. Mir stand erst einmal der Mund offen. Meine Tochter kann schon seit sie 4 ist auf Deutsch lesen und "nach Gehoer" schreiben, aber das wurde vorher nie zur Kenntnis genommen. Die neue Lehrerin zeigte mir dann ganz begeistert eine Aufgabe, wo Woerter mit "o" gesucht wurden. Die anderen Kinder haben Woerter aus dem Lehrbuch genommen, wohingegen Tochter "Lokomotive" geschrieben hat. In dieser Schreibweise nicht korrekt geschrieben natuerlich in Franzoesisch, aber die Lehrerin fand gut, dass Tochter eben schon Silben zu Woertern zusammensetzen kann. So ein Verstaendnis in Bezug auf die Dreisprachigkeit habe ich mir vorher immer gewuenscht. Das Verstaendnis ist allerdings auch notwendig, um die Klasse vernuenftig zu unterrichten. Von 13 Kindern sind 5 dreisprachig und eines zweisprachig, d.h. fast die Haelfte der Kinder sind mehrsprachig. Von den 5 dreisprachigen Kindern bekommen allerdings 3 eine spezielle Foerderung in der Mittagspause, meine Tochter ist nicht darunter. Zwei franzoesische Kinder bekommen auch diese Foerderung. Somit haben 5 von 13 Kindern gewisse Schwierigkeiten. Da meine Tochter nicht dabei ist, denke ich, dass sie einen guten Schulstart hatte.

Zur Zeit scheint es eben gut zu laufen, was meiner Meinung nach an zwei Dingen liegt: In CP kommt es im Vergleich zu den Jahren in der Maternelle eben eher auf "akademische" Talente an wir Lesen, Schreiben und Rechnen, Dinge die objektiv gemessen werden. Z.B. schreiben die Kinder schon jetzt woechentlich Diktate in Schreibschrift, letzte Woche war es der Satz: "Dans la classe, il y a un garcon et des filles." Fuer das erste Drittel des 1. Schuljahres finde ich das schon sehr ordentlich. Was weniger zaehlt ist wohl das rein Muendliche, und das scheint meiner Tochter entgegen zu kommen. Und ein wichtiger Faktor ist die neue Lehrerin. Ich hoffe einmal, dass sie an der Schule bleibt.

Und die anderen Sprachen: Um ihrem Papa eine Freude zu machen, hat Tochter den englischsprachigen Grundschulunterricht gewaehlt und nicht den deutschsprachigen. Grrr :-) Einen Nachmittag in der Woche geht sie also statt zu ihrer Grundschule zur internationalen Schule in Ferney Voltaire. DIe Wahl hat sie aber schon etwas bereut, denn waehrend im deutschen Grundschulunterricht Lieder gesungen werden und gespielt wird, drillen die Englaender die Kinder mit Massen von Hausaufgaben zum Lesen und Schreiben. Wir machen da aber nur begrenzt mit, es gibt ja noch andere Dinge als Schule.

Ueberhaupt habe ich nach den vielen hilfreichen Postings im Fruehjahr mal eine mentale Liste gemacht, was Tochter eigentlich schon kann, anstatt mich auf falsche Artikel im Deutschen zu konzentrieren. Und da war ich dann schon baff. Ja, sie benutzt immer noch oft die falschen Artikel, die falschen Vergangenheitsformen, die Grammatik ist grottig, aber es sind stetige langsame Verbesserungen sichtbar. Zum Bespiel konnte sie im Spiegel den Satz: "Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern." lesen, und ins Englische uebersetzen.

Was mich bis vor einem halben Jahr immer so frustiert hatte, war die Schwierigkeit mit ihr ueber komplexere Themen zu reden. Das ist in Deutsch immer noch schwierig, aber in den anderen beiden Sprachen geht est. Meine Erwartungen an das Deutsche habe ich auch deutlich heruntergeschraubt, es ist eben die dritte Sprache, und somit im Moment nicht prioritaer fuer sie. Ich glaube Rena hatte mir damals mehr Gelassenheit empfohlen, und meistens schaffe ich das jetzt auch. Und das macht unser Leben entspannter..

LG

Doro
Tochter 12/2011
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Beitragvon Leela » 19.12.2017, 00:25

Hi,
Z.B. schreiben die Kinder schon jetzt woechentlich Diktate in Schreibschrift, letzte Woche war es der Satz: "Dans la classe, il y a un garcon et des filles."
Das schreiben Sie mit 6 Jahren???? Das macht mir Angst...
Deine Tochter war mit 5,5J. 4 Wochen lang on einem Sommercamp?
Hast Du jeden Tag mit ihr telefoniert? Hatte sie ein Handy mit?
LG
Sohn geb. Juni 2013 (5 Wochen zu früh, nach vorz. Blasensprung), Hirnblutung.
leicht entwicklungsverzögert
V.a. NF1 (cal)

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Beitragvon Doro1970 » 19.12.2017, 09:25

@Leela

Tochter war in den ganzen vier Wochen bis auf drei Naechte nur tagsueber von 9:00 - 17:30 im Camp. In diesem Camp koennen die Kinder jeden Tag entscheiden, ob sie dort schlafen wollen oder nicht. Die aelteren Kinder schlafen alle da, aber die kleinen Kinder meistens nicht. Vielleicht wird sie kommenden Sommer mal laenger dort uebernachten, das ist naemlich super geloest, in Riesenzelten zum Schlafen, Gemeinschaftszelt zum Spielen und ganz tollen Betreuern. Sowieso, das Camp ist 15 Minuten von unserem Wohnort entfernt, selbst wenn sie morgens um 9:00 gesagt hat, dass sie dort schlafen will, sind wir abends um 17:30 noch einmal hingefahren um zu fragen, ob sie ihre Meinung nicht geaendert hat.

Und zu den Diktaten: In der Schule bekommen sie jede Woche jetzt eine Liste von Woertern, die sie lernen muessen. Die Diktate beziehen sie dann nur auf diese Woerter. Dennoch war ich ueberrascht, wie frueh hier schon auf Rechtschreibung geachtet wird. Von Deutschland hoert man ja eher so Sachen wie "Schreiben nach Gehoer" und "Lesen durch Schreiben", und dass bis zur dritten Klasse die Rechtschreibung kaum zaehlt. Ueberhaupt ist die Schule hier viel strenger als in Deutschland, viel Frontalunterricht, Disziplin. Das kannst du nicht auf den Schulstart deines Sohnes uebertragen, ihr koennt euch gluecklich schaetzen in Deutschland zu sein.

LG

Doro
Tochter 12/2011
Verzoegerte Sprachentwicklung, vermutlich aufgrund von Dreisprachigkeit


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