Gott als Pädagoge

Hier könnt ihr Diskussionen bezüglich religiöser Fragen und Meinungen führen - oder auch einfach über religiöse Feste wie Taufen, Konfirmationen etc. brichten. Für Familien mit besonderen Kindern haben religiöse Sitten und Gebräuche schließlich auch einen besonderen Charakter.

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Anja Müller
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Gott als Pädagoge

Beitragvon Anja Müller » 21.03.2015, 17:05

Hallo,

mal eine Frage an Euch Eltern, die ihr auch schon eine Weile Erfahrungen mit "besonderen" Kindern wie auch den entsprechenden Sorgen und Problemen sammelt.

Es begegnet mir immer wieder, dass Leute versuchen, unseren Erfahrungen einen Sinn unter zu jubeln. Diese werden quasi als eine Art Lernaufgaben gesehen. Für die Erfahrung anderer mit uns gilt das ähnlich.

Gibt es z.B. Probleme mit Ärzten oder wurden diese gelöst, heißt es "Dann müssen Sie/muss der Arzt da wohl noch etwas lernen/hat der von Ihnen jetzt anscheinend etwas gelernt."

Oder wenn ich Komplikationen inzwischen zwangsläufig etwas gelassener nehme als am Anfang (was bleibt mir auch anderes übrig): "Da haben Sie wohl etwas dazu gelernt!"

Mich stört hieran nun zweierlei: erstens muss das "dazulernen" ja nicht unbedingt so positiv sein, wie unterstellt. es kann z.B. auch Resignation dahinter stecken oder mehr Durchsetzungsfähigkeit (aber war es nicht auch ganz schön, sich nicht soviel durchsetzen zu müssen?).

Zum anderen kommt Gott oder das Schicksal oder das Karma oder wer auch immer da so sehr als Lehrmeister daher. Das Leben scheint eine einzige Lernaufgabe zu sein. Alles passiert, damit wer was draus lernt. Und bei den Methoden ist besagte höhere Macht nicht grad zimperlich. Überspitzt gesagt: "Mach den Eltern nur ordentlich Angst um ihr Kind - da lernen die dann was!"

Mir ist nun auch klar, dass dahinter gut gemeinte Versuche stecken, bei der Bewältigung zu helfen. Und natürlich kann es helfen, wenn man versucht, auch/eher das Positive zu sehen ("Immerhin bin ich jetzt durchsetzungsfähiger ...").

Trotzdem geht es mir in der Summe doch ziemlich auf die Nerven.

Wäre es nicht auch möglich, die Dinge einfach mal so stehen zu lassen, wie sie sind? ("Das Kind ist sehr krank." - "Der Arzt ist eine Nervensäge." - "Daran kann man nichts ändern. Man muss aber auch nichts daraus lernen. Es ist, wie es ist ...")

Wie geht`s Euch damit?

VG,

Anja

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Lumoressie
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Beitragvon Lumoressie » 21.03.2015, 17:24

Also noch schlimmer finde ich es, wenn alles einen Sinn haben soll.
Meine kleine Pflegetochter ist mit zwölf Monaten und sechzehn Tagen gestorben.
Und dann ging es los: “Das war doch besser für die Kleine.“
“Das war doch besser für euch.“ “Wer weiß, wie sehr sie noch gelitten hätte.“
“Gott hat sicher noch was Besonderes mit euch vor.“ “Gott wollte sie nicht länger leiden lassen.“
Bla bla bla.
Die Krankengymnastin unserer Kleinen, die hat gesagt: “Das ist sehr traurig, J. war so ein tolles Kind.“ Das hat mir viel besser gefallen.

