Seid ihr glücklich?

Hier könnt ihr Diskussionen bezüglich religiöser Fragen und Meinungen führen - oder auch einfach über religiöse Feste wie Taufen, Konfirmationen etc. brichten. Für Familien mit besonderen Kindern haben religiöse Sitten und Gebräuche schließlich auch einen besonderen Charakter.

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Dario
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Beitragvon Dario » 06.01.2016, 22:45

Hallo euch allen,

insgesamt kann ich mich nicht als glücklich gezeichnen. Ich bin zwar zufrieden, dass ich in gesichterten und stabilen Verhältnissen leben (schöne Wohnung, sicherer Arbeitsplatz, einigermaßen gesund usw.), aber in umfassender Weise glücklich bin ich nicht, dazu fehlt mir in emotionaler Hinsicht zu vieles, z.B. eine Partnerschaft mit einer Frau, ein gutes Verhältnis zu meiner Familie oder wirkliche Freunde im realen Leben. Auch meine Behinderung (Autismus + Sprachbehinderung) schränkt sozial doch ziemlich ein und lässt mich sicher nicht im "klassischen Sinn" glücklich sein.

Es gibt allerdings einzelne kurze Momente im Leben, wo ich mich duchaus glücklich fühle, die in mir das Gefühl hinterlassen: "Heute habe ich einen schönen und erfüllten Tag verbracht!" Das macht meine grundsätzlichen Sorgen zwar nicht weg, aber sie treten dann für einige Zeit in den Hintergrund. Es heißt immer, man soll das Glück in den kleinen Momenten des Leben suchen, nach meiner Erfahrung stimmt das auch. Glück ist immer etwas Flüchtiges, wenn man es festzuhalten und zu konservieren versucht, dann entgleitet es einem ganz schnell wieder.

Manchmal wird auch erst im Nachhinein bewusst, wie gut es mir einst in bestimmten Situationen ging, dann kann auch im Nachhinein ein Gefühl entstehen von "Damals war eigentlich recht glücklich, wenn ich es aus heutiger Sicht betrachte!" Was meint ihr: Ist Glück für euch immer etwas Gegenwärtiges, das man im jeweiligen Augenblick erlebt? Oder kann einem Glück auch im Nachhinein bewusst werden, wenn man sich an vergangene Zeiten erinnert?

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nadinepaul
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Beitragvon nadinepaul » 06.01.2016, 23:06

Glück ist sowohl der Moment für mich aber auch vergangene Tage

Es gibt aber kein permanentes Glückgefühl sondern Glücksmomente und wenn die überwiegen von getrübten Momenten, ich finde dann darf man von "ich bin Glücklich" sprechen

Für mich sind Glücksmomente wie z.b. Heute das Junior und seine Schwester intensiv ohne Auaraster und ohne streiterein 2 std. Gespielt haben.

Glücksmomente ist für mich auch wenn ich und mein Mann Abends auf dem Sofa sitzen einen guten Film schauen uns was leckeres zu Essen bestellt haben.

Diese Glücksmomente nehme ich bewusst war und tanke kraft daraus für die trüben Momente
Paul *2012 mit Zwillingsschwester (die eine ganz normale kleine Dame ist)
Autist (verdacht auf Arberger, neue Testung 2017)
Wahrnehmungsstörung (lt. Frühförderung)
Auditive Wahrnehmungsstörung (Diagnose vom Pädaudiologe)

Kombinierte Entwicklungsstörung + Verdacht auf Krampfanfälle (lt. u8)

Amber
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Beitragvon Amber » 08.01.2016, 19:35

Danke für all die liebevollen und ehrlichen Kommentare!

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Felicitas E.
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Beitragvon Felicitas E. » 08.01.2016, 20:48

Hallo ihr!
Ich möchte auch noch was dazu schreiben....
Ich würde von mir behaupten dass ich glücklich bin.
Ich hab wirklich tolle Freunde, ich hab in meinem Leben bisher alles erreichen können was ich mir vorgenommen habe, ich hab tolle Hobbys und erlebe viele schöne Dinge. Ich kann eigenständig leben, studieren und teilweise auch Menschen weiterhelfen.

Trotzdem hab ich immer mal wieder Phasen, wie jetzt gerade wieder gehabt, in denen ich meine Behinderung doof finde. Oft liegt das entweder an dem großen zeitlichen und organisatorischen Aufwand, den sie mit sich bringt oder daran, dass andere Menschen glauben mir Grenzen setzen zu müssen, wo ich mir selbst keine stecken würde und das nur aus der bloßen Tatsache heraus, dass ich zeitweise im Rollstuhl sitze. Das ärgert mich dann sehr. Aber dann ärgert mich nicht die Behinderung selbst, sondern viel mehr eben das immer noch vorherrschende Bild von einem Leben mit Behinderung und das dann alle Menschen mit Behinderung genau so ein Leben führen, was eben, in den Augen vieler Nichtbetroffener, ganz vieles UNMÖGLICH, statt möglich macht. Das vieles eben trotzdem geht, nur anders, sehen ganz viele Menschen nicht und das ärgert mich.

Aber wenn ich nicht behindert wäre, gäbe es bestimmt andere Gründe um mal nicht so glücklich zu sein. Denn man kann nicht nur glücklich sein.

Ich denke meine Behinderung und all die unschönen Dinge, die sie AUCH mit sich bringt, haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin und ich glaube ich bin gut so wie ich bin. Und für diese Erkenntnis bin ich dankbar und glücklich.

Ganz liebe Grüße
Felicitas
Liebe Grüße Felicitas,26 Jahre, Spina Bifida und Diabetes
Das Leben ist keine Gerade!

lenabusche
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Beitragvon lenabusche » 08.01.2016, 22:07

Hallo ihr Lieben,

klar, das Thema bewegt viele Eltern von behinderten Kindern. Mich auch. Ich kenne manche Glücksmomente kann ich sagen. Aber auch genauso viele Momente, indenen ich verzweifelt, traurig und hilflos bin. Mein Sohn ist schwerst- mehrfachbehindert und uns sagte ein Arzt vor einer Woche, dass er das nächste Jahr nicht überleben wird. Meine Trauer und Verzweiflung, besonders wenn Luis Schmerzen hat , sind riesen groß!
ABER: es gibt auch so unendlich schöne Momente. Eben ist er friedlich in meinem Arm eingeschlafen. Ich spüre, wie er mich als Mutter immer mehr wahr nimmt, wie er es in meinem Arm genießt.
Ich will ihm sein kleines Leben so schön wie möglich gestalten und freue mich über jeden Augenblick, in dem er entspannt bei mir ist!
Uns kann ein behindertes Kind soviel lernen! Ich erlebe das Leben als inteniver, lebenider und tiefer seit ich Luis habe. Luis ist mein ganzes Leben und sein unschuldiges liebes Wesen lehrt mich so einiges!

Liebe Grüße

Lena
Lena (1979) mit Luis (geb. Juni 2013). Entwicklungsstörung, visuelle Wahrnehmungsstörung, beidseitig taub (mit Cochlea Implantaten versorgt). Westsyndrom. Ist ein ein kitzliger, kleiner Lachvogel

FostermomUte
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Beitragvon FostermomUte » 09.01.2016, 15:11

Guten Tag Ihr Lieben,

eine spannende Frage und so viele spannende Antworten!

Ich bin ja Pflegemama und habe mich bewusst für ein Kind mit Handicap entschieden. Ich durfte Motte aus dem Krankenhaus mitnehmen, als sie 6 Wochen alt war. Die ersten Monate waren noch relativ easy, erst im letzten Jahr wurde und wird das Ausmaß ihrer Behinderungen immer deutlicher.

ABER sie ist mein absoluter Glücksgriff, ich würde sie um keinen Preis der Welt mehr hergeben oder missen wollen. Ich habe lange im Ausland gelebt und vieles gemacht, was ich immer machen wollte, aber nichts lässt sich mit dem vergleichen, was es bedeutet, Mama von Motte sein zu dürfen. Sie ist ein Geschenk des Himmels und hat mich schon in einer Weise verändert, die ich nie für möglich gehalten hätte.
Ja, es gibt viele Sorgen und manchmal Tränen und manchmal komme ich an meine Grenzen. Aber wenn sie ihre Arme um meinen Nacken legt und 'kuschel...weich' sagt und sich an mich drückt, dann weiß ich, wofür ich das mache...

Ich möchte kein anderes Leben. Und ohne Motte wäre ich ja nicht in diesem tollen Forum aktiv... :D

Liebe Grüße,
FostermomUte
Pflegetochter, geb 2/2014, angekommen 4/2014, MMC mit hohem Querschnitt, Shunt-versorgter Hydrocephalus, Arnold-Chiari-Malformation Typ II, ganz neu große Schwester von
Pflegesohn, geb 3/2017, angekommen 5/2017, MMC mit hohem Querschnitt, Shunt-versorgter Hydrocephalus, ACM II, Klumpfüßchen, meine beiden Geschenke des Himmels

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Anja mit Tristan
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Beitragvon Anja mit Tristan » 09.01.2016, 22:30

Hallo zusammen,

ich mache es kurz: Ich bin nicht glücklich und wenn ich gewusst hätte, wie meine Schangerschaft endet, wäre ich nie schwanger geworden. Ich hätte mir jeden Tag fünf Wecker gestellt, damit ich ja nicht vergesse meine Pille zu nehmen. Vor meiner Schwangerschaft habe ich meinen persönlichen Traum gelebt und jetzt lebe ich in meinem persönlichen Albtraum.
Bei mir besteht auch kein weiterer Kinderwunsch. Selbst wenn, ich wüsste gar nicht, woher ich die Zeit und die Kraft für ein weiteres Kind nehmen sollte.