MajaJo
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Beitragvon MajaJo » 21.03.2015, 17:24

Hallo Anja,

ich habe in den letzten Jahren viel Schrott gehabt und habe selten - nur mit besten Freunden offen darüber geredet, weil bei uns immer mitschwang "wieso musstet ihr das Schicksal auch so oft herausfordern". Nun kommt noch hinzu, dass unsere Ehe der Herausforderung nicht standgehalten hat und ich mit sechs Kindern auch noch alleine dastehe. Es kommen jetzt gar keine Sprüche mehr, sondern reine Fassungslosigkeit. Ich brauche inzwischen eine Psychologin für meine "Probleme", da ich sie anderen gar nicht erzählen kann, da ich die dann hinterher trösten muss - ist mir lieber als die Sprüche und es ist wie es ist. Mir geht zur Zeit nur mein Mann auf die Nerven, der mein siebtes Kind spielt und auch noch mit einer jüngeren durchgebrannt ist und auf Opfer macht :roll:

Liebe Grüße
Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

Anja Müller
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Beitragvon Anja Müller » 21.03.2015, 17:33

Hallo,

das kann ich total gut verstehen und voll nachempfinden.

Sicher haben die anderen es zwar nur gut gemeint und wollten trösten, aber es waren die falschen Worte zur falschen Zeit. Vielleicht erträgt auch nicht jeder soviel Leid - dass sie es sich (auch) selber schön reden müssen?

VG,

Anja
A
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Anja Müller
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Beitragvon Anja Müller » 21.03.2015, 17:35

Hallo Maja,

das kenne ich auch - man kann es nicht jedem zumuten - und ich zumindest habe oft auch gar keine Lust mehr, viel zu erklären ... es ist anstrengend und ändert aber doch nichts...

VG,

Anja

Ich brauche inzwischen eine Psychologin für meine "Probleme", da ich sie anderen gar nicht erzählen kann, da ich die dann hinterher trösten muss -

MajaJo
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Beitragvon MajaJo » 21.03.2015, 17:39

Hallo Anja,

doch es hat tatsächlich auch etwas geändert. Bei meiner Arbeit werde ich inzwischen "in Watte gepackt". Trotz unzähliger Fehltage stehen alle hinter mir und machen klaglos meine Arbeit mit. Das ist unglaublich entlastend für mich, da ich meine Arbeit ungern aufgeben möchte, da sie mir Normalität und finanzielle Unabhängigkeit gibt.

Liebe Grüße
Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

Anja Müller
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Beitragvon Anja Müller » 21.03.2015, 17:42

Hallo Maja,

nun muss ich schon wieder sagen: "Das kenne ich auch" - zumindest ansatzweise ... Aber ich erzähle dort eher notgedrungen und nur soviel wie nötig und nur konkrete Fakten aus dem Alltag (nicht so sehr meine Gefühlslage)- eben damit die anderen unsere Lage kennen und verstehen können. Lieber ist es mir aber, ich kann Privatleben und Beruf auseinander halten. Die Arbeit so eine Art "seelisches Naherholungsgebiet" für mich ... Alles mal ein bisschen auf Abstand ... kleiner Probleme, lösbare Probleme ...

VG,

Anja

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Beitragvon MajaJo » 21.03.2015, 17:48

Seelisches Naherholungsgebiet, das gefällt mir :) so sehe ich das auch. LG Maja
Maja m. Jo (*10) Neurod., Ichth. vulgaris, Asthma, Allergien m. Anaphylaxie, GdB 70 H, A (*05) Chêneau-Korsett versorgte Skoliose und Sternenenkel (3/18-5/18)

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Re: Gott als Pädagoge

Beitragvon BeaV. » 21.03.2015, 18:20

Mir ist nun auch klar, dass dahinter gut gemeinte Versuche stecken, bei der Bewältigung zu helfen. Und natürlich kann es helfen, wenn man versucht, auch/eher das Positive zu sehen ("Immerhin bin ich jetzt durchsetzungsfähiger ...").

Trotzdem geht es mir in der Summe doch ziemlich auf die Nerven.

Anja
Das zeigt für mich mal wieder die Wahrheit des Spruchs: "Das Gegenteil von "gut" ist oft nicht "schlecht", sondern "gut gemeint".

Viel Kraft weiterhin!
Bea

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Beitragvon Anja Müller » 21.03.2015, 18:42

Hallo Bea,

ja - danke! Wir bemühen uns - bloß finde ich, das sollte eben reichen. Ich will dabei nicht immer auch gleich noch was dazu lernen müssen.

VG,

Anja


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