Liebe Grüße
Anja
Tristan: 10/2014, HIE, Aphagie (Button), Hiatushernie, Cardiainsuff., GÖR, Fundoplicatio, ICP, Laryngomalazie, Sehbehind., global entwicklungsverz. - Mamas und Papas Sonnenscheinchen

Anja Müller
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Beitragvon Anja Müller » 09.01.2016, 22:42

Hallo,

im Großen und Ganzen: "Ja!"

Anja

Tania07
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Beitragvon Tania07 » 10.01.2016, 00:49

Hallo Amber/Martina!

Erstmal finde ich die Frage gut, weil sie irgendwie sehr naiv gestellt wurde.
Deswegen wage ich auch, darauf ehrlich und offen zu antworten.
Meine Antwort: Nein. Ich bin nicht mehr glücklich. Ich habe eindeutig einen Knacks wegbekommen. Erstens dadurch, dass mein Sohn durch Pfusch bei der Geburt erst behindert geworden ist und zweitens, dass er als gesund entlassen wurde und ich ganz grausam Schritt für Schritt seine Behinderung quasi selber "recherchieren" musste.
Das Grauen kam tatsächlich scheibchenweise. Ja, ich möchte sagen, ich bin durch die Hölle gegangen und ich kann tatsächlich sagen, dass ich ganz oft die ganze Sache immer noch betrachte wie von außen. So wie man eben manchmal einen schlechten Film sieht.
Was da ist, ist eine tiefe Liebe zu meinem Sohn, ich liebe ihn aus vollem Herzen und ich bin glücklich, wenn ich ihm nah bin.

Allerdings ist dies bittersüß, weil es gepaart ist mit den Erfahrungen, die leider auch eine Mutter von solch einem Kind durchleiden muss: Diskriminierung von Mutter und Kind, Psychologisierung der Mutter und dem ständigen Bewusstsein, dass man sich mit den Gegebenheiten, die für solche Kinder da sind, eben "abfinden" muss: Keine Förderung sondern ständig der Verweis, dass ja "Lebenspraxis" das wichtigste sei oder Bespaßung aus Bequemlichkeit derer, die berufsmäßig solche Kinder betreuen.
Dies empfinde ich als stärkste Diskriminierung seitens der ganzen Organsiationen, Schulen etc., die ihr Geld mit Behindertenarbeit verdienen.
Somit wird die ganze private Förderung der Eltern praktisch "lächerlich" gemacht, nach dem Motto: "Das Kind kann ja nur schreiben und lesen, weil die Mutter es will, er selbst will es ja gar nicht...."
Diese Ohnmacht und Abhängigkeit dieser Behindertenpädagogik löst in mir eine Ohnmacht und Wut aus, die mich nicht glücklich macht, sondern einfach nur unglücklich.
Ich wäre glücklich, wenn es ein anderes System wie Kinder wie meines gäbe - alles, was passiert ist und passiert, habe ich nicht glauben wollen, aber es ist Realität und kostet zu viel Kraft, um auf Dauer dagegen ankämpfen zu können. Es wird davon ausgegangen, dass die Kräfte und der Widerstand der Eltern eh schwinden mit der Zeit nach dem Motto: "Das wird sie auch noch einsehen...." Die lähmt mich und macht mich unglücklich.

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mbecker
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Beitragvon mbecker » 15.01.2016, 13:45

Hallo!

Mich hat die Frage so sehr bewegt und beschäftigt, dass ich einen Blogartikel darüber geschrieben habe, den ich sehr gerne mit Euch teilen möchte. In diesem Artikel geht es lediglich um meine Gefühle sowie Empfindungen und die meines Sohnes, insofern ich für ihn sprechen kann.

https://andersunddochnormal.wordpress.c ... hinderung/

Herzliche Grüße, Marcella
Evan & Marcella
Lebenskunst - Leben mit HLHS & Autismus
www.andersunddochnormal.wordpress.com


